Zusammenfassung
- Im August 1994 kündigten die University of Illinois und Spyglass an, dass Spyglass künftig die kommerziellen Lizenzen für NCSA Mosaic vergeben würde. Bestehende Verträge sollten weiter gelten; eine kostenlose, urheberrechtlich geschützte öffentliche Fassung blieb für Einzelne verfügbar.
- Netscape übernahm weder Spyglass noch dessen Mosaic-Lizenz. Die Vereinbarung vom Dezember erlaubte Netscape, eigene Software ohne Lizenz der Universität oder von Spyglass zu vermarkten. Dafür sollte das Unternehmen die MOSAIC-Marken der Universität nicht mehr verwenden.
„Mosaic“ bezeichnet in den Unterlagen mehrere Dinge: den Browser des National Center for Supercomputing Applications (NCSA), eine Marke der Universität, kommerzielle Nutzungsrechte und ein Entwicklerteam, aus dem später ein anderes Unternehmen hervorging. Wer diese Ebenen zusammenzieht, macht aus einer Verteilung von Rechten eine vermeintliche Firmenübertragung.
Am 24. August teilten die Universität und Spyglass mit, dass ihr im Mai geschlossener Entwicklungs- und Lizenzvertrag erweitert werde. Spyglass sollte künftig kommerzielle Lizenzen für NCSA Mosaic vergeben und verbesserte Versionen für Windows, Macintosh und Unix an Softwarefirmen, Systemanbieter und Online-Dienste vermitteln. Die Universität wollte bereits bestehende Verträge einhalten und neue kommerzielle Anfragen an Spyglass verweisen. Neu geordnet wurde damit die künftige kommerzielle Distribution, nicht die öffentliche Ausgabe.
Der gleiche Text hielt fest, dass Privatpersonen weiterhin kostenlos eine öffentliche, urheberrechtlich geschützte Mosaic-Version herunterladen konnten. NCSA sollte an Funktionen künftiger Generationen forschen; Spyglass sollte kommerzielle Fassungen entwickeln und über Produkte anderer Anbieter verbreiten. Spyglass sagte außerdem zu, bestimmte Verbesserungen an NCSA zurückzugeben, damit sie in die öffentliche Fassung einfließen könnten. Das ist die im Vertrag angekündigte Absicht, kein Nachweis, dass jede geplante Änderung später übernommen wurde.
Der zweite kommerzielle Weg entstand aus Personal und einem eigenständigen Produkt. Die Vorbemerkungen der Dezembervereinbarung beschreiben Netscape Communications — zuvor Mosaic Communications — als von Jim Clark und Marc Andreessen gegründetes Unternehmen, das Entwickler aus dem NCSA-Projekt eingestellt hatte. In der öffentlichen Mitteilung hieß es, Netscape könne seine Software ohne Lizenz der Universität oder von Spyglass vermarkten. Zugleich sollte der Name MOSAIC beziehungsweise NCSA MOSAIC nicht mehr zur Kennzeichnung der Produkte dienen. Die Universität erklärte, sie erhebe keinen Vorwurf eines Fehlverhaltens.
Damit wurde Netscape weder zum Lizenznehmer von Spyglass noch automatisch zum Träger der Rechte der Universität. Netscapes Wertpapierprospekt von 1995 beschreibt Zusagen der Universität und von Spyglass, bestimmte Ansprüche wegen Marken- und Urheberrechtsverletzungen, wegen Geschäftsgeheimnissen oder im Zusammenhang mit früheren Beschäftigten nicht geltend zu machen. Dafür sollte Netscape über zwei Jahre Zahlungen leisten. Diese Vereinbarung verringerte das rechtliche Risiko und schuf Bedingungen für den eigenständigen Vertrieb. Sie war kein Gerichtsurteil darüber, welchen Code Netscape verwendet hatte.
Auch eine Lizenz verrät nicht allein, welcher Quellcode in einem Produkt landete. Eric Sink, der das Browserteam von Spyglass leitete, schrieb später, das Unternehmen habe NCSA-Technologie und Marken lizenziert, seine Browserimplementierungen aber von Grund auf selbst geschrieben. Das ist ein Rückblick aus erster Hand auf die Implementierung, nicht der Lizenzvertrag. Er verdeutlicht jedoch, warum „Mosaic lizenziert“ nicht automatisch „NCSA-Quellcode weitergegeben“ bedeutet.
Mosaics kommerzielle Geschichte verlief somit auf zwei unterschiedlichen Wegen: Spyglass erhielt einen Kanal für künftige NCSA-Mosaic-Lizenzen; Netscape vermarktete eigene Software unter einem anderen Namen. Daneben blieb die öffentliche, kostenlose Ausgabe von NCSA bestehen. Die Quellen belegen eine Aufteilung von Rechten und Vertrieb, keine einzige Unternehmensnachfolge.
Quellen
- Mitteilung von University und Spyglass vom 24. August 1994 — künftige Lizenzen, bestehende Verträge, öffentliche Downloads und geplante Rückgabe von Verbesserungen.
- Mitteilung von University und Netscape vom 21. Dezember 1994 — Firmenname, Lizenzposition, Marken und Erklärung der Universität.
- Netscapes S-1 mit reproduzierter Vergleichsvereinbarung — Parteien, Rechte und die von Netscape offengelegten Vergleichsbedingungen.
- Eric Sink, „Memoirs From the Browser Wars“ — Rückblick eines Leiters des Spyglass-Browserteams.
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