Zusammenfassung

  • Die Gründung der PISCES Cable System Ltd am 14. Oktober 2026 formalisiert die Lieferorganisation eines weit fortgeschrittenen, aber noch nicht gebauten und nicht aktiven Kabelsystems.
  • Die eigentliche Resilienzprüfung beginnt erst mit Genehmigungen, Bau, Landestationen, Backhaul, kommerzieller Kapazität, realem Verkehr und dem Nachweis, dass die gesamte Verbindung physisch unabhängig von den Pfaden ist, die sie ersetzen oder ergänzen soll.

PISCES befindet sich an einem Punkt, an dem sich die Frage verändert. Lange stand im Vordergrund, ob ein neues Unterseekabel zwischen Irland, Frankreich, Spanien und Portugal technisch und politisch realisierbar ist. Am 14. Oktober 2026 gaben Equitix, MDM und Orange nun die Gründung der PISCES Cable System Ltd als Liefergesellschaft bekannt. Carine Romanetti wurde zur CEO ernannt. Damit ist die Übergabesteuerung des Projekts deutlich formaler geworden. Das ist ein relevanter Fortschritt – aber noch kein Beweis dafür, dass das europäische Kommunikationsnetz durch PISCES bereits robuster geworden ist.

Das geplante System soll rund 3.125 Kilometer lang sein und 16 Faserpaare zwischen Galway, Saint-Hilaire-de-Riez, Sopelana und Carcavelos verbinden. Orange plant zudem eine neue Landestation in Sopelana. Elettra Tlc und Orange Marine haben die Vermessung der vorgesehenen Meeresroute im August 2026 abgeschlossen. Planung und Genehmigungen laufen jedoch weiter; die Verlegung ist für 2028 vorgesehen. Die richtige Beschreibung lautet deshalb: fortgeschrittenes Infrastrukturprojekt. PISCES ist keine aktive Verbindung, auf deren tatsächliche Ausfallsicherheit sich ein Betreiber heute verlassen könnte.

Auch die öffentliche europäische Beschreibung vom März 2026 macht diese Grenze sichtbar. Dort wird das Vorhaben mit rund 3.000 Kilometern, 16 Faserpaaren und Open Access beschrieben. SMART-Funktionen werden als geplant beziehungsweise zu prüfen dargestellt. Daraus lässt sich keine Aussage ableiten, dass entsprechende Funktionen bereits installiert oder im Betrieb erprobt wären. Für einen Kapazitätseinkäufer ist diese Unterscheidung nicht akademisch: Eine geplante technische Eigenschaft ist eine Designentscheidung, während eine betriebliche Resilienzleistung erst nach Installation, Inbetriebnahme und Belastung beobachtbar wird.

Dasselbe gilt für die Finanzierung. Die CEF-Digital-Entscheidung weist 18.932.210 Euro für PISCES Phase 3 an MDM aus. Dieser Betrag ist weder als Gesamtprojektkosten noch als Gesamtfinanzierung des Systems zu interpretieren. Beteiligungsquoten, individuelle Beiträge und die Gesamtinvestition sind nicht veröffentlicht. Die neue Liefergesellschaft schafft damit zwar eine klarere institutionelle Adresse für die Umsetzung, beantwortet aber nicht automatisch die Fragen nach Kapitalstruktur, Risikoverteilung oder langfristiger wirtschaftlicher Tragfähigkeit.

Für die Risikobewertung ist außerdem wichtig, was die maritime Genehmigung tatsächlich abdeckt. MARA behandelt in dem einschlägigen Dokument das Zeitfenster vom 1. Februar bis 30. Juni 2026 sowie die Bedingung 37(i) zum Schutz von Laichgebieten im Zusammenhang mit der Vermessung auf See. Das ist Evidenz für einen konkreten Schritt des Survey-Prozesses, nicht für eine Bau- oder Verlegegenehmigung. Wer diesen Vorgang als Beleg für eine bereits genehmigte Kabelinstallation liest, würde aus einem begrenzten regulatorischen Signal einen wesentlich größeren Projektstatus ableiten, als die Quelle trägt.

Die entscheidende operative Lücke liegt daher zwischen der geplanten Unterseestrecke und der tatsächlichen Ende-zu-Ende-Verbindung. Ein Unterseekabel kann technisch fertiggestellt sein und trotzdem keinen vollständigen Resilienzgewinn liefern, wenn Landestationen, terrestrische Übergänge oder Backhaul-Verbindungen nicht ausreichend diversifiziert sind. Für die vier vorgesehenen Standorte ist deshalb nicht nur zu fragen, ob das Kabel physisch landet, sondern welche Netze es von dort aus erreicht, über welche terrestrischen Korridore der Verkehr weiterläuft und welche gemeinsamen Schwachstellen mit bestehenden Routen bestehen.

Gerade hier darf die strategische Positionierung von PISCES als geplante Alternative zum Transit über das Vereinigte Königreich nicht mit bewiesener Pfaddiversität verwechselt werden. Orange Wholesale beschreibt PISCES als neue Route, die den UK-Transit umgehen soll. Das ist ein strategisch relevantes Ziel: Eine zusätzliche internationale Route kann Abhängigkeiten reduzieren, wenn sie tatsächlich andere physische und betriebliche Engpässe nutzt. Aber eine andere geografische Linienführung auf der Seekarte reicht dafür nicht aus.

Ende-zu-Ende-Unabhängigkeit entsteht erst, wenn die gesamte Kommunikationskette – vom Kundennetz über den Backhaul und die Landestation bis zur Seekabelstrecke und weiter zum Zielnetz – relevante gemeinsame Ausfallpunkte vermeidet.

Für Betreiber bedeutet das, dass der Begriff „Diversifizierung“ bis zur Inbetriebnahme eine offene Behauptung bleibt. Zwei Systeme können auf See weit voneinander entfernt verlaufen und anschließend am selben Standort, über dieselbe terrestrische Fasertrasse oder durch dieselbe Energie- und Betriebsinfrastruktur geführt werden. Umgekehrt kann eine neue Landestation an einem strategisch günstigen Ort den Wert einer Seekabelroute erheblich erhöhen, sofern die nachgelagerten Verbindungen ebenfalls unabhängig dimensioniert sind.

PISCES’ geplante Landestation in Sopelana ist deshalb ein Infrastrukturbaustein, dessen Resilienzwert erst zusammen mit dem übrigen Korridor beurteilt werden kann.

Die Abfolge der nächsten Meilensteine ist entsprechend wichtiger als die heutige Schlagzeile. Nach der abgeschlossenen Vermessung stehen weiterhin Planung und Genehmigungen an. Danach muss die physische Infrastruktur gebaut, an den vier vorgesehenen Endpunkten integriert und mit geeigneten Backhaul-Verbindungen verbunden werden. Erst anschließend lässt sich feststellen, welche Kapazität tatsächlich vermarktet und welche Verkehrsströme tatsächlich über die Route geführt werden können. Der für 2028 vorgesehene Verlegezeitpunkt ist deshalb ein Projektmeilenstein, kein vorweggenommener Inbetriebnahmetermin.

Open Access ist in diesem Zusammenhang ebenfalls nicht gleichbedeutend mit sofort verfügbarer oder resilienter Kapazität. Als geplantes Modell kann Open Access die Zahl der potenziellen Nutzer erhöhen und die wirtschaftliche Nutzung der Infrastruktur verbreitern. Für einen Käufer zählt jedoch die tatsächlich angebotene Kapazität, ihre Verfügbarkeit, die Übergabepunkte und die operative Qualität. Erst wenn diese Eigenschaften kommerziell belastbar sind, kann PISCES in Beschaffungsentscheidungen als reale Alternative zu bestehenden Routen gewertet werden.

Damit verschiebt sich auch die richtige Frage für kritische Infrastrukturen. Es geht nicht mehr nur darum, ob PISCES gebaut wird. Es geht darum, welche Abhängigkeit durch PISCES tatsächlich reduziert wird. Wenn ein bestehender Korridor ausfällt und der alternative Verkehr anschließend über einen gemeinsamen Backhaul-Knoten läuft, wurde die geografische Diversität zwar erhöht, die Ende-zu-Ende-Resilienz aber möglicherweise kaum verbessert. Wenn dagegen mehrere unabhängige Verkehrswege tatsächlich verfügbar sind, kann das Kabel eine strukturelle Veränderung des europäischen Konnektivitätsrisikos bewirken.

Die formalisierte Governance ist dafür eine notwendige Voraussetzung. Die neue Liefergesellschaft und die Benennung einer CEO schaffen Verantwortlichkeit für die Umsetzung. Sie ersetzen aber nicht die technische Evidenz, anhand derer Netzbetreiber Risiken bewerten müssen. Zwischen Unternehmensstruktur und betrieblicher Resilienz liegt eine lange Kette von Entscheidungen: Genehmigung, Finanzierung, Bau, Integration, Kapazitätsvermarktung, Verkehrsaufnahme und Betrieb.