Zusammenfassung

  • Die frühe Handschriftenfotografie von Digital Scriptorium hielt materielle Merkmale sichtbar und nahm Maßstab sowie Farbreferenzen mit auf.
  • Unterschiedliche Aufnahmeverfahren der Bibliotheken konnten so Bilder für einen gemeinsamen Zweck liefern: die eigene Prüfung durch entfernte Leser.

Die mittelalterliche Handschrift bekam ihren Auftritt im Internet. Das Lineal hatte ebenfalls eine Einladung erhalten.

Columbia University Libraries beschreibt die Fotoarbeit von 1997–1998 mit einer bemerkenswert ehrlichen Vorgabe. Unebene Ränder, Oberflächenfehler und durchscheinende Schrift sollten sichtbar bleiben. Zu jedem Bild gehörten ein Maßstab, eine Grauskala und eine Farbtafel. Einige Jahrhunderte Alter durften mit Belegen vor die Kamera treten.

Der Schriftname erledigte nur einen Teil der Arbeit

Digital Scriptorium entstand aus der Zusammenarbeit von Bibliotheken an Columbia University und University of California, Berkeley. Charles B. Faulhaber erläuterte 1999 auf einer Konferenz, weshalb die Bilder gebraucht wurden. Beschreibungen in Katalogen erfassen manche wichtigen Unterschiede unzureichend. Zwei Schriften mit derselben Bezeichnung können visuell stark voneinander abweichen.

Um solche Unterschiede zu prüfen, muss ein Forscher sie sehen können. Fotografien liefern Anhaltspunkte für Vergleiche und für die Einordnung nach Ort und Zeit. Der Katalog führt zur Handschrift. Das Bild gibt dem Leser weitere Arbeit, sobald er sie gefunden hat.

Damit bekamen die unscheinbaren Dinge am Bildrand eine Aufgabe. Eine Seite erscheint auf dem Bildschirm so groß, wie es die Darstellung zulässt. Der Maßstab hält ihre wirkliche Größe im Bild fest. Grau- und Farbfelder liefern Vergleichspunkte für die Wiedergabe. Dem Leser am anderen Ende der Verbindung werden grundlegende Hilfsmittel gleich mitgeschickt.

Eine Farbtafel ist als Schmuck überschaubar begabt. Gerade deshalb ist ihre Anwesenheit auf dem Foto aufschlussreich: Hier sollte jemand etwas untersuchen können.

Ein digitales Vorhaben beschäftigte auch Film

Die beiden Bibliotheken gingen bei der Aufnahme verschiedene Wege. Berkeley beschaffte eine Digitalkamera. Columbia blieb bei Film, der anschließend digitalisiert wurde. Der historische Bericht nennt Überlegungen zu Beleuchtung, Erhaltung der Originale und Arbeitsgeschwindigkeit. Negative dienten als Archivexemplare, digitale Fassungen gingen ins Web.

Die gemeinsame Online-Sammlung konnte also aus unterschiedlichen örtlichen Verfahren entstehen. Für den entfernten Nutzer zählte, welche Merkmale und Bezugspunkte das fertige Bild überlieferte.

Treue Wiedergabe erforderte Bearbeitung. Scans wurden kalibriert, ausgerichtet und geprüft. Aufnahmefehler zu korrigieren half dabei, die Seite mit ihren eigenen Eigenschaften zu zeigen. Eine unregelmäßige Kante konnte ein Befund sein; eine beim Reproduzieren entstandene Farbverschiebung brauchte eine Korrektur.

So wurde aus dem scheinbar einfachen Auftrag, eine alte Seite zu fotografieren, eine Reihe sorgfältiger Entscheidungen. Vor dem Aufräumen musste man wissen, was man gerade wegräumte.

Eine Aufnahme konnte mehrere Fragen beantworten

Columbias späterer Auswahlleitfaden von 2008 beschreibt diese Arbeit genauer. Eine verzierte Initiale kann zugleich Seitengestaltung, Linierung oder eine Lagensignatur zeigen. Ein Wechsel der Schreiberhand oder Besitzspuren können ein Bild rechtfertigen. Einbände und Musiknotation dienen weiteren Forschungsinteressen.

Die Auswahl legt damit fest, welchen Fragen ein Leser aus der Ferne nachgehen kann. Eine prächtige Verzierung zieht Aufmerksamkeit an. Eine unscheinbare Markierung kann anschließend etwas über Herstellung oder Weg des Buches verraten. Beides braucht Platz in einer brauchbaren Auswahl.

Faulhabers Entwurf von 1999 sah auch veränderbare Beschreibungen vor, wenn andere Institutionen neue Hinweise beitragen. Das Bild bleibt dann Material für eine Frage, die der erste Katalogeintrag noch gar nicht gestellt hatte.

In dieser Arbeitsteilung liegt ein Stück Webgeschichte. Bibliotheken bereiten vor und beschreiben; Leser betrachten, vergleichen und überdenken. Die Handschrift lockt das Publikum. Das Lineal sorgt leise dafür, dass der Besuch produktiv werden kann.

Quellen