Zusammenfassung

  • Im Juli 1995 öffnete in Duschanbe eine öffentliche E-Mail-Stelle; später dehnten öffentliche und institutionelle Knoten den Dienst auf weitere Landesteile aus.
  • Ende 1997 erreichte die E-Mail mehr Regionen, doch der Hauptserver stand in Taschkent und internationale Verbindungen liefen weiterhin über Taschkent oder Moskau. Das war kein direkter Internetzugang innerhalb Tadschikistans.

Eine Nachricht kam weiter als die Verbindung

Im Juli 1995 eröffnete das Project for Economic Reform and Development in Central Asia (PERDCA) in Duschanbe eine E-Mail-Stelle im Büro der Central Asian Development Agency (CADA). Ein im folgenden Monat verbreiteter Hinweis beschrieb feste Öffnungszeiten mit kostenlosem öffentlichen Zugang für Bürger der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten, Einwahlverbindungen mit 14.400 Baud und Anschlusssoftware vom örtlichen Systembetreiber. Der Dienst war klein, doch seine Zugangswege waren entscheidend: Wer keinen eigenen Computer hatte, konnte während der Öffnungszeiten vorbeikommen; wer Rechner und Modem besaß, konnte sich einwählen. NSRC-Archivmeldung vom August 1995

Das Projekt begann nicht an einem einzigen Tag, der sich schlicht als „Internetstart“ bezeichnen ließe. Ein RFE/RL-Regionalbericht von 1997 schreibt, OSI-RIP, PERDCA und die Eurasia Foundation hätten ab 1995 das erste E-Mail-System Tadschikistans eingerichtet. Im Juli war es demnach mit ungefähr 60 Nutzern in Betrieb; 1996 sei das Projekt auf rund 700 Nutzer angewachsen. Das sind veröffentlichte Schätzwerte, keine landesweite Erhebung. Außerdem zählen sie E-Mail-Nutzer und keine Abonnenten eines direkten Internetzugangs. RFE/RL-Regionalbericht vom Mai 1997

Bis November 1997 war das Netz geografisch weiter gewachsen und im Alltag sichtbarer geworden. RFE/RL berichtete, dass gerade eine E-Mail-Verbindung zwischen dem nördlichen Leninabad-Gebiet und den zentralen und südlichen Regionen aufgebaut worden sei; damit sei die Zahl der E-Mail-Adressen auf 1.500 gestiegen. CADA betrieb in Chudschand, das damals als Hauptstadt des Leninabad-Gebiets bezeichnet wurde, eine große öffentliche Halle. Hunderte Menschen nutzten sie wie ein Postamt. Weitere 250 Computer in der Region konnten dem Bericht zufolge nach denselben Regeln das Hauptzentrum erreichen. CADA hatte außerdem Faxmodems an Universitäten, Bibliotheken und gemeinnützige Einrichtungen in Chudschand, Duschanbe und Kulob gespendet. Bericht von Salimjon Aioubov, November 1997

Der Dienst ermöglichte internationale Korrespondenz, ohne den zuständigen internationalen Server nach Tadschikistan zu holen. Ein Besucher in Chudschand konnte seinem in London studierenden Sohn schreiben. Laut demselben Bericht konnten Nutzer im öffentlichen Zentrum bis zu 200 Kilobyte pro Monat kostenlos senden und empfangen; darüber hinaus wurde ein Entgelt fällig. Der Hauptserver des Anbieters stand im CADA-Büro in der usbekischen Hauptstadt Taschkent. Die vorhandenen Telefonleitungen erlaubten keine direkte Internetverbindung; der weltweite Verkehr wurde über Taschkent oder Moskau geführt.

Der Unterschied ist grundlegend: Das Netz konnte Nachrichten über Grenzen transportieren, obwohl es im Land noch keinen direkten Internetpfad gab.

Nicht nur der Standort des Servers begrenzte den Dienst. Isomiddin Atoev, der Systembetreiber, sagte, die Nutzer selbst drängten auf eine Ausweitung des Netzes, während die schlechte Qualität der Telefonleitungen die Verbindungen beeinträchtige. RFE/RL schätzte, dass Tadschikistan nur 3,2 Telefonanschlüsse pro 100 Einwohner hatte und Ende 1996 rund 80.000 Menschen auf einen neuen Anschluss warteten. Diese Angaben erklären, weshalb gemeinsam genutzte Rechner und gespendete Modems wichtig waren; sie belegen nicht, dass der Dienst an jedem Ort täglich zuverlässig funktionierte.

1997 erwartete eine CADA-Vertreterin, dass eine direkte Verbindung Anfang 1998 möglich werde. Das war eine Prognose, kein bestätigter Umsetzungstermin. Human Rights Watch schrieb später, vollständiger Internetzugang sei in Tadschikistan erst im Januar 1999 verfügbar gewesen. Die Unternehmenschronik von Telecomm Technology setzt den ersten öffentlichen Internetdienst für Einwohner Duschanbes dagegen auf den 23. Dezember 1998. Die Abweichung von wenigen Wochen lässt sich hier nicht auflösen; beide Darstellungen datieren den vollständigen Zugang nach dem früheren E-Mail-Netz. Human Rights Watch, Bericht von 1999 · Unternehmensgeschichte von Telecomm Technology

Das frühe Netz Tadschikistans hatte somit zwei unterschiedliche Karten. Die eine zeigte gemeinsam genutzte E-Mail-Zugänge und institutionelle Knoten, die während des Bürgerkriegs Städte im Norden, im Zentrum und im Süden verbanden. Die andere zeigte den internationalen Übertragungsweg, der weiterhin von einem Server in Usbekistan und Telefonleitungen über Taschkent oder Moskau abhing. E-Mail verband die Regionen des Landes, bevor direkter Internetzugang verfügbar wurde. Wer beides zu einem einzigen Ereignis zusammenfasst, übersieht sowohl den bereits nutzbaren Dienst als auch die fortbestehende Abhängigkeit vom Ausland.

Quellen