Zusammenfassung
- Die Ankündigung vom April 2010 versprach die Übernahme öffentlicher Tweets seit den Anfängen 2006 und der künftigen Beiträge. In den Antworten der Bibliothek blieben private Kontodaten, gelöschte Tweets, Bilder und verlinkte Webseiten ausdrücklich außerhalb der Sammlung.
- Das Entscheidungspapier von 2017 stellte fest: Die Bibliothek empfing weiterhin nur Text, obwohl Tweets länger und visueller geworden waren. Seit Januar 2018 sollte sie nach Themen und Ereignissen auswählen. Die öffentliche Erklärung bestätigte den Erhalt der Textsammlung von 2006 bis 2017 und ihre weiter beschränkte Zugänglichkeit.
Die nächste Lieferung wurde kleiner, das alte Archiv blieb
Zum Jahreswechsel 2017/18 änderte die Library of Congress die Regel am Eingang. Bis dahin nahm sie den öffentlichen Textstrom vollständig entgegen. Künftig würde sie Tweets zu ausgewählten Themen und Ereignissen, etwa Wahlen oder öffentlicher Politik, erwerben. Die bereits empfangenen zwölf Jahre an Text blieben in ihrer Obhut. Eine geänderte Sammelentscheidung ist etwas anderes als das Vernichten eines Bestands.
Im Papier vom Dezember 2017 stehen mehrere Ursachen nebeneinander. Die Menge der Tweets und zugehörigen Vorgänge stieg. Die Beiträge wurden länger. Alles aus einem Gebiet dauerhaft und vollständig zu sammeln entsprach ohnehin nicht der gewöhnlichen Praxis der Bibliothek; 2010 war diese Methode eine Ausnahme angesichts einer neuen Kommunikationsform. Dazu kam eine qualitative Verschiebung: Die Bibliothek erhielt keine Bilder, Videos oder Inhalte verlinkter Seiten. Genau diese Bestandteile wurden für die Beiträge wichtiger.
Wenn ein Satz auf ein Bild reagiert, ist der Satz allein ein Beleg für die Reaktion. Er zeigt dem späteren Leser das Bild nicht. Die Zahl der gespeicherten Tweets kann daher präzise sein und doch zu viel über die Vollständigkeit der historischen Mitteilung versprechen. Die Änderung von 2017 war eine Entscheidung über Kosten und Sammlungswert, vor allem aber legte sie die alte Definition des gespeicherten Objekts offen.
Schon 2010 hatte das Wort „alle“ eine Grenze
Die Bibliothek verkündete am 14. April 2010, Twitter gebe ihr die öffentlichen Tweets seit 2006 und werde laufend neue liefern. Nachrichten, Alltagsgespräche und gesellschaftliche Veränderungen sollten für spätere Forschung überliefert werden. Die FAQ vom 28. April legte offen, was die Lieferung umfasste.
Twitter entschied, welche Beiträge als öffentlich galten. Angaben zu privaten Konten und gelöschte Tweets gehörten nicht dazu. Bilder und Webseiten hinter Links ebenso wenig. Die Bibliothek wollte die Funktionen von Twitter nicht nachbauen. Damit lagen drei Entscheidungen bei unterschiedlichen Stellen: Was die Plattform als öffentlich lieferte; was die Bibliothek verwahrte; und ob die externen Bilder und Seiten überhaupt anderswo erhalten blieben. Der Titel „gesamtes Twitter-Archiv“ durfte diese Grenzen nicht wegradieren.
Die FAQ nannte außerdem mindestens sechs Monate zwischen Veröffentlichung und möglicher Nutzung für die Forschung. Konkrete Werkzeuge und Regeln für den Zugang sollten noch entwickelt werden. Eine früheste erlaubte Frist ist keine geöffnete Suchoberfläche.
Milliarden Eingänge, eine Suche von 24 Stunden
Der technische Bericht vom Januar 2013 zeigt, wie weit die Annahme gediehen war. Die Lieferung für 2006 bis 2010 enthielt etwa 21 Milliarden Tweets in drei komprimierten Dateien. Bis zum 1. Dezember 2012 kamen mehr als 150 Milliarden weitere hinzu: zusammen rund 170 Milliarden. Zwei komprimierte Kopien belegten 133,2 Terabyte. Die tägliche Lieferung stieg von 140 Millionen im Februar 2011 auf nahezu eine halbe Milliarde im Oktober 2012.
Ein beauftragter Vermittler bündelte die Nachrichten stündlich. Die Bibliothek holte die Dateien, kontrollierte Übertragung und Vollständigkeit, zählte die Tweets und schrieb sie auf Band. Zwei Bandarchive lagen an geografisch getrennten Orten. Der Strom wurde also tatsächlich entgegengenommen und für die lange Lagerung organisiert.
Für Forschende gab es noch keinen Zugang. Eine einzige Abfrage des festen Bestands von 2006 bis 2010 konnte auf den damaligen Systemen 24 Stunden benötigen. Der Vertrag erlaubte anerkannten Forschenden Zugriff nach sechs Monaten, beschränkte jedoch kommerzielle Nutzung, Weitergabe und leicht herunterladbare große Webkopien. Rechtliche Möglichkeit, vorhandenes Band und praktisch nutzbare Abfrage sind drei verschiedene Ergebnisse. Der Bericht belegte vor allem die ersten Schritte der Verwahrung.
Schnellere Rechner hätten die Texte auffindbar machen können. Ein nie geliefertes Bild konnten sie nicht hervorholen. Die Lücke im Zugang und die Lücke im Inhalt verlangen unterschiedliche Entscheidungen. 2017 wurde die zweite Lücke so wichtig, dass eine stets wachsende Textsammlung nicht mehr automatisch als stets wachsender Ausschnitt der tatsächlichen Kommunikation galt.
Der Bestand blieb unter Verschluss
Die Erklärung vom 26. Dezember 2017 sprach von einem sicher verwahrten Textbestand für 2006 bis 2017 und von gezielter Erwerbung ab Januar. Das Entscheidungspapier hielt am beschränkten Zugang fest, bis er finanziell tragfähig geklärt sei; einen Termin für die Öffnung nannte es nicht. Mit Twitter seien Fragen zu Löschvorgängen und Nutzerzugang zu lösen.
Die frühere Vollständigkeit hatte eine leise Auswahl enthalten: Schrift ja, Foto nein. Die spätere Auswahl machte eine zweite Macht sichtbar: Welches Ereignis wird überhaupt festgehalten? Zwölf Jahre Text sind ein wertvoller Primärbestand. Sie sind nicht die ganze damalige Bildschirmseite. Mit der neuen Regel erklärte die Bibliothek offen, dass die Sicherung eines Bestands und die Bestimmung seiner Grenzen zwei Aufgaben sind.
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