Zusammenfassung

  • Die gTLD-Registries-Gruppe RySG bittet den ICANN-Vorstand, das im Februar abgeschlossene Governance-Modell für das Root Server System anzunehmen, die Initiation Phase mit Ressourcen und Sekretariat auszustatten und Zieltermine für diese und die folgenden Phasen festzulegen.
  • Die erste Phase soll organisieren und vorbereiten. Ihr Start würde dem künftigen Council noch nicht die vollen Governance-Befugnisse übertragen.

ICANN veröffentlichte am 13. Oktober einen Brief von Keith Drazek, dem kommissarischen Vorsitzenden der Registries Stakeholder Group (RySG). Darin drängt die Gruppe darauf, das Governance-Modell für das Root Server System (RSS) von der Konzeption in die Umsetzung zu überführen. Sie fordert den Vorstand auf, das vom RSS Governance Working Group (GWG) fertiggestellte Functional Model anzunehmen, ICANN org mit Ressourcen und einem Sekretariat für die Initiation Phase zu beauftragen und „inspirational target timelines“ für deren Abschluss und die anschließenden Arbeiten festzulegen. Der Brief ist auf den 7. Oktober datiert.

RySG begründet dies mit der Abhängigkeit seiner gTLD-Registry-Mitglieder von einem sicheren und stabilen Root Server System. Eine formelle Struktur könne die Root Server Operators rechenschaftspflichtiger machen und dem RSS einen Weg geben, sich für die Zuverlässigkeits- und Resilienzanforderungen des DNS weiterzuentwickeln. Das ist die Begründung der Gruppe. Der Brief meldet weder ein Versagen eines Operators noch eine aktuelle Gefährdung des Dienstes.

Angekündigt ist die Fortsetzung der Beratung

ICANN-Verwaltungsratsvorsitzende Tripti Sinha erklärte in ihrem am 13. Oktober veröffentlichten Ausblick auf den Oktober-Workshop, der Vorstand werde das Modell weiter beraten. Mitarbeitende von ICANN org sollten einen Ausblick auf Umsetzungsarbeiten, Zeitplan und mögliche Leitplanken geben, darunter die Satzung eines RSS Council und die für eine vollständige Governance-Struktur erforderlichen Richtlinien. Die offizielle Seite zu den Board-Aktivitäten führte die reguläre Sitzung am 18. Oktober bei der Prüfung am 17. Oktober noch als bevorstehend. In den geprüften öffentlichen Unterlagen findet sich weder ein Annahmebeschluss noch eine zugesagte Startfinanzierung. Ein Workshop-Punkt ist kein Board-Beschluss.

Der Start ist keine Machtübergabe

Das am 18. Februar veröffentlichte Functional Model sieht drei Phasen vor. Die Initiation Phase soll den Council und sein Sekretariat bilden, Transparenz einrichten und die weiteren Schritte vorbereiten. Ihr Zuständigkeitsbereich ist bewusst begrenzt; sie soll noch keine Governance-Befugnisse ausüben. In der Establishment Phase folgen formelle Verfahren, Richtlinien und Rechenschaftsmechanismen. Erst nach Abschluss der vorherigen Phasen und festgelegter Meilensteine soll die Struktur in eine voll befugte Governance Phase wechseln.

Diese Staffelung soll die Betriebskontinuität schützen. Ein gleichzeitiges Einschalten einer neuen Governance-Struktur gilt im Modell als unpraktisch und riskant. Deshalb trennt es den Aufbau eines Forums samt Arbeitsapparat von der Übertragung von Entscheidungs- und Aufsichtsbefugnissen. Sollte der Vorstand RySGs Antrag aufgreifen, wäre die erste Änderung organisatorischer und verfahrensbezogener Art, nicht Teil des Root-Server-Betriebs.

Das Modell unterscheidet außerdem zwischen Betrieb und Abhängigkeit. Root Server Operators sollen einzeln teilnehmen, weil sie das System betreiben. Die gTLD- und ccTLD-Registry-Gemeinschaften werden anhand direkter betrieblicher Abhängigkeit und ausreichender Selbstorganisation als teilnehmende Gruppen anerkannt. Die Abhängigkeit vom Root begründet einen Platz in den vorgesehenen Beratungen, macht Registries aber nicht zu Betreibern.

Was für den Start noch offen ist

Der Oktoberbrief nennt weder einen Betrag noch eine Finanzierungsquelle oder einen detaillierten Kalender. In seinem öffentlichen Kommentar von 2025 hatte RySG bereits eine Begrenzung der Sitze je Organisation, frühe Finanzaufsicht und Transparenz, nachhaltige Finanzierung sowie eine frühere Dokumentation der Beziehungen zwischen der Struktur, RSSAC und ICANN verlangt.

Das sind keine Nebensachen. Das Internet Architecture Board begrüßte eine tragfähige RSS-Governance, hielt den Entwurf aber für zu ungenau bei Rechenschaft, praktischer Arbeit und ausgewogenen, zeitnahen Entscheidungen. Das ist die Bewertung des IAB, keine Feststellung des Vorstands. Das fertige Modell liefert den Rahmen; die angekündigten Leitplanken müssen zeigen, wie die Umsetzung auf diese Kritik eingeht.

Die unmittelbar anstehende Entscheidung ist damit enger als die Grundsatzfrage, ob es Koordination für die Root-Zone braucht. Wird der Vorstand die Annahme mit einer begrenzten, aber arbeitsfähigen ersten Phase verbinden: mit benanntem Sekretariat, transparenten Ressourcen, einer Council-Satzung und überprüfbaren Meilensteinen? Ein Zeitplan kann verhindern, dass ein jahrelanges Design auf unbestimmte Zeit vorläufig bleibt. Tempo allein begründet jedoch keine Legitimität. Ernennungsregeln, Ausgabenkontrolle und Übergangskriterien müssen öffentlich und überprüfbar sein.

Weitere offizielle Hintergrunddokumente: RSSAC058: Success Criteria for the RSS Governance Structure; RSSAC037: A Proposed Governance Model for the DNS Root Server System; Functional Model for Root Server System Governance proceeding; ICANN Correspondence archive; Approved Resolutions: Special Meeting of the ICANN Board, 18 November 2021.