Zusammenfassung

  • freenet zahlt zunächst rund 76 Millionen Euro für die verbliebenen etwa 25 Prozent der Exaring AG. Bei künftig sehr guter Geschäftsentwicklung können bis zu 50 Millionen Euro hinzukommen; die Ziele sind nicht offengelegt.
  • Exaring stand bereits unter Kontrolle von freenet und wurde konsolidiert. Der Kauf ändert die Zuordnung des Gewinns und des Restwerts, nicht den erstmaligen Einbezug des operativen waipu.tv-EBITDA.

Die variable Komponente ist groß genug, um den Preis zu verschieben

Die erste Zahl lautet 76 Millionen Euro. Die zweite fällt kleiner gedruckt aus, ist aber wirtschaftlich bedeutend: Bei sehr guter künftiger Geschäftsentwicklung können weitere 50 Millionen Euro fällig werden. Die Obergrenze entspricht 65,8 Prozent des Anfangsbetrags. Das ist keine beiläufige Schlusszahlung. Ein wesentlicher Teil des möglichen Kaufpreises hängt von der künftigen Leistung ab, ohne dass freenet bisher sagt, welche Kennzahl über welchen Zeitraum nach welcher Formel gemessen wird.

Nach Angaben von freenet beruht der Anfangsbetrag auf einer Unternehmensbewertung von rund 300 Millionen Euro. Eine einfache Hochrechnung passt dazu: 76 Millionen Euro für den Ende 2025 ausgewiesenen Minderheitsanteil von 25,38 Prozent entsprechen rund 299 Millionen Euro für das Ganze. Daraus folgt aber nicht, dass die Zahl als Enterprise Value bezeichnet werden kann. Die Mitteilung enthält weder eine Überleitung für Nettofinanzschulden und Kasse noch eine genauere Definition als „Unternehmensbewertung“.

Wird die volle Nachzahlung fällig, beläuft sich die Gegenleistung auf 126 Millionen Euro. Bezogen auf dieselben 25,38 Prozent ergäbe sich rechnerisch ein proportionaler Gesamtwert von ungefähr 496 Millionen Euro. Das ist keine von freenet genannte Bewertung. Die Rechnung berücksichtigt weder Zeitpunkt und Abzinsung noch die vertragliche Berechnung oder andere Bedingungen. Sie macht nur sichtbar, dass die mögliche Zusatzkomponente den impliziten Preis um rund zwei Drittel erhöhen könnte.

Gekauft wird ein bestehender Anspruch

Entscheidend ist die Trennung zwischen dem Erwerb der Kontrolle und dem Kauf der letzten Minderheitsanteile. Im Geschäftsbericht 2025 weist freenet zum Jahresende 74,6 Prozent an Exaring aus; 25,38 Prozent entfallen auf nicht beherrschende Anteile. Das Geschäft war bereits konsolidiert. Konzernumsatz und EBITDA steigen daher nicht allein dadurch, dass die letzten Aktien nun freenet gehören.

Neu verteilt werden vielmehr Ergebnis und künftiger Restwert zwischen den Aktionären von freenet und den bisherigen Minderheitsaktionären. Exaring AG erzielte 2025 laut Geschäftsbericht ein Jahresergebnis von 20,6 Millionen Euro, nach einem Verlust von 3,3 Millionen Euro im Vorjahr. Eine proportionale Beteiligung von 25,38 Prozent entspräche rund 5,2 Millionen Euro. Das ist eine statische Illustration der Ergebniszurechnung, weder ein an freenet ausgeschütteter Betrag noch eine Prognose. Gewinne können im Unternehmen bleiben oder Investitionen finanzieren; außerdem können Einzelabschluss und Konzernabschluss durch Konsolidierung abweichen.

Jahresüberschuss ist kein freier Cashflow.

Auch die Bilanzierungsregel im Geschäftsbericht passt zu dieser Einordnung. Erwerbe nicht beherrschender Anteile ohne Kontrollverlust werden als Eigenkapitaltransaktionen behandelt: Die Differenz zwischen Kaufpreis und dem relevanten Buchwert des Nettovermögens wird im Eigenkapital erfasst. Der Vorgang bringt für sich genommen also weder ein zuvor unkontrolliertes operatives Geschäft noch zusätzliches konsolidiertes EBITDA in den Konzern. Er vergrößert freenets wirtschaftlichen Anspruch auf ein bestehendes Geschäft und vereinfacht dessen Eigentümerstruktur.

Wachstum erklärt den Kaufwunsch, nicht den Kaufpreis

Die Entwicklung von waipu.tv liefert ein plausibles Motiv für den Erwerb. Der Geschäftsbericht 2025 nennt ein bereinigtes EBITDA von 36 Millionen Euro, nach einem Verlust von 1,2 Millionen Euro im Vorjahr, und zum Jahresende rund zwei Millionen Abonnenten. Bei den Kundenzahlen ist das Ende der Vertriebskooperation mit O2 TV zu berücksichtigen. Bereinigt um deren Wegfall wuchs die waipu.tv-Basis nach Angaben von freenet 2025 von 1,603 auf 1,755 Millionen.

Im ersten Halbjahr 2026 kamen im nun separat ausgewiesenen IPTV-Segment netto 77.000 waipu.tv-Abonnenten hinzu; die Basis erreichte 1,832 Millionen. Das bereinigte Segment-EBITDA stieg im Jahresvergleich um 36,5 Prozent auf 18,5 Millionen Euro bei einem Segmentumsatz von 107,1 Millionen Euro. Das stützt die These eines profitabel skalierenden Angebots. Es beantwortet jedoch nicht, welcher Preis für den letzten Anteil angemessen ist – zumal der operative Beitrag zuvor bereits im Konzernabschluss von freenet enthalten war.

Die Kapitalallokation liefert einen zweiten Prüfstein. freenet finanziert den Kauf laut Mitteilung aus liquiden Mitteln und erwartet keine wesentliche Einschränkung ihrer finanziellen Flexibilität. Im ersten Halbjahr sank der bereinigte freie Cashflow des Konzerns gleichwohl um 4,2 Prozent auf 155,2 Millionen Euro. Zugleich bestätigte das Unternehmen eine Mindestdividende von zwei Euro je Aktie für 2026 bis 2028; höher soll sie ausfallen, falls 80 Prozent des bereinigten freien Cashflows je Aktie einen größeren Betrag ergeben. Auch ein für tragbar erklärter Kaufpreis bindet Mittel, die anders eingesetzt werden könnten.

Die unveränderte Dividendenprognose signalisiert Zuversicht, beweist aber keine angemessene Rendite des Erwerbs.

Der IPO-Weg ist beendet

Im April hatte freenet mitgeteilt, gemeinsam mit den Minderheitsaktionären von Exaring strategische Optionen zu prüfen, darunter einen möglichen Börsengang. Machbarkeit und Zeitpunkt hingen damals von verschiedenen Faktoren und der Marktlage ab; eine Verringerung ihrer Mehrheitsbeteiligung plante freenet nicht. Der Erwerb im Oktober beendet diesen konkreten Weg: Der zuvor von den Minderheitsaktionären angestrebte IPO wird nach Angaben des Unternehmens nicht weiterverfolgt.

waipu.tv verliert damit zunächst die Möglichkeit eines eigenständigen Börsenkurses. Der gesamte Restwert liegt nun bei freenet, ebenso das entsprechende Risiko. Ein Börsengang hätte einen separaten Bewertungsmaßstab, eine Finanzierungsquelle oder eine teilweise Liquidität schaffen können; garantiert war keines dieser Ergebnisse. Die externe Preisfindung hängt nun stärker von freenets IPTV-Berichterstattung, Investitionsentscheidungen und Kapitalverteilung im Gesamtkonzern ab.

Die maßgebliche Frage lautet deshalb nicht bloß, ob IPTV wächst. Entscheidend ist, ob der Preis für die Minderheitsanteile – einschließlich tatsächlich fälliger Nachzahlungen – durch den zusätzlichen Gewinn und Cashflow gedeckt wird, der freenet-Aktionären bei 100 statt 74,6 Prozent zusteht. Profitables Wachstum würde die Antwort verbessern. Die noch unbekannten Zahlungsbedingungen bleiben trotzdem zentral.

Quellen