Zusammenfassung

  • Steve Crockers RFC 1396 berichtet aus seiner Sicht über die POISED-Arbeitsgruppe und die Verfahrenskrise von 1992. Der Kompromiss behielt das Internet Architecture Board (IAB), das Architekturfragen behandelte, und die Internet Engineering Steering Group (IESG), die das Standardisierungsverfahren steuerte. Das IESG bekam die letzte Entscheidung darüber, ob eine Spezifikation im Verfahren weiterkommt.
  • Eine unmittelbare Wahl der Führung erforderte Wahlberechtigte; die Internet Engineering Task Force (IETF), das offene technische Arbeitsforum, kannte keine formale Mitgliedschaft. Sieben qualifizierte Freiwillige sollten die Kandidaten nominieren, bei Überzahl per Los ausgewählt. Das IAB bestätigte Kandidaten für das IESG; die Internet Society (ISOC) bestätigte Kandidaten für das IAB. Die Charta von 1994 schrieb eine jährliche Fassung fest.

Als Rat wie ein Beschluss klang

Zunächst ging es um Technik. 1991 sorgten die knapper werdenden IP-Adressen und wachsende Routingtabellen für Druck. Die ROAD-Arbeitsgruppe für Routing und Adressierung empfahl einen kurzfristigen Weg, fand aber keine langfristige Lösung. Das IESG leitete weitere Vorschläge an das IAB. Nach dem INET-Treffen im japanischen Kobe im Juni 1992 wies das IAB auch auf Ideen aus dem Connectionless Network Protocol (CLNP) hin. Viele verstanden diese Äußerung als Entscheidung über die Zukunft von IP. Crocker schreibt, zahlreiche IAB-Mitglieder hätten ihre Mitteilung dagegen als Beratung und Einladung zur Debatte gesehen.

Die wachsende Organisation hatte nun mehrere Vermittlungsstufen zwischen einer Arbeitsgruppe und dem IAB: Fachbereichsleitungen und das IESG trugen Vorschläge weiter. Eine Stellungnahme des IAB erreichte deshalb viele Menschen, die an ihrer Formulierung nicht beteiligt waren. Auf dem IETF-Treffen im Juli in Cambridge wurde klargestellt, dass die technische Wahl offen war. Gleichzeitig stand eine zweite Frage im Raum: Nach welchen Regeln entscheidet diese Organisation, und nach welchen Regeln setzt sie die Menschen in ihre Gremien?

Im August bat Internet-Society-Präsident Vint Cerf um eine Arbeitsgruppe für Ernennungen, Streit zwischen IAB und IESG und eine faire Anhörung der Beteiligten. So entstand POISED unter Crockers Vorsitz. Seine im Januar 1993 veröffentlichte Darstellung nennt sich ausdrücklich seine eigene Wahrnehmung der Vorgeschichte. Sie zeigt, wie der Streit in Vorschläge und anschließend in Verfahren übersetzt wurde.

Die Gremien blieben, die letzte Unterschrift wanderte

Crocker und Carl Malamud schlugen zeitweise vor, IAB und IESG ganz durch zwei neue Räte zu ersetzen: einen für technisches Management, einen für die Aufsicht über Verfahren. Beim IETF-Treffen im November 1992 in Washington legten Vertreter der bestehenden Gremien eine innere Reform vor. Am wichtigsten war die Einigung, dass das IESG die Beschlüsse im Standardisierungsverfahren fasst. Dazu gehörte die letzte Entscheidung, ob eine Spezifikation die nächste Verfahrensstufe erreicht.

Das IAB blieb also bestehen. Die letzte Unterschrift unter einem Standardisierungsbeschluss wechselte jedoch den Schreibtisch. Laut Crocker arbeitete das IAB innerhalb weniger Wochen seine alte Warteschlange ab; danach fasste das IESG diese Beschlüsse selbständig. Mit einer klareren Entscheidungsstelle wurde ihre Besetzung politisch noch wichtiger.

Eine formale Wahl hätte eine andere Grundsatzentscheidung verlangt: Wer steht auf der Wählerliste? Die IETF verlangte keine Mitgliedschaft und traf technische Entscheidungen gewöhnlich im Konsens, nicht durch Abstimmung. Mitten in einem Machtstreit einen Mitgliederkreis zu definieren, hätte den Streit lediglich verlagert. POISED entwarf deshalb ein Nominierungsgremium.

Das Los bestimmte die Suchenden, nicht die Amtsinhaber

Sieben Sitze waren für Freiwillige aus der IETF-Gemeinschaft vorgesehen. Meldeten sich mehr als sieben, entschied das Los. Wer kandidierte, musste an zwei IETF-Treffen teilgenommen haben. Vertreter von IAB und IESG sowie ein von ISOC gestellter Vorsitzender waren ohne Stimmrecht beteiligt. Die sieben suchten Kandidaten für Ämter im IAB und IESG; das Los besetzte diese Ämter nicht unmittelbar.

Vorschläge für das IESG mussten vom IAB bestätigt werden, Vorschläge für das IAB von ISOC. Zweijährige, versetzte Amtszeiten sollten Kontinuität schaffen. Ein Abberufungsverfahren war ebenfalls skizziert: Nach Ausschöpfung anderer Aufsichtswege sollte ein ISOC-Ombudsmann Beschwerden aufnehmen; nach einer Bedenkzeit konnte ein ebenfalls zufällig zusammengesetzter Ausschuss von Freiwilligen mit Zweidrittelmehrheit jemanden abberufen.

Die Teilnahme an zwei Treffen sollte sicherstellen, dass Nominierende die Arbeit kannten. Sie war zugleich eine Eintrittskarte zum Losverfahren. Zufall erschwerte die gezielte Auswahl der sieben Ausschussmitglieder, ließ aber Teilnahmehürden und Bestätigungsrechte unberührt. Der oft beschworene Wille der Gemeinschaft bekam eine genaue Lieferkette mit mehreren Kontrollpunkten.

Die Treuhänder genehmigten vorläufig

Im Dezember 1992 stimmten die ISOC-Treuhänder der Richtung zu und gaben eine vorläufige Erlaubnis für das Auswahlverfahren. Eine neue Charta musste erst geschrieben werden. Die Treuhänder fragten ausdrücklich nach der rechtlichen Haftung von ISOC für künftige IESG-Entscheidungen. RFC 1396 sah die ersten Ernennungen noch als bevorstehende Arbeit.

Die spätere schriftliche Regel steht in RFC 1601 vom März 1994, die die Charta von 1992 ersetzte. Sie beschreibt einen jährlichen Ausschuss mit sieben zufällig ausgewählten Freiwilligen, die in den letzten zwei Jahren an zwei IETF-Treffen teilgenommen hatten. Ein Vorsitzender und vier Verbindungsmitglieder hatten im Nominierungsausschuss kein Stimmrecht. Im IAB saßen zwölf ordentliche Mitglieder und der IETF-Vorsitzende mit Stimmrecht; bei der Bestätigung von IESG-Mitgliedern durfte der IETF-Vorsitzende nicht mitstimmen. Die ISOC-Treuhänder bestätigten die zwölf ordentlichen IAB-Mitglieder, die wiederum den IETF-Vorsitzenden bestätigten.

Das Losverfahren liefert eine gute Anekdote. Entscheidend war die Verteilung der Befugnisse: Arbeitsgruppen erarbeiteten Vorschläge, das IESG entschied über den nächsten Schritt im Standardisierungsverfahren, sieben Freiwillige nominierten Führungspersonal, IAB und ISOC bestätigten unterschiedliche Ämter. Wer eine Entscheidung anfechten oder eine Ernennung prüfen wollte, wusste nun, an welchem Tisch sie gefallen war.

Quellen