Zusammenfassung

  • Tripod-Mitglieder konnten 1998 mit vorhandenen Werkzeugen kostenlose persönliche Homepages bauen. Tripod hostete und pflegte sie auf der eigenen Website und ordnete sie Interessengemeinschaften zu.
  • Lycos erwarb zusätzlich ein erweitertes Home-Page-Building-System, das an andere Firmen lizenziert werden sollte. Beim Kauf gab es dafür weder einen fertigen Prototyp noch einen begonnenen Betatest.
  • Die kostenlose Veröffentlichung gehörte zu einem Geschäft mit Werbung, Sponsoring und Onlinehandel. Die Geschäftsberichte weisen keinen Werbeerlös pro Tripod-Mitgliedsseite aus.

Der kostenlose Raum hatte einen Vermieter

Die eigene Homepage war ein Versprechen auf ein Stück Öffentlichkeit ohne eigene Serverrechnung. Tripod lieferte Speicherplatz, Werkzeug und Adresse. Mitglieder lieferten Texte, Bilder und die Gründe, aus denen andere Menschen vorbeischauten. Wer die Seite schrieb, war leicht zu erkennen; wer die Voraussetzungen ihres Erscheinens kontrollierte, stand im Browser weniger deutlich. Der Betreiber konnte den Baukasten ändern, Seiten in Gemeinschaften sortieren und den Zugang zum Publikum verkaufen.

Lycos beschrieb im Geschäftsbericht für 1998 bei der US-Börsenaufsicht SEC den vorhandenen Homepage Builder von Tripod. Mitglieder erstellten kostenlose persönliche Seiten, die auf Tripods Website gebaut und gepflegt wurden. Sie konnten sie mit thematischen „pods“ verbinden; der Bericht nennt mehr als 140 solcher Gemeinschaften. Dort standen Beiträge der Mitglieder neben Inhalten der Tripod-Redaktion. Diese Ordnung war Teil des Dienstes: Sie machte aus einzelnen Seiten ein Ziel, auf dem Besucher weiterklicken konnten.

Tripod bezog seine Einnahmen laut Bericht vor allem aus Werbung, Sponsoring und elektronischem Handel. Lycos verkaufte auf Netzwerkebene Banner und Sponsoring sowie Anzeigen nach Website, Suchwort oder Zielgruppe. Den Werbekunden meldete es Einblendungen und Klicks. Daraus lässt sich das Geschäftsmodell des Betreibers erkennen, aber keine Einzelabrechnung für jede Tripod-Seite. Der Bericht sagt nicht, dass jede Mitgliedsseite eine Anzeige trug oder welchen Betrag eine bestimmte Seite einspielte.

Der kostenlose Zugang war dennoch eine klare wirtschaftliche Entscheidung: Die Aufmerksamkeit für die gehosteten Seiten konnte anderswo vermarktet werden.

Lycos übernahm Tripod im Februar 1998 durch einen Aktientausch. Der Geschäftsbericht von 1998 bezifferte die Transaktion auf ungefähr 61,5 Millionen Dollar. Im Geschäftsbericht von 1999 steht eine Gesamtgegenleistung von ungefähr 61,4 Millionen Dollar. Die beiden gerundeten Angaben gehören zu unterschiedlichen Berichtszeitpunkten. Für die Geschichte der Homepage ist wichtiger, dass der Preis einen bereits funktionierenden Dienst und die Aussicht auf ein weiteres Softwaregeschäft umfasste.

Der zweite Baukasten stand noch auf der Werkbank

Der Bericht von 1999 beschreibt zunächst, was Nutzer tatsächlich vorfanden. Tripod und ein weiterer Lycos-Dienst boten kostenlosen Speicher und Onlinewerkzeuge. Auch ohne Programmierkenntnisse ließ sich in Minuten eine einfache Seite mit Fotos, Ton, Video und Gästebuch anlegen. Das waren Eigenschaften eines laufenden Verbraucherdienstes, kein Plan für ein künftiges Produkt.

An anderer Stelle nennt Lycos eine erweiterte Home-Page-Building-Technologie. Sie sollte als lizenzierbares System an andere Firmen gehen, die eigene Websites und Gemeinschaften betreiben wollten. Vorlagen und Plug-ins sollten zusätzliche interaktive Funktionen ermöglichen, ohne jedes Mal den Kern neu zu schreiben. Es ist eine andere Aufgabe, den eigenen Mitgliedern ein Werkzeug auf den eigenen Servern bereitzustellen, als dieses Werkzeug als integrierbares Produkt an fremde Betreiber auszuliefern.

Zum Zeitpunkt der Übernahme war das erweiterte System nach Lycos’ Schätzung etwa 67 Prozent fertig. Ein vollständiger Prototyp fehlte; die Beta-Phase hatte nicht begonnen. Rund 24 Personenmonate Arbeit waren bereits investiert. Weitere zwölf Personenmonate waren nötig, um die Komponenten zu einem funktionierenden Onlinesystem zusammenzufügen, eine Programmierschnittstelle fertigzustellen und eine für den Betrieb brauchbare Bedienoberfläche zu schaffen. Laut Bericht verschob sich der Abschluss vom ursprünglichen Ziel Mai auf September 1998. Lycos führte das auf unerwartete technische Schwierigkeiten bei Integration und Verpackung zurück.

Die Unterscheidung entscheidet über die Lesart des Kaufs. Ein sichtbarer Dienst belegt, dass Menschen Seiten veröffentlichen konnten und Tripod sie auslieferte. Er belegt nicht, dass ein anderes Unternehmen die erweiterte Software schon hätte installieren oder lizenzieren können. Lycos erwarb gleichzeitig Publikum und Infrastruktur für ein bestehendes Geschäft sowie ein unfertiges Programm für einen möglichen zweiten Markt. Die Zahl der gehosteten Seiten sagt wenig darüber, wann dieser zweite Markt geöffnet wurde.

Auch die Anzeigen folgten nicht dem Willen des einzelnen Autors. Für Verträge über eine ganze Website oder ein ganzes Netzwerk wählte Lycos laut Bericht von 1999 die konkrete Anzeigenplatzierung selbst. Mitglieder konnten ihr Thema wählen und veröffentlichen. Der Betreiber bestimmte die Werkzeuge, die Ordnung der Gemeinschaften und die Verträge mit Werbekunden. Der persönliche Ausdruck lief durch eine kommerzielle Anlage mit zentralen Schaltern.

Ein datierter Lizenzvertrag oder eine dokumentierte Freigabe des erweiterten Systems würde zeigen, wann aus dem zweiten Vorhaben ein verkäufliches Produkt wurde. Die vorliegenden Berichte zeigen den Stand beim Kauf bereits scharf genug: Die kostenlosen Seiten liefen, während die lizenzierbare Version noch keinen fertigen Prototyp und keinen Betatest hatte. Für den Nutzer war Tripod eine Homepage. Für Lycos war es zugleich ein Publikum und eine noch zu vollendende Produktlinie.

Quellen