Zusammenfassung
- Laut ICANN-Update vom 6. August 2026 haben sechs von acht Strukturen ihre CIP-Arbeit begonnen. ALAC ist in Phase 2, ASO hat den Einstieg vertagt und NomCom noch nicht formell begonnen.
- Die Tabelle beschreibt Programmstatus, keine Leistungsbefunde. Das Framework trennt Prozessindikatoren wie Sitzungen und Berichte ausdrücklich von Leistungsindikatoren, die Wirksamkeit und Ergebnisse messen.
- Fünf Prinzipien und Standardfragen bilden eine gemeinsame Grundlage. Kriterien, Indikatoren, Zielwerte und Zielgruppen werden jedoch je Struktur angepasst; spätere Berichte müssen diese Unterschiede nachvollziehbar machen.
- Der Board hat unabhängige Organizational Reviews bis zum Abschluss des ersten CIP-Zyklus vertagt und will danach über ihre Zukunft entscheiden. Die ersten CIP-Berichte erhalten damit zusätzliches institutionelles Gewicht.
Ein ehrliches Bild unterschiedlicher Startpunkte
Ein Jahr nach der Einführung des CIP veröffentlicht die ICANN keinen pauschalen Vollzug, sondern acht unterschiedliche Stände. Darin liegt die Nachricht.
ALAC hat seine Bewertung abgeschlossen und setzt priorisierte Maßnahmen um. ccNSO hat Kriterien, Indikatoren und einen Plan entworfen: Zunächst sollen zwei Prinzipien getestet, Basisdaten erhoben und Schwellenwerte festgelegt werden, bevor Mitte 2027 die erste operative Bewertung beginnt. GNSO hat Kriterien und Indikatoren finalisiert und stimmt den Plan für die erste Datenerhebung ab.
GAC prüft noch den passenden Ansatz. RSSAC strebt den Beginn vor Ende 2026 an. SSAC will seinen Indikatorenentwurf im September abschließen. ASO wartet auf eine Verständigung mit der ICANN zur ICP-2-Überprüfung und nennt Anfang 2027 als Ziel, sofern Kapazität vorhanden ist. NomCom hat eine CIP-Verbindungsrolle geschaffen, wird aber weiterhin als „noch nicht begonnen“ geführt.
Die sechs Starts zeigen, dass das Programm praktisch existiert. Die zwei unvollständigen Einträge machen Abhängigkeiten sichtbar. Ob eine Struktur ihren Zweck besser erfüllt, effizienter arbeitet oder ihren Stakeholdern wirksamer Rechenschaft ablegt, lässt sich aus einer Phasenbezeichnung nicht ableiten.
Das Framework unterscheidet Tätigkeit und Wirkung
Alle Strukturen verwenden fünf gemeinsame Prinzipien: Zweckerfüllung, wirksame Struktur, effiziente Arbeitsweise, interne und externe Rechenschaft sowie Zusammenarbeit für die ICANN-Mission und das Bottom-up-Modell. Daraus entwickelt jede Struktur mindestens drei bis fünf Kriterien und SMART-Indikatoren.
Prozessindikatoren beschreiben Umfang oder Qualität einer Aktivität, etwa die Zahl von Sitzungen oder den Anteil fristgerechter Berichte. Leistungsindikatoren messen den Fortschritt zu einem Ergebnis, zum Beispiel den Anteil erreichter Ziele oder eine Veränderung der Zufriedenheit.
Das August-Update liegt auf der Ebene des Vollzugs. „Gestartet“, „Phase 1“, „Phase 2“, „vertagt“ und „noch nicht begonnen“ zeigen Bewegung im Zyklus. Bei den meisten Strukturen fehlen noch Ziel-Ist-Vergleiche. ccNSO will zunächst eine Basislinie schaffen; GNSO plant noch die Datenerhebung.
Das ist zu diesem Zeitpunkt kein Versagen. Ohne Ausgangswert lässt sich Veränderung nicht messen, und ein Ziel sollte vor dem Ergebnis feststehen. Problematisch wäre erst, Aktivität später als Wirkung auszugeben — oder umgekehrt ein noch nicht fälliges Ergebnis schon heute als Misserfolg zu werten.
Gemeinsame Prinzipien, unterschiedliche Messflächen
Die Anpassung erfolgt nicht ohne gemeinsame Instrumente. ICANN org soll Standardfragen für alle Strukturen entwickeln und nur leicht anpassen. Ein einheitliches Planungsformat kann Zielwert, Ist-Wert, Quelle, Methode, Zeitraum und Verantwortliche erfassen. Nach Umfragen kann ICANN org bereinigte, anonymisierte Rohdaten und Zusammenfassungen bereitstellen.
Vergleichbarkeit entsteht dennoch nicht von allein. Jede Struktur wählt Kriterien, Indikatoren, Zielwerte und Befragte. Eine Umfrage unter regelmäßigen Teilnehmern beschreibt etwas anderes als eine Befragung einer weiteren Community. Pünktliche Dokumente und die wahrgenommene Wirkung von Beiträgen können beide Rechenschaft betreffen, sind aber keine austauschbaren Nachweise.
Deshalb bezeichnet das Framework die Dokumentation der angepassten Kriterien und Indikatoren als wesentlich. Ist-Werte sollen systematisch und transparent mit Zielwerten verglichen werden. Ergebnisse aus Phase 1 sollen veröffentlicht werden; spätestens am Ende des dritten Jahres ist ein Progress Report vorgeschrieben, der öffentlich kommentiert werden kann.
Entscheidend wird sein, ob ein Außenstehender die Messung rekonstruieren kann: vorheriges Versprechen, Datenquelle, Zielgruppe, Verantwortlicher, Abweichung und Korrektur. Ein farbiges Statusfeld kann das nicht ersetzen.
Selbstevaluation während die unabhängige Prüfung wartet
Section 4.4 der ICANN-Bylaws verlangt periodische Prüfungen der Supporting Organizations, ihrer Councils, der Advisory Committees mit Ausnahme des GAC und des NomCom. Unabhängige Stellen sollen untersuchen, ob die jeweilige Organisation weiterhin einen Zweck erfüllt, ob strukturelle oder operative Änderungen nötig sind und ob sie ihren Gruppen und Stakeholdern Rechenschaft ablegt.
Das CIP behält diese Ziele, verlagert aber die Führung. Das Framework beschreibt den Wechsel von unabhängigen Prüfern zu einem von der ICANN-Community geleiteten Programm. Die jeweilige Struktur führt die Bewertung; ICANN org unterstützt mit Methodik, Umfragen, Datenaufbereitung und Analyse.
Am 19. Mai 2025 bestätigte der Board den CIP-Kurs und vertagte Organizational Reviews bis zum Abschluss des ersten Zyklus. Danach soll über ihre Zukunft entschieden werden. Der Implementierungsbericht für das erste Quartal 2026 erwartet den Abschluss im dritten Quartal 2028.
Selbstevaluation hat einen echten Vorteil: internes Wissen kann Probleme früher erkennen und beheben als eine fünfjährliche Prüfung. Sie verändert jedoch die Beweisbeziehung. Die bewertete Struktur wirkt an der Wahl ihres Maßstabs mit. Der gemeinsame Rahmen begrenzt diese Wahl, macht sie aber nicht unabhängig.
Öffentlicher Bericht, Public Comment und spätere Board-Reaktion müssen deshalb das Gewicht tragen, das durch die Vertagung entsteht. Wenn der erste Zyklus die Zukunft unabhängiger Prüfungen beeinflusst, genügt der Nachweis laufender Arbeitsgruppen nicht.
Der eigentliche Termin liegt im dritten Jahr
Der vorgeschriebene Meilenstein ist der Progress Report bis zum Ende des dritten Zyklusjahres. Er soll Zielwerte und Daten, untersuchte Bereiche, priorisierte Verbesserungen, Ressourcen, Erfolge, Hindernisse und nächste Schritte dokumentieren und zur öffentlichen Kommentierung gestellt werden.
Damit lässt sich das August-Update nüchtern würdigen. Die Mehrheit hat begonnen; Verzögerungen sind sichtbar. Wirksamkeit wurde nicht behauptet. Als Nächstes müssen die Grundlagen erscheinen, die eine spätere Bewertung ermöglichen: Kriterien, Indikatoren, vorab gesetzte Ziele, Ausgangswerte, Methoden, Zielgruppen und Verantwortliche.
Lu Hengs Kritik am Agency-Problem der Internet-Governance eignet sich hier als Anreiztest. Institutionen optimieren häufig, was sie leicht zählen und kontrollieren können. Sitzungen, Dokumente und Teilnahme sind sichtbar; Entscheidungsqualität, geringere Beteiligungshürden oder tatsächlicher Einfluss von Stakeholdern sind schwerer zu erfassen.
Prozessdaten bleiben nützlich, wenn sie in eine Wirkungskette münden: Ziel vor Ergebnis, belegter Ist-Wert, Erklärung einer Verfehlung und Korrektur mit Zuständigkeit und Frist. Dann können angepasste Messgrößen Rechenschaft schaffen. Endet die Kette bei „Aktivität abgeschlossen“, ist Aufwand dokumentiert, nicht Wirkung.
Den Start festhalten, das Ergebnis nicht vorwegnehmen
Die Tabelle ist ein belastbarer Meilenstein. Sie nennt ASOs ICP-2-Abhängigkeit, NomComs Vorbereitung und die ersten Orte für substanziellere Daten: ALACs Umsetzung, ccNSOs Basistest und GNSOs Erhebungsplan.
Sechs Starts belegen, dass das CIP mehr als ein Dokument ist. Sie sind keine sechs positiven Rechenschaftsbefunde. Phase 2 bedeutet, dass ausgewählte Verbesserungen umgesetzt werden; noch nicht, dass Auswahl und Wirkung richtig waren.
Das CIP kann seinen Wert durch häufigere, nutzbare Evidenz und schnellere Korrektur beweisen. Danach kann der Board bestimmen, was unabhängige Prüfung weiterhin leisten muss. Eine laufende Maschine ist Fortschritt — aber kein vorweggenommenes Prüfurteil.
Quellen
- ICANN-Update zum CIP-Fortschritt, 6. August 2026
- Continuous Improvement Program Framework, Juli 2025
- ICANN-Bylaws, geändert am 3. Juli 2026
- Board-Beschlüsse zum ICANN Reviews Program, 19. Mai 2025
- ICANN Reviews und Status der Organizational Reviews
- Implementierungsbericht zu Specific Reviews, erstes Quartal 2026
- ICANN-Ankündigung des CIP Framework, 8. Juli 2025
- Lu Heng, „On the Agency Problem at the Core of Internet Governance“
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