Zusammenfassung

  • Usenet Oracle wurde im Oktober 1989 öffentlich vorgestellt. Teilnehmer beantworteten die Fragen anderer Teilnehmer unter der gemeinsamen Rolle des Orakels.
  • Redakteure wählten die veröffentlichten Sammlungen aus. Ausgabe 100 führte im Januar 1990 Lesernoten von eins bis fünf ein.

Für Allwissenheit bitte hier anstellen

Eine Frage ging ein, eine andere ging an einen Teilnehmer hinaus. Usenet Oracle machte aus Ratsuchenden zeitweise die Stimme der höchsten Weisheit. Wer gerade noch um eine Antwort gebeten hatte, durfte nun selbst überlegen, wie sich ein allwissendes Wesen wohl ausdrücken würde.

David Sewell schilderte das Verfahren in einem Forschungsaufsatz vom Dezember 1992. Er kannte den Dienst als Teilnehmer und Redakteur. Die eingegangene Frage kam in eine Warteschlange und wurde später einem anderen Fragesteller geschickt. Dieser verfasste die Antwort. Der Server führte beide Texte zusammen, sandte das Ergebnis an den ursprünglichen Absender und behielt eine Kopie. Die beiden Autoren erhielten keine Angaben zur Identität des jeweils anderen.

Damit war eine kleine Schreibsituation organisiert. Der erste Text legte etwas vor, auf das der zweite reagieren konnte. E-Mail erlaubte verschiedene Orte und Schreibzeiten. Die Figur des Orakels gab den Beteiligten eine gemeinsame Rolle, in die sie für einen Moment schlüpfen konnten.

Schon die erste Ausgabe hatte große Fragen

Die Chronik des Projekts nennt den 8. Oktober 1989 als öffentliche Einführung mit Beiträgen in mehreren Usenet-Gruppen. Die erste Sammlung, von Steve Kinzler zusammengestellt und ausgewählt, ist auf den nächsten Tag datiert. Gleich am Anfang ging es um P=NP. Die Antwort bog in einen Scherz über Gleichungsnummern ab und überließ die mathematische Schwierigkeit weiterhin der Fachwelt. An Selbstvertrauen mangelte es dem jungen Orakel offenbar nicht.

Der technische Weg dorthin steht in der Projektgeschichte. Kinzler hatte an der Indiana University das lokale Oracle-Programm von Lars Huttar eingerichtet. Nach einem Austausch mit Kinzler schrieb Ray Moody den Kern der E-Mail-Version für den Einsatz im Netz; Kinzler entwickelte sie weiter. Am 12. März 1996 wurde aus Usenet Oracle schließlich Internet Oracle.

Die gemeinsame Stimme wuchs dabei durch das, was ihre wechselnden Autoren aus den Fragen machten.

Auch das Orakel brauchte eine Redaktion

Eine private Antwort zu bekommen und in einer öffentlichen Sammlung zu erscheinen waren getrennte Schritte. Nach Sewells Bericht hatte Kinzler im ersten Jahr ungefähr 20.000 Beiträge gelesen und redigiert, bevor er eine freiwillige Redaktionsgruppe aufbaute. Diese „Priesterschaft“ bestand zur Zeit des Aufsatzes aus etwa zwei Dutzend Personen.

Der Titel gehörte zur Inszenierung. Die Tätigkeit bestand im Lesen und Auswählen. Die Redakteure entschieden, welche Begegnungen zweier Unbekannter ein größeres Publikum bekommen sollten.

Dieses Publikum erhielt mit Ausgabe 100 eine weitere Aufgabe. Der ursprüngliche Nachrichtenkopf trägt das Datum 16. Januar 1990. Leser sollten jeden der zehn Beiträge mit einer Zahl von eins bis fünf bewerten und die zehn Noten zusammen mit der Ausgabennummer zurückmailen. Kinzler wollte erfahren, was seine Leser lustig fanden, und beliebte Stücke für rec.humor.funny auswählen.

Eine allwissende Stimme bat also um Rückmeldung zu ihrem Auftritt. Die Redaktion konnte einen Witz drucken; das Publikum konnte ihm immer noch eine Zwei geben.

Ein Name für viele Schreibende

Sewells Befragung von Teilnehmern zeigte auch den Reiz der Anonymität. Sie konnten verschiedene Stimmen ausprobieren und an einer gemeinsamen Persönlichkeit mitwirken. Eine eigene Namensnennung war möglich. Manche genossen gerade die Vorstellung, dass ihr gelungener Beitrag ganz dem Orakel zugutekam.

Die veröffentlichten Texte lieferten wiederum Anregungen für kommende Antworten. Ein neuer Ton oder Einfall wurde gelesen, aufgegriffen und verändert. Durch solche Wiederholungen bildeten sich erkennbare Gewohnheiten der Figur.

Hinter dem scheinbar einheitlichen Sprecher standen damit mehrere Aufgaben: Fragen stellen, Antworten schreiben, auswählen und bewerten. Die Software organisierte den Austausch. Die Beteiligten mussten dafür sorgen, dass sich der Austausch auch zu lesen lohnte.