Summary

  • Die Auflösung der Sowjetunion entfernte .su nicht aus der DNS-Wurzel: Die Delegation blieb bestehen, während Russland .ru erhielt und die Registry die Anmeldung neuer Namen neu regelte.
  • Die Quellen unterscheiden den Wurzelstatus von neuen Second-Level-Registrierungen, bestehenden Subdomains und tatsächlicher Netzanbindung. Keiner dieser Befunde allein belegt einen breiten öffentlichen Internetzugang.

Analysis

Eine Domain war bereits im Aufbau

Bei der sechsten RIPE-Tagung im August 1990 berichteten die Teilnehmenden, die sowjetische .su-Domain werde von der Sowjetischen UNIX-Benutzervereinigung registriert. Die Forschungsnetze FUNET in Finnland und CWI in den Niederlanden unterstützten Secondary-Server. Laut Protokoll sollte die formelle Registrierung beim Network Information Center in den folgenden Tagen erfolgen. IANAs Wurzelzonen-Eintrag nennt dagegen den 19. September 1990 als Registrierungsdatum. Das eine Dokument hält den damaligen Arbeitsstand fest, das andere das später verzeichnete Datum.

Eine Domain bedeutete noch keine landesweite Internetverbindung. Relcom beschrieb 1992 Netzwerkaktivität in den früheren Sowjetrepubliken, stellte aber fest, dass die meisten Verbindungen noch UUCP nutzten und der internationale Anschluss über Finnland lief. Namenskoordination, Pakettransport und öffentlicher Dienst waren verschiedene Ebenen. Ein Name mit der Endung .su bewies nicht, dass jeder Ort unter diesem Suffix über einen funktionierenden Internetpfad verfügte.

Der Staat änderte sich, die Wurzel nicht am selben Tag

Die institutionelle Geschichte von RIPN besagt, dass die Verwaltung von .su 1993 an das neu gegründete Institut übertragen wurde. Russlands .ru-Zone folgte 1994, nachdem sich Anbieter auf ihre Verwaltung geeinigt hatten. Mit .ru wurden nicht automatisch alle .su-Namen ersetzt. Laut RIPN endeten neue Second-Level-Registrierungen in .su mit dem Auftauchen der russischen Zone; Namen auf der dritten Ebene wuchsen weiter. Das Institut beziffert die Zahl der Hosts in .su 1998 auf 30.000. Eine RIPE-Arbeitsgruppenliste aus demselben Jahr bezeichnet bestehende Subdomains der alten .su-Zone als von .ru verwaltet.

Diese Quellen beschreiben einen Verwaltungswechsel, keine einmalige Übertragung aller Namen. Die DNS-Wurzel konnte .su weiter delegieren, während sich Registrierung und Pflege tieferer Ebenen änderten. Eine Zone konnte als auslaufend gelten, während bestehende Namen weiterliefen. Damit stellte sich eine praktische Frage: Sollte ein für einen nicht mehr existierenden Staat geschaffener Namensraum für die Gemeinschaften und Inhaber erhalten bleiben, die ihn weiterhin nutzten?

Die erwartete Stilllegung traf auf eine laufende Zone

Laut RIPNs .su-Chronik begann 2001 ein Versuch, die allgemeine Registrierung wieder zu öffnen. Er stieß zunächst auf einen hohen Preis und wurde danach auf Bitte des russischen Kommunikationsministeriums ausgesetzt. Vorrangige Registrierungen für Markeninhaber starteten demnach im Dezember 2002, offene Second-Level-Registrierungen im Juni 2003. Diese Angaben stammen aus dem rückblickenden Bericht der Registry und sind ihr zuzurechnen.

Im Juni 2007 bezeichnete das Protokoll des ICANN-Regierungsausschusses in San Juan .su als voraussichtlich stillzulegen und durch .ru zu ersetzen. Derselbe Absatz hielt fest, dass .su weiterhin aktiv war und Registrierungen annahm. Das ist kein Beleg für eine verbindliche Stilllegungsanordnung. Es zeigt vielmehr, dass institutionelle Erwartung und laufender Betrieb gleichzeitig bestehen konnten, ohne dass sie dasselbe waren.

Was blieb

Die Geschichte von .su beweist weder, dass eine Länder-Domain Staatlichkeit verleiht, noch dass ein Wurzeleintrag ein ganzes nationales Netz kontrolliert. Sie zeigt enger gefasst: Politische Nachfolge, Status eines Codes, Wurzeldelegation, Registry-Verwaltung, Registrierungsregeln und Erreichbarkeit können sich nach unterschiedlichen Zeitplänen verändern. IANAs Eintrag nennt das ursprüngliche Registrierungsdatum und den heutigen Delegationsstatus; Betriebsquellen zeigen, dass Namen und Netzkoordination nach der Auflösung der Sowjetunion weiterbestanden.

Für Inhaber war der Unterschied konkret. Die fortgesetzte Delegation konnte alte Adressen im gemeinsamen Namenssystem erhalten; ein Registrierungsstopp begrenzte neue Namen, ohne bestehende zu löschen; eine spätere Regel konnte die Registrierung wieder öffnen. Dass ein Name im DNS blieb, belegt jedoch weder, dass der Host antwortete, noch dass ein Dienst gepflegt wurde oder seine Nutzer breit Zugang hatten. Die Belege stützen den Fortbestand des Namensraums, keine allgemeine Zugangserzählung.

Heng Lus Note 64 dient nur als redaktionelle Perspektive auf die Trennung gemeinsamer technischer Regeln von späteren lokalen Entscheidungen und ihrer tatsächlichen Übernahme. Sie ist kein historischer Beleg für Entscheidungen von SUUG, RIPN, russischen Anbietern oder ICANN-Beteiligten.

Quellen