Zusammenfassung

  • Das Archiv der Chinesischen Akademie der Wissenschaften und IHEP datieren eine E-Mail aus Peking ans CERN auf August 1986 und bezeichnen sie als erste aus China. Der Bericht beschreibt einen Satellitenlink mit Fernzugriff, keinen CSNET-Mailknoten.
  • Im September 1986 begann ein separater X.25-Maildienst zwischen ICA und Karlsruhe. 1987 schickte ein CSNET/PMDF-Host bei ICA eine Nachricht in die internationalen Forschungsnetze: verfasst am 14. September, erfolgreich versandt erst am 20.
  • Der Versand ging dem NSF-Schreiben vom 8. November voraus, das die Erweiterung von CSNET- und BITNET-Mail nach China begrüßte. Es handelte sich um eine E-Mail-Verbindung, nicht um vollständigen Internetzugang; CERnet datiert diesen auf 1994.

„Erste“ bezeichnet nicht immer dasselbe

In Darstellungen der ersten chinesischen E-Mail tauchen zwei Daten auf. Das Archiv der Chinesischen Akademie der Wissenschaften und das Institut für Hochenergiephysik (IHEP) nennen den 25. August 1986. Weimin Wu saß an einem Rechner des Instituts 710 in Peking. Laut Archiv loggte er sich über eine Satellitenverbindung aus der Ferne auf einem CERN-Rechner in Genf ein und verschickte eine E-Mail. CERN Courier nennt Jack Steinberger als Empfänger. IHEP bezeichnet die Nachricht als erste E-Mail aus China.

Das zweite „Erste“ gehört zu einem anderen System. Im September 1987 richteten ein Team des Institute for Computer Application (ICA) in Peking und Kollegen in Karlsruhe einen CSNET/PMDF-Mailknoten ein. Die Betreffzeile lautete „First Electronic Mail from China to Germany“. Die Nachricht sollte über eine Computerverbindung zwischen Peking und Karlsruhe in internationale wissenschaftliche Netze gelangen. Auf der Empfängerliste standen auch Forschende in den USA und Irland.

Beide Darstellungen können stimmen. Eine Nachricht aus China an einen ausländischen Forschungsrechner zu senden, ist nicht dasselbe wie ein lokaler Host, der E-Mails über ein internationales Netz weiterleitet. Entscheidend ist, welche Endpunkte und welchen Dienst jede Aussage zählt, nicht welcher Jahrestag sich durchsetzt.

Der Austausch von 1986 diente der Forschungskooperation

Die Verbindung zum CERN entstand aus der Zusammenarbeit in der Hochenergiephysik. Das Archiv der Akademie beschreibt einen Satellitenlink und den Fernzugriff von Peking nach Genf. Es belegt eine E-Mail, dokumentiert aber weder einen CSNET-Host in China noch einen dauerhaft betriebenen internationalen Mailrelay. Damit stützt es die Nachricht von 1986, reicht aber nicht als Nachweis einer umfassenderen Netzanbindung.

Im selben Jahr gab es einen weiteren Schritt. Werner Zorn zufolge wurde am 1. September ein E-Mail-Dienst über einen X.25-Fernzugriff zwischen ICA in Peking und der Informatikabteilung in Karlsruhe eröffnet, den mehrere Nutzer verwenden konnten. Doch eine Fernsitzung mit einem einzelnen ausländischen Host ist etwas anderes als ein lokaler CSNET-Knoten, der mit einem größeren Forschungsnetz E-Mails austauscht.

1987 nahm die Nachricht mehrere Netze

Die sechs Tage zwischen Entwurf und Versand gehören zur Geschichte. Das chinesisch-deutsche Team verfasste die Nachricht „Across the Great Wall“ am 14. September. An diesem Tag verließ sie China nicht. Die Wiedergabe des Originalbelegs durch Jay Hauben und Zorns Bericht nennen den 20. September als ersten erfolgreichen Versand.

Bei ICA erreichte der Absender über ein 300-Baud-Modem einen X.25-Port von PKTELCOM Beijing. Ein Satellitenabschnitt führte den Verkehr zum italienischen Paketnetz ITAPAC. Ein Gateway leitete ihn in das deutsche Netz DATEX-P weiter, das die Nachricht an einen Siemens-Host in Karlsruhe auslieferte. Der lokale CSNET-Knoten leitete die E-Mail anschließend an weitere Ziele. Die Route war teuer; für jeden internationalen Abschnitt fielen eigene Gebühren an. Es war ein Store-and-Forward-Dienst über getrennt betriebene Netze, keine durchgehende Leitung von China ins gesamte Internet.

Die Zustimmung kam nach der funktionierenden Route

Am 8. November schickte Stephen Wolff, ein Direktor der US-amerikanischen National Science Foundation, ein Schreiben, das die Ausweitung von CSNET- und BITNET-Mail nach China begrüßte. Das geschah nach dem erfolgreichen Versand im September. Die Reihenfolge ist wichtig: Das Schreiben gab dem Dienst innerhalb der von den USA finanzierten und koordinierten Netze einen klareren institutionellen Rahmen, schuf aber weder die Verbindung Peking–Karlsruhe noch brachte es die Testnachricht zum Laufen.

Mit dem Start von CANET im März 1988 wuchs die institutionelle Basis. CERnet beschreibt das akademische Netz als Verbindung von Dutzenden Bildungs- und Forschungseinrichtungen, die über ein X.25-Gateway in Karlsruhe E-Mail mit dem Internet austauschten. In derselben Darstellung bleibt dieser Maildienst von der späteren vollständigen Internetanbindung getrennt. Ein Mailknoten konnte Forschende in den internationalen Austausch bringen, ohne jeden Campus, Host und Nutzer in ein allgemeines IP-Netz aufzunehmen.

Eine spätere Lesart, nicht die Sprache der Teams

Heng Lus Note 65, Running-Code Primacy, bietet einen späteren analytischen Prüfstein: Zuerst sollte man die tatsächlich laufende Implementierung, ihre Nutzer und ihre Reichweite beschreiben, bevor ein politisches Schreiben oder eine historische Bezeichnung für das ganze System steht. Das war nicht die Wortwahl der Teams in Peking und Karlsruhe. Mit dieser Einschränkung bleiben drei Fakten sichtbar: Die CERN-Mail von 1986 fand statt; der CSNET-Knoten von 1987 ermöglichte einen breiteren Maildienst; keines der Ereignisse war für sich vollständiger Internetzugang.

Auch die Quellen haben Grenzen. Für die CERN-Mail von 1986 nennen die verfügbaren Berichte nicht den vollständigen Protokollstapel und belegen keinen dauerhaft verfügbaren öffentlichen Maildienst. Für 1987 zeigen dagegen erhaltene Header, die Routenbeschreibung und die spätere CSNET-Zustimmung die Dienstgrenze und den Relay genauer. Der Unterschied ist technisch, nicht zeremoniell.

Quellen