Zusammenfassung

  • Der 1982 wiederhergestellte Bulletin-Board-Thread der Carnegie Mellon University dokumentiert mehrere Versuche, Scherze von ernsten Mitteilungen zu unterscheiden, nachdem eine erfundene Aufzugswarnung wörtlich genommen worden war.
  • Am 19. September schlug Scott Fahlman :-) als Scherzzeichen vor. Das Archiv belegt eine gemeinschaftliche Konvention, weder einen Standardisierungsbeschluss noch die Erfindung aller Emoticons.

Aus dem Scherz wurde eine Warnung

Die Geschichte beginnt vor dem Smiley. Im September 1982 tauschten Studierende und Beschäftigte der Informatik an der Carnegie Mellon University physikalische Rätsel auf einem gemeinsamen elektronischen Bulletin Board aus. Eine Frage lautete, was mit einer Kerze und einem Quecksilbertropfen geschähe, wenn das Aufzugseil risse. Später behauptete eine scherzhafte Nachricht, der linke Aufzug sei mit Quecksilber verunreinigt und leicht durch ein Feuer beschädigt. Einige Leser hielten das für eine echte Warnung. Eine weitere Nachricht musste klarstellen, dass es keine Verschüttung gegeben hatte.

Auf dem Bulletin Board fehlte dem Text der Kontext eines Gesprächs von Angesicht zu Angesicht. Hinweise, Fragen, Debatten und Humor teilten sich denselben Ort. Ein sarkastischer Satz konnte als Tatsache erscheinen, eine lange Antwort auslösen und das ursprüngliche Thema verdrängen. Fahlman beschrieb später das Problem einer textbasierten Gemeinschaft ohne Gesten und Sprechmelodie. Im wiederhergestellten Original-Thread lassen sich die Lösungsvorschläge der Reihe nach lesen.

Der Stern löste es nicht

Am 17. September schlug Neil Swartz vor, humorvolle Nachrichten im Betreff mit einem Stern zu kennzeichnen. Das Archiv zeigt danach, wie Fahlman eine absurde Aufzugsgeschichte mit (*) im Betreff postete und unmittelbar erklärte, sie sei trotz des Sterns kein Scherz, sondern wörtlich zu nehmen. Das Zeichen allein hatte keine verlässliche Bedeutung.

Andere Beteiligte schlugen %, & oder # vor und erklärten ausführlich, weshalb die Zeichen komisch aussähen. Ein Teilnehmer wandte ein, Scherze sollten nicht unbedingt markiert werden müssen – besonders dann nicht, wenn sie wie echte Sicherheitswarnungen wirkten. Der Thread ist ein kleines Protokoll für Interface-Entwurf: Was sollte das Zeichen bedeuten, wo sollte es stehen, und konnten Leser es ohne zusätzliche Erklärung erkennen?

Zwei Tage später schlug Fahlman :-) als Scherzzeichen vor. In derselben kurzen Nachricht empfahl er :-( für Nicht-Scherze und scherzte, vielleicht sei es sparsamer, die Ausnahmen zu markieren. Diese Gegenbedeutung setzte sich nicht durch. Das traurige Gesicht wurde bald zum Zeichen für Missfallen oder Trauer, wie Fahlman in „Smiley Lore“ festhielt.

Eine Konvention für vorhandene Terminals

Die Zeichen waren auf normalen Tastaturen bereits vorhanden. Es brauchte weder ein neues Bildformat noch einen Editor, eine Serverfunktion oder eine neue Softwareversion: Man tippte die Zeichenfolge, und die Lesenden drehten den Kopf. In seiner Rückschau von 2021 beschreibt Fahlman die Einschränkungen als begrenzten ASCII-Zeichensatz und eine einzige Betreffzeile. Dadurch ließ sich das Zeichen leicht zwischen Rechnern kopieren, aber es blieb freiwillig. Das Archiv zeigt kein Programm, das prüfte, ob jeder Scherz gekennzeichnet war.

Die Aufzeichnungen stützen auch keine Geschichte vom einsamen Erfinder. Das Archiv beginnt am 16. September und weist darauf hin, dass frühere Nachrichten fehlen. Es bewahrt die Debatte um Scherzzeichen, nicht die gesamte mögliche Vorgeschichte des seitwärts gelesenen Gesichts. Fahlman bezeichnete sich später als Erfinder „oder zumindest als einen der Erfinder“ und sagte, er habe keine belastbaren Belege für frühere private Verwendungen. Belegt ist eine engere Aussage: In einem CMU-Thread wurde die erkennbare ASCII-Kombination zu einem datierten Zeitpunkt vorgeschlagen und danach sichtbar verwendet.

Der Weg in andere Labore

Spätere Beiträge im Archiv zeigen Varianten auf dem Campus. Am 10. November erklärte James Morris, damals bei Xerox PARC, seinen Kolleginnen und Kollegen die Konvention und listete Ableitungen auf. Fahlman schätzte rückblickend, dass sie sich binnen einer Woche an der CMU weit verbreitete und wenige Monate später andere ARPAnet-Universitäten und Labore erreichte. Die November-E-Mail ist ein zeitgenössischer Hinweis auf die Verbreitung über das ursprüngliche Board hinaus; der größere Zeitrahmen ist die Erinnerung eines Beteiligten, keine Adoptionsstatistik.

Das Zeichen wurde nicht nützlich, weil eine Autorität es zum Standard erklärte. Es war gewöhnlicher Text, über ein laufendes Netzwerk kopierbar und leicht abzuwandeln. Mit der Verbreitung nahm das Lächeln zusätzlich die Bedeutung von Freude an. Die gemeinsame Form blieb erkennbar, während sich ihr Gebrauch erweiterte.

Was das Smiley nicht entscheiden konnte

Ein Zeichen hilft, Absicht zu erschließen; es beweist sie nicht. Eine Antwort auf Fahlmans Vorschlag hielt ein Scherzzeichen für unzureichend und entwarf ein komplexeres Schema zur Klassifizierung von Nachrichten. Andere Beiträge testeten, parodierten und erweiterten die Varianten. Das Archiv dokumentiert weder eine verbindliche Regel noch das Ende der Meinungsverschiedenheiten.

Die nützliche historische Unterscheidung verläuft zwischen einer Softwarefunktion und einer sozialen Konvention. Drei druckbare Zeichen konnten ohne neue Programmversion zirkulieren. Ihre Annahme hing dennoch davon ab, dass Lesende das Signal erkannten, Schreibende es verwenden wollten und ein Netzwerk die Beobachtung und Weitergabe ermöglichte. Das kleine Gesicht ist ein Interface; seine Geschichte zeigt, wie eine Gemeinschaft aushandelte, was ein Zeichen klären kann und was Lesende weiterhin selbst beurteilen müssen.

Quellen: wiederhergestellter CMU-Thread; Scott Fahlman, „Smiley Lore“; Fahlmans Rückblick von 2021; institutionelle Geschichte der Carnegie Mellon University; wissenschaftliche Geschichte früherer gesichtsähnlicher Zeichen; Transkript eines weiteren Bulletin-Board-Backups von 1982.