Zusammenfassung

  • Der Auftragsbestand (Remaining Performance Obligations) stieg von 455 Milliarden US-Dollar im ersten Quartal FY2026 auf 664 Milliarden US-Dollar im ersten Quartal FY2027; der Cloud-Infrastruktur-Umsatz wuchs im selben Zeitraum von 3,3 auf 7,4 Milliarden US-Dollar pro Quartal.
  • Im Geschäftsjahr 2026 summierte sich die Kapitalausgabe über die vier zurückliegenden Quartale auf 55,663 Milliarden US-Dollar, bei einem Netto-Cash-Abfluss von 47,726 Milliarden US-Dollar und einem freien Cashflow von minus 23,686 Milliarden US-Dollar.
  • Rund 75 Milliarden US-Dollar des Auftragsbestands bestehen nach Angaben des Unternehmens aus Vorauszahlungen oder kundengestellter Hardware; Finanzierung und GPU-Eigentum liegen damit teilweise bei den Kunden.
  • Die Lieferseite wächst mit: mehr als 1,2 Gigawatt Rechenzentrumskapazität im Geschäftsjahr 2026, knapp 1 Gigawatt allein im ersten Quartal FY2027 angekündigt, bei 97,5 Prozent GPU-Auslastung im Schlussquartal.

Der Auftragsbestand ist die Kennzahl, mit der Oracle sein Cloud-Wachstum erklärt. Er misst vertraglich zugesagte, aber noch nicht als Umsatz erfasste Leistungen – eine Verpflichtung der Kunden, keine Einnahme. Genau darin liegt die Spannung der vergangenen fünf Quartale: Der Auftragsbestand stieg auf Rekordhöhen, während der tatsächlich abgerechnete Cloud-Infrastruktur-Umsatz um ein Vielfaches kleiner blieb. Die Differenz ist kein Rechenfehler, sondern eine Liefer- und Finanzierungsfrage. Wer sie beurteilen will, muss drei Dinge auseinanderhalten: zugesagtes Vertragsvolumen, gelieferte Kapazität und erfassten Umsatz.

Fünf Quartale, zwei Geschwindigkeiten

Den Ausgangspunkt bildet das erste Quartal des Geschäftsjahres 2026, das Oracle am 9. September 2025 vorlegte. Der Auftragsbestand lag bei 455 Milliarden US-Dollar, ein Anstieg um 359 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Gesamtumsatz betrug 14,9 Milliarden US-Dollar, der Cloud-Umsatz 7,2 Milliarden US-Dollar (plus 28 Prozent), der Umsatz mit Cloud-Infrastruktur 3,3 Milliarden US-Dollar (plus 55 Prozent). Im selben Quartal meldete Oracle vier Aufträge im Milliardenvolumen mit drei verschiedenen Kunden und gab eine mehrjährige Prognose für die Infrastruktursparte ab: rund 18 Milliarden US-Dollar für das Geschäftsjahr 2026 und anschließend 32, 73, 114 und 144 Milliarden US-Dollar über die folgenden vier Jahre. Ein großer Teil dieser Fünfjahresprognose sei bereits im ausgewiesenen Auftragsbestand enthalten, erklärte das Unternehmen. Quartalsmitteilung Q1 FY2026

Im Dezember 2025 folgte das zweite Quartal FY2026 mit einem Auftragsbestand von 523 Milliarden US-Dollar, laut Pressemitteilung ein Anstieg um 438 Prozent in US-Dollar. Der Gesamtumsatz lag bei 16,1 Milliarden US-Dollar, der Cloud-Umsatz bei 8,0 Milliarden US-Dollar, davon 4,1 Milliarden US-Dollar Cloud-Infrastruktur (plus 68 Prozent) und 3,9 Milliarden US-Dollar Cloud-Anwendungen. Gegenüber dem Vorquartal wuchs der Auftragsbestand um rund 68 Milliarden US-Dollar; in der Berichterstattung über das Quartal wurden als Ursache unter anderem neue Verpflichtungen von Meta und NVIDIA genannt. Quartalsmitteilung Q2 FY2026

Am 10. März 2026 meldete Oracle für das dritte Quartal FY2026 einen Auftragsbestand von 553 Milliarden US-Dollar, ein Plus von 325 Prozent gegenüber dem Vorjahr und von 29 Milliarden US-Dollar gegenüber dem Vorquartal. Der Gesamtumsatz betrug 17,2 Milliarden US-Dollar, der Cloud-Umsatz 8,9 Milliarden US-Dollar und der Umsatz mit Cloud-Infrastruktur 4,9 Milliarden US-Dollar (plus 84 Prozent). Dieselbe Mitteilung weist die Quartalsreihe der Infrastruktur-Umsätze in Millionen US-Dollar aus: 3.347 im ersten, 4.079 im zweiten und 4.888 im dritten Quartal FY2026. Quartalsmitteilung Q3 FY2026

Für das vierte Quartal FY2026, vorgelegt am 10. Juni 2026, nennt Oracle einen Auftragsbestand von 638 Milliarden US-Dollar – 363 Prozent mehr als im Vorjahr und 85 Milliarden US-Dollar mehr als im Vorquartal. Der Gesamtumsatz lag bei 19,2 Milliarden US-Dollar, der Cloud-Umsatz bei 9,9 Milliarden US-Dollar, der Infrastruktur-Umsatz bei 5,8 Milliarden US-Dollar (plus 93 Prozent). Für das Gesamtjahr FY2026 weist das Unternehmen 67,4 Milliarden US-Dollar Umsatz (plus 17 Prozent), 34,0 Milliarden US-Dollar Cloud-Umsatz (plus 39 Prozent) und 18,1 Milliarden US-Dollar Infrastruktur-Umsatz (plus 77 Prozent) aus. Ergebnisse Q4 und Geschäftsjahr 2026

Die bisher letzte Station: Am 10. September 2026 meldete Oracle für das erste Quartal FY2027 einen Auftragsbestand von 664 Milliarden US-Dollar, 209 Milliarden US-Dollar mehr als ein Jahr zuvor. Der Gesamtumsatz betrug 19,3 Milliarden US-Dollar (plus 30 Prozent), der Cloud-Umsatz 11,6 Milliarden US-Dollar (plus 62 Prozent) und der Umsatz mit Cloud-Infrastruktur 7,4 Milliarden US-Dollar (plus 121 Prozent). Quartalsmitteilung Q1 FY2027

Quartal Auftragsbestand (RPO) Umsatz mit Cloud-Infrastruktur Wachstum des Infrastruktur-Umsatzes
Q1 FY2026 455 Mrd. US-$ 3,3 Mrd. US-$ +55 %
Q2 FY2026 523 Mrd. US-$ 4,1 Mrd. US-$ +68 %
Q3 FY2026 553 Mrd. US-$ 4,9 Mrd. US-$ +84 %
Q4 FY2026 638 Mrd. US-$ 5,8 Mrd. US-$ +93 %
Q1 FY2027 664 Mrd. US-$ 7,4 Mrd. US-$ +121 %

Für die ersten drei Quartale weist Oracle die Infrastruktur-Umsätze zusätzlich in Millionen aus (3.347, 4.079 und 4.888); die beiden jüngsten Werte nennt das Unternehmen nur in Milliarden. Das Verhältnis von Auftragsbestand zu Quartalsumsatz mit Cloud-Infrastruktur sinkt über die Reihe hinweg: von rund 138 zu eins im ersten Quartal FY2026 auf rund 90 zu eins im ersten Quartal FY2027. Die Erlösseite wächst also schneller als der Vertragsbestand – von einem sehr niedrigen Niveau aus und mit einer wichtigen Einschränkung: Der Auftragsbestand umfasst alle Verträge des Konzerns, nicht nur Cloud-Infrastruktur.

Das Verhältnis taugt deshalb als Indikator für die Konvergenz der beiden Reihen, nicht als Umrechnungsfaktor.

Ein zweiter Maßstab kommt aus Oracles eigener Planung. Die im September 2025 gesetzte Marke von rund 18 Milliarden US-Dollar Infrastruktur-Umsatz für das Geschäftsjahr 2026 erreichte das Unternehmen mit 18,1 Milliarden US-Dollar praktisch punktgenau. Für das laufende Geschäftsjahr 2027 liegt die eigene Marke bei 32 Milliarden US-Dollar – ein Wachstum von rund 77 Prozent gegenüber dem Vorjahr, dieselbe Rate, die Oracle im Geschäftsjahr 2026 tatsächlich erzielt hat. Das erste Quartal mit 7,4 Milliarden US-Dollar käme, unverändert auf das Jahr hochgerechnet, auf rund 29,6 Milliarden US-Dollar.

Die weiteren Jahre der Prognosereihe – 73, 114 und 144 Milliarden US-Dollar – unterstellen eine Vervielfachung, die sich erst noch in Lieferung und Abrechnung übersetzen muss.

Was im Auftragsbestand steckt: Vorauszahlungen und Kundenhardware

Der Auftragsbestand ist keine Umsatzgarantie. Oracle hat im Geschäftsjahr 2026 selbst beschrieben, woraus ein erheblicher Teil des jüngsten Zuwachses besteht. In der Begleitunterlage zu den Jahreszahlen, die das Unternehmen bei der US-Börsenaufsicht SEC einreichte, heißt es, der größte Teil der RPO-Steigerung im dritten und vierten Quartal stamme aus großvolumigen KI-Verträgen, in denen der Kunde entweder die GPUs im Voraus bezahlt oder sie gekauft und Oracle zur Verfügung gestellt hat. Die vorausbezahlten und kundengestellten Hardwareanteile dieser Verträge summierten sich auf 75 Milliarden US-Dollar. SEC-Unterlage zum Geschäftsjahr 2026

Das ist mehr als eine Vertriebsentscheidung; es ist eine Finanzierungsarchitektur. Wenn Kunden GPUs vorfinanzieren oder selbst kaufen, sinkt Oracles eigener Kapitalbedarf für diese Kapazität, während der Umsatz später beim Betreiber anfällt. Oracle hat dieses Muster in der Kommentierung zum dritten Quartal FY2026 ausdrücklich als Vertragsmodell benannt: Seit der vorangegangenen Telefonkonferenz habe das Unternehmen mehr als 29 Milliarden US-Dollar an KI-Infrastrukturverträgen abgeschlossen, die auf kundengestellter Hardware („bring your own hardware“) und Vorauszahlungen beruhten. Kommentar zum dritten Quartal FY2026

Zugleich zeigt sich, wie konzentriert diese Nachfrage ist. Im vierten Quartal FY2026 schlossen nach Unternehmensangaben vier Kunden jeweils Verträge über mehr als 8 Milliarden US-Dollar ab. Kommentar zum vierten Quartal FY2026 Bereits ein Jahr zuvor hatte Oracle im ersten Quartal FY2026 vier Aufträge im Milliardenvolumen mit drei verschiedenen Kunden gemeldet. Ein Auftragsbestand dieser Größe hängt damit an einer kleinen Zahl von Abnehmern; die Konzentration ist in den Kennzahlen nicht sichtbar, in den Vertragsstrukturen aber angelegt.

Die Lieferseite: Megawatt, Termine, Auslastung

Der Auftragsbestand wird erst dann zu Umsatz, wenn Rechenzentrumskapazität steht und abgenommen wird. Oracle berichtet diese Seite in Megawatt und in Terminangaben – beides Betriebskennzahlen aus der Managementkommentierung, keine geprüften Abschlussposten. Für das dritte Quartal FY2026 gab das Unternehmen an, mehr als 400 Megawatt Kapazität an Kunden übergeben zu haben; nach eigenen Angaben wurden 90 Prozent der zugesagten Kapazität termingerecht oder vorzeitig geliefert. Kommentar zum dritten Quartal FY2026

Für das Geschäftsjahr 2026 insgesamt nennt die Kommentierung mehr als 1,2 Gigawatt gelieferte Rechenzentrumskapazität. Für das erste Quartal FY2027 nannte das Unternehmen eine Größenordnung von knapp 1 Gigawatt – annähernd so viel wie im gesamten Geschäftsjahr 2026. Kommentar zum vierten Quartal FY2026 Eine separate Quartalszahl für das vierte Quartal FY2026 veröffentlicht Oracle nicht; sie lässt sich aus diesen Angaben nicht direkt ablesen, weil die Verteilung der Lieferungen auf die ersten drei Quartale nicht vollständig beziffert ist.

Die Pipeline dahinter wird über Partner finanziert und gesichert. Nach Angaben zum dritten Quartal FY2026 hatte Oracle über Partner mehr als 10 Gigawatt Strom- und Rechenzentrumskapazität gesichert, die in den nächsten drei Jahren online gehen soll; mehr als 90 Prozent davon seien „vollständig finanziert“. Kommentar zum dritten Quartal FY2026

Die Terminangaben sind inzwischen standortgenau. Der Standort Abilene in Texas hatte im vierten Quartal FY2026 nach Unternehmensangaben 42 Prozent seiner Gesamtkapazität geliefert; weitere 35 Prozent sollten binnen 90 Tagen folgen, der Rest im darauffolgenden Quartal. Die Lieferungen an anderen Vertragsstandorten – Shackelford, Doña Ana, Port Washington und Saline – waren für die erste oder zweite Hälfte des Kalenderjahres 2027 angesetzt. Kommentar zum vierten Quartal FY2026 Wer heute Kapazität benötigt, wartet also auf Fenster, die teilweise erst 2027 beginnen.

Wie eng die vorhandene Kapazität ausgelastet ist, zeigen zwei weitere Angaben aus dem vierten Quartal: Die globale GPU-Auslastung lag bei 97,5 Prozent. Von 35.000 GPUs aus 59 Kunden standen Erneuerungen an; 49 Prozent der Kunden erneuerten für 92 Prozent dieser GPUs, die nicht verlängerten GPUs wurden überwiegend im selben Quartal weiterverkauft. Kommentar zum vierten Quartal FY2026

Die Kapitalseite: Kapitalausgaben, freier Cashflow, Finanzierung

Der Aufbau dieser Kapazität schlägt sich in den Kapitalflüssen nieder. In der Mitteilung zum Jahresabschluss FY2026 weist Oracle über die vier zurückliegenden Quartale Kapitalausgaben von 55,663 Milliarden US-Dollar aus; der Netto-Cash-Abfluss für Kapitalausgaben betrug 47,726 Milliarden US-Dollar. Beide Werte sind Vier-Quartals-Größen, keine Einzelquartalswerte. Der freie Cashflow über dieselben vier Quartale lag bei minus 23,686 Milliarden US-Dollar, nach minus 394 Millionen US-Dollar zum Ende des Geschäftsjahres 2025. Ergebnisse Q4 und Geschäftsjahr 2026

Die beiden Kapitalausgaben-Größen stehen in der Mitteilung nebeneinander, ohne dass Oracle sie gegeneinander aufrechnet. Wer die 55,663 Milliarden US-Dollar als laufende Quartalsrate liest, überschätzt den tatsächlichen Mittelabfluss erheblich; die zahlungswirksame Größe ist der Netto-Cash-Abfluss von 47,726 Milliarden US-Dollar über vier Quartale. Der Vergleich mit dem Vorjahr zeigt die Größenordnung der Umstellung: Der freie Cashflow fiel von minus 394 Millionen auf minus 23,686 Milliarden US-Dollar, weil die Ausgaben für Kapazität die operativen Mittelzuflüsse übersteigen.

Gedeckt wurde der Aufbau im Geschäftsjahr 2026 durch Finanzierung: 43 Milliarden US-Dollar an Schulden und 5 Milliarden US-Dollar an Eigenkapital nahm Oracle nach eigenen Angaben auf. Für das Geschäftsjahr 2027 erwartet das Unternehmen rund 40 Milliarden US-Dollar zusätzliche Finanzierung und erklärte, im Kalenderjahr 2026 keine weiteren Schulden begeben zu wollen. Ergebnisse Q4 und Geschäftsjahr 2026 Diese Erwartung ist eine Absichtserklärung, keine Verpflichtung, und sie bezieht sich auf das Kalenderjahr, nicht auf das im Juni 2026 begonnene Geschäftsjahr 2027. Der Finanzierungsbedarf und der Zeitpunkt seiner Deckung bleiben damit die kritische Größe zwischen Auftragsbestand und Lieferung.

Die Grenzen dieser Zahlen

Vier Einschränkungen gehören zur Reihe dazu. Erstens ist der Auftragsbestand ein Vertragsvolumen, kein Umsatz: Er bündelt zugesagte, aber noch nicht abgerechnete Leistungen über unterschiedlich lange Laufzeiten, möglicherweise mit Abnahme- und Kündigungsbedingungen, die öffentlich nicht im Detail dokumentiert sind. Zweitens beziehen sich die RPO-Angaben auf alle Verträge des Konzerns; das Verhältnis zur Infrastruktur-Umsatzreihe taugt als Indikator für Konvergenz, nicht als Umrechnung.

Drittens sind die Kapazitätskennzahlen – 400 Megawatt, 1,2 Gigawatt, 10 Gigawatt, 97,5 Prozent Auslastung – Betriebsangaben aus der Managementkommentierung, keine geprüften Abschlusszahlen. Viertens besteht mindestens eine offene Abweichung in der Berichterstattung selbst: Für das zweite Quartal FY2026 nennt die Pressemitteilung ein Wachstum des Auftragsbestands von 438 Prozent in US-Dollar, während die Berichterstattung über die Telefonkonferenz 433 Prozent nannte. Der Unterschied ist klein, aber unaufgelöst; wer die Reihe fortschreibt, sollte solche Angaben der jeweiligen Quelle zuordnen und nicht zu einer einzigen Kennzahl verschmelzen.

Was diese Zahlen belegen, ist ein Muster: Oracle verkauft Kapazität, die es noch bauen oder über Partner beziehen muss, lässt sich einen Teil davon von Kunden vorfinanzieren und erfasst die Erträge erst mit der Lieferung. Der Auftragsbestand misst die Zusage, nicht die Ausführung. Ob die beiden Reihen zusammenfinden, entscheidet sich an drei Stellen: der Lieferkadenz in Megawatt, dem Anteil, den Kunden vorfinanzieren oder selbst beistellen, und dem Verhältnis von Kapitalausgaben zu Cashflow. Bis dahin bleiben die 664 Milliarden US-Dollar eine Option auf Umsatz, deren Wert an der Ausführung hängt. Die Kerndaten zum Unternehmen bündelt der BTW-Verzeichniseintrag zu Oracle Cloud.