Zusammenfassung

  • PICS standardisierte Format und Verteilung von Web-Bewertungen, aber keine allgemeine Skala und keinen Dienst, der die Seiten selbst einstufte.
  • 1997 erklärte der Supreme Court zwei CDA-Bestimmungen für verfassungswidrig. Eine separate Stellungnahme erwähnte PICS und hielt nutzergesteuerte Filter für kaum verbreitet.

Wessen Bewertung soll ein Browser beachten? 1995 konnten Filter Webseiten bereits sperren. Sie konnten nur die Bewertungen konkurrierender Produkte nicht lesen. Wer ein Filterprogramm kaufte, bekam deshalb auch die Definition des Anbieters dazu, welche Inhalte problematisch waren.

Im August 1995 trafen sich Vertreter von 23 Unternehmen und Organisationen unter dem Dach des World Wide Web Consortium, um über Inhaltskennzeichnungen und Auswahlsoftware zu sprechen. Das Ergebnis hieß Platform for Internet Content Selection, kurz PICS. Es sollte den technischen Austausch regeln: Etiketten sollten zwischen Diensten und Programmen lesbar sein. Was eine Bewertung bedeutete, blieb Sache des jeweiligen Dienstes. Der W3C-Bericht zum Projekt datiert die ersten Spezifikationsentwürfe auf November 1995.

Ein gemeinsames Format, mehrere Maßstäbe

PICS trennte Filtersoftware von Bewertungslabeln. Jedes kompatible Programm konnte die Label jedes kompatiblen Dienstes lesen. Ein Anbieter konnte eigene Seiten kennzeichnen; ein unabhängiger Dienst durfte die Seiten anderer bewerten. Eine Seite konnte mehrere Urteile tragen, die auf unterschiedlichen Kriterien beruhten.

Ein Label konnte den Rating-Dienst, die bewertete URL, den Autor sowie Erstellungs- und Ablaufdaten nennen. Die Bewertung konnte mehrere Dimensionen umfassen, statt eine Seite schlicht als „erlaubt“ oder „gesperrt“ zu markieren. Die Spezifikation für Rating-Dienste und -Systeme beschrieb Kategorien und Skalen in maschinenlesbarer Form.

Labels gelangten auf drei Wegen zum Browser: eingebettet in HTML, als HTTP-Header des Servers oder über eine separate Label-Bureau-Abfrage. Ein Bureau konnte Bewertungen eines Drittanbieters zu einer Seite liefern, die auf einem anderen Server lag. Der externe Bewerter war nicht darauf angewiesen, dass der Seitenanbieter das Urteil selbst veröffentlichte. Die PICS-1.1-Spezifikation zur Label-Verteilung wurde am 31. Oktober 1996 W3C Recommendation und legte Format und Wege fest.

PICS lieferte weder Bewertungen noch Filterprogramme. Eltern wählten, welche Dienste zählten, welche Werte in jeder Dimension zulässig waren und was mit Seiten ohne Label geschah. In einer Mitteilung vom 3. Dezember 1996 erklärte W3C die Spezifikationen für bereit zur breiten Einführung und nannte bestehende oder geplante Produkte. Das war die Einschätzung des Standardisierungsgremiums, keine Zählung der Filter in den Haushalten. W3C-Mitteilung

Vor Gericht ging es auch um die tatsächliche Nutzung

Am 26. Juni 1997 erklärte der Supreme Court zwei angefochtene Bestimmungen des Communications Decency Act für unvereinbar mit dem First Amendment: eine betraf die Übermittlung „indecent“ Inhalte, die andere deren „patently offensive“ Darstellung. Die Mehrheit prüfte den Einwand der Regierung, Anbieter könnten Inhalte markieren, damit Empfänger sie blockierten. In der damaligen Akte existierte die dafür nötige Filtersoftware noch nicht; ein Anbieter konnte außerdem nicht wissen, ob ein Empfänger die Markierung tatsächlich sperrte. Die offizielle Entscheidung in den United States Reports

Justice Sandra Day O’Connor nannte PICS in einer separaten Stellungnahme als Projekt für nutzergesteuerte Filterung. Zugleich hielt sie fest, dass dafür ein allgemein erkennbarer Code, passende Software, breite Verfügbarkeit und tatsächliche Nutzung fehlten. Ihr Befund betraf eine andere Ebene als PICS’ Standard: Ein Label-Format war vereinheitlicht, eine gemeinsame Bewertungsskala und ein Filter auf jedem Rechner waren es nicht.

Zum Label gehörte auch ein Erklärungsweg

Im Juni 1998 veröffentlichten PICS-Beteiligte und weitere Unterzeichner die Erklärung „Using PICS Well“. Sie hielt fest, dass PICS inzwischen in Produkte eingeflossen war und Rating-Dienste sowie kompatible Filter existierten. Die Unterzeichner verlangten außerdem, dass Dienste ihre Kriterien offenlegen, Seitenanbieter Drittbewertungen einsehen und bei einem Widerspruch zu den veröffentlichten Maßstäben eine Korrektur beantragen können und Nutzer erfahren, weshalb eine Seite blockiert wurde.

Das Dokument stellte ausdrücklich klar, dass es keinen offiziellen W3C-Status hatte. Es benannte dennoch eine Lücke: Ein Urteil lässt sich übertragen, seine Begründung nicht automatisch. Die Erklärung der Unterzeichner von 1998 behandelte Transparenz, Korrektur und Nutzerkontrolle als Aufgaben jenseits des Formats.

W3C führt die PICS-1.1-Recommendation zur Label-Verteilung seit dem 24. November 2009 als zurückgezogen. Der Eintrag nennt Status und Datum, nicht den Grund. Die Aufgabenteilung bleibt der Kern: Dienste definieren Skalen, Anbieter und Dritte setzen Labels, Software übersetzt Werte in Sperren, Familien wählen Quelle und Schwelle. PICS ließ Bewertungen durch Programme reisen. Es bestimmte nicht, wessen Urteil gelten sollte. W3C-Veröffentlichungshistorie