Zusammenfassung

  • Allianz verlagerte 2019 begonnene ABS-Replattformierung bis Ostern 2022 vom Mainframe auf Linux-x86-Server; der Datentransfer dauerte laut CIO-Bericht 48 Stunden über das Osterwochenende.
  • Allianz Direct ersetzte 2022 eine Jenkins-Pipeline mit rund 200 Workflows durch Tekton und Argo CD mit 10–15 Workflows; neun von elf Pipeline-Werkzeugen sind CNCF-Projekte.
  • Die Claims-Automatisierung (Insurance Copilot, Project Nemo, automatisierte Tierversicherung) ist produktiv, aber nahezu alle Leistungszahlen sind selbst berichtet.

Allianz Technology SE ist die Engineering-Organisation der Allianz SE – und die Frage, was diese Organisation tatsächlich ausliefert, lässt sich präziser beantworten, als es die üblichen Cloud-Verkündigungsschreiben nahelegen. Der deutlichste Indikator ist ein System, das die meisten Leser nie sehen: Allianz Business System (ABS), die Kernplattform für Polizzenverwaltung. Laut einem Microsoft-Communiqué vom 14. November 2019 verabredeten Allianz und Microsoft, zentrale ABS-Bausteine auf Azure zu verlagern und Teile des Kerns zu öffnen; die Ankündigung bezifferte ABS mit rund 60 Millionen Policen in 19 Ländern https://news.microsoft.com/source/2019/11/14/allianz-partners-with-microsoft-to-digitally-transform-the-insurance-industry/. Eine Newswire-Syndikation desselben Tages bestätigt Datum und Absichtserklärung https://www.prnewswire.com/news-releases/allianz-partners-with-microsoft-to-digitally-transform-the-insurance-industry-300958051.html.

Die unabhängige Berichterstattung fügt die Ausführungsdetails hinzu, die die Ankündigung schuldig blieb: Mitte 2019 fiel die Entscheidung, ABS samt der deutschen Datenbank – beschrieben als eine der größten Linux-basierten DB2-Datenbanken – auf standardisierte x86-Server mit Linux zu migrieren. Ostern 2022 war der Mainframe Geschichte; der Transfer des vollständigen Datenbestands dauerte dem Bericht zufolge 48 Stunden. Das Budget wurde auf einen niedrigen dreistelligen Millionen-Euro-Betrag mit Amortisation in drei bis vier Jahren beziffert, das Kernteam auf rund 500 Personen, zeitweise etwa 3.000 Beteiligte und rund 1.000 Tester; die BaFin war informiert https://www.cio.com/article/479654/examining-allianz-technologys-decision-to-replatform.html. Ein deutschsprachiger CIO.de-Artikel („Die Allianz wechselt auf Linux“) bestätigt die Migrierungsentscheidung aus zweiter unabhängiger Quelle https://www.cio.de/article/3695492/die-allianz-wechselt-auf-linux.html. Wichtig für die Einordnung: Der CIO-Artikel trägt im eingeholten Snapshot kein Publikationsdatum, und alle Mengenangaben sind näherungsweise.

Das zweite Standbein ist Allianz Direct, der digitale Direktversicherer. Eine CNCF-Fallstudie beschreibt den Weg vom privaten in die öffentliche AWS-Cloud im Jahr 2020 und die CI/CD-Umstellung Mitte 2022 von Jenkins auf Tekton (Build) und Argo CD (Deployment): Aus rund 200 Release-Workflows wurden 10–15 Workflows mit 40–50 Komponenten, neun der elf Pipeline-Werkzeuge sind CNCF-Projekte https://www.cncf.io/case-studies/allianz/. Eine von CNCF gehostete Architekturbeschreibung ergänzt die Plattform-Skala: Das Platform-Engineering-Team dient laut Angabe etwa 500 Ingenieuren und 1.500 Mitarbeitenden, läuft auf EKS und Fargate mit Multi-Tenancy auf Konto-, Namespace- und Fargate-Ebene, nutzt Argo CD, Terraform mit Atlantis und Crossplane – und brauchte rund vier Jahre bis zum Stand von Ende Oktober 2024, inzwischen als Allianz-Group-Standard https://architecture.cncf.io/architectures/allianz/. Die Einschränkung gehört dazu: Beide Fallstudien sind typischerweise von der Firma selbst eingereicht.

Das Produkt daraus beschreiben unabhängige McKinsey-Accounts: eine Plattform für mehrere regulierte europäische Märkte, Mikroservice-Architektur mit automatisierten Tests, ein harmonisiertes Daten- und Prozessmodell über Agentur-, Web- und Contact-Center-Kanäle hinweg – und eine Hausratversicherung, die von der Idee bis zur Markteinführung vier Monate brauchte https://www.mckinsey.com/capabilities/mckinsey-digital/our-insights/a-digital-business-builder-an-interview-with-the-ceo-of-allianz-direct. Derselbe Account nennt den „60-second claim“ mit KI-gestützter Schadensbewertung und verweist darauf, dass rund ein Drittel der Belegschaft von Allianz Direct in Technologie- oder Datenrollen arbeitet https://www.mckinsey.com/capabilities/tech-and-ai/how-we-help-clients/rewired-in-action/allianz-direct-advancing-as-europes-leading-digital-insurer. Das sind Unternehmensangaben in unabhängiger Rahmung – die Zahlen selbst sind nicht extern verifiziert.

Am deutlichsten produktiv ist die Claims-Automatisierung. Insurance Copilot, von Allianz Technology entwickelt, startete 2024 für Kfz-Schäden in Österreich aus einem Experiment von Ende 2023; es automatisiert Datensammlung, Dokumenten- und Bildanalyse, Entscheidungsvorbereitung und Entwürfe, mit Menschen in der Schleife für Deckungs- und Auszahlungsentscheidungen, und wurde auf Sachschäden ausgeweitet https://www.allianz.com/en/mediacenter/news/articles/250205-smarter-claims-management-smoother-settlements.html. Project Nemo, im Juli 2025 in Australien gestartet, orchestriert sieben spezialisierte KI-Agenten (Planung, Cyber, Deckung, Wetter, Betrug, Auszahlung, Audit) für Food-Spoilage-Schäden; Allianz nennt rund 80 Prozent Zeitreduktion, einen Build in unter 100 Tagen und einen Durchlauf unter fünf Minuten vor menschlicher Prüfung https://www.allianz.com/en/mediacenter/news/articles/251103-when-the-storm-clears-so-should-the-claim-queue.html. Ein weiteres Newsroom-Statement beziffert die automatisierte Verarbeitung in der deutschen Tierversicherung mit 49,7 Prozent aller Schäden 2025 und die Bearbeitungszeit für australische Schäden unter AUD 500 von rund sieben Tagen auf unter einen Tag; Ablehnungen eskalieren an menschliche Sachbearbeiter https://www.allianz.com/en/mediacenter/news/articles/260318-responsible-use-of-ai-at-allianz.html.

Die regionale Ausführung ist separat dokumentiert: Allianz Ayudhya in Thailand begann 2023 mit der AWS-Migration von über 500 Servern; die Sachsparten-Phase kostete drei Tage Verfügbarkeit und hob die Cloud-Adoption von 30 auf 45 Prozent, die L&H-Phase 2025 auf einen Tag und 76 Prozent gegen das Group-Ziel von 75 Prozent bis 2025; vier Rechenzentren wurden auf einen primären und einen DR-Standort konsolidiert, und die Laufkosten sollen von rund 8 Mio. USD (2024) auf rund 6 Mio. USD (2026) sinken https://www.softwareone.com/en/case-studies/global/finance/allianz-aws-migration. Diese Zahlen stammen aus einer Vendor-Fallstudie – der 2026er-Wert ist prognostisch.

Zur Größenordnung der Organisation bleiben zwei unterschiedliche Quellen: Allianz Technology selbst spricht von mehr als 10.000 Fachkräften weltweit https://tech.allianz.com/en/who-we-are/our-people.html, während ein Drittanbieter-Estimate von rund 11.396 Beschäftigten 2026 ausgeht – mit interner Inkonsistenz und methodischer Intransparenz https://www.reveliolabs.com/companies/allianz-technology/employees. Eine Stellenausschreibung für einen Claims Solution Designer in Mailand belegt die laufende Personalarbeit hinter der Automatisierungsagenda, ist aber kein Ergebnisnachweis https://internal-careers.allianz.com/job/Milan-Claims-Solution-Designer_2059-20145/1403534033/.