Zusammenfassung

  • Bild und Nachricht blieben auf dem Server; eine E-Mail schickte den Empfänger mit Adresse und Abholnummer zur Karte.
  • Die Bildauswahl erleichterte einen kurzen Gruß, während der Betreiber Aufbewahrung und Spitzenlast übernehmen musste.

Der digitale Postmeister hatte seinen Ton bereits gefunden. Eine Karte liege bereit, die Adresse stehe hier, die Nummer möge man zur Abholung mitbringen. Das Web war jung. Die Schalterstimme klang erstaunlich dienstältest.

Judith Donath hatte The Electric Postcard Ende Dezember 1994 ins Netz gestellt. In ihrer MIT-Dissertation beschreibt sie den Weg des Grußes: Bild auswählen, Nachricht schreiben, E-Mail-Adresse des Empfängers eintragen. Bild und Text wurden online aufbewahrt. Der Empfänger bekam eine Benachrichtigung mit der Webadresse und einer Abholnummer.

Erst am virtuellen Schalter erschien die eigentliche Karte. Die E-Mail übernahm den Ruf nach dem Leser, die Webseite die Präsentation. Dazwischen lag ein kleiner Weg, den der Empfänger selbst zurücklegte.

Ein Souvenir mit Anschluss

Donath ließ die Webadresse im knappen Bescheid bewusst unerklärt. Die elektronische Karte sollte wie ein alltäglicher Gegenstand auftreten. Der vertraute Postbetrieb lieferte eine Sprache für einen neuen Vorgang.

Die Originalveröffentlichung zu SIGGRAPH 1995 erläutert denselben Ablauf. Für die Konferenz gab es eine besondere Poststelle mit Bildern aus der Art Gallery und den technischen Programmen. Wer etwas entdeckt hatte, konnte davon ein kleines Andenken verschicken. Links bei den Karten führten außerdem zur Herkunft des Bildes, etwa zu Künstlern oder Ausstellungen.

Der Vorgang kostete Zeit. Man musste die Seite besuchen und auf Bilder warten. Trotzdem bot er einen Ausweg aus einem bekannten Briefproblem: Man möchte sich melden, hat aber wenig Berichtenswertes. Donath sah gerade darin einen wichtigen Reiz. Die Bildwahl trug einen Teil der Aufmerksamkeit; der Text durfte kurz bleiben.

Was hinter dem Schalter liegen blieb

Der Betreiber bekam dafür eine Aufgabe, die über den Versand der Nachricht hinausging. Die Karte musste abrufbar bleiben, bis ihr Empfänger kam.

Zwei erhaltene Benachrichtigungen zeigen, wie diese Wartezeit beschrieben wurde. Im ursprünglichen Aufsatz Sociable Information Spaces steht, dass nicht abgeholte Karten nach drei Wochen verworfen werden können. Das Beispiel in der Dissertation nennt zwei Wochen. Beide Fassungen geben dem aufbewahrten Gruß eine Frist.

So wurde die Begrüßung zu einem kleinen Hosting-Vorgang. Der Absender war fertig, der Server noch beschäftigt. Im Postfach lag der Abholschein; das dazugehörige Bild wartete weiterhin anderswo.

Und zu Weihnachten wurde es voll. Donath berichtet für die Festtage 1995–1996 von Tagen mit mehr als 19.000 Karten. Die Serverkapazität begrenzte weitere Sendungen. Gegen Ende des Frühjahrs 1996 näherte sich die Gesamtzahl 1,7 Millionen Karten.

Eine Auswahl genügte vielen

Das Nachrichtenfeld erlaubte HTML mit Bildern, Tönen und Links. Donath hatte sich davon viel Ausdruckskraft versprochen. Später schätzte sie, dass nur ungefähr jede fünfzehnte bis zwanzigste Karte HTML in der Nachricht enthielt.

Viele Absender erledigten ihre kreative Arbeit offenbar schon mit der Bildauswahl. Der Gruß brauchte keinen großen Auftritt. Eine passende Karte gab der kurzen Nachricht Form und Anlass.

The Electric Postcard verteilte damit eine alltägliche Geste auf mehrere Beteiligte: einer dachte an einen Freund, der Freund kam zur Abholung, und ein Betreiber hielt das kleine Geschenk bereit. Hinter der freundlichen Oberfläche stand ein Schalter, der tatsächlich Dienst tun musste.