Zusammenfassung

  • Am 9. Juni 1996 gelang WIDE der erste IPv6-Rundweg zwischen dem Nara Institute of Science and Technology und dem Tokyoer NOC über eine serielle Leitung, nicht über einen IPv6-in-IPv4-Tunnel.
  • WIDE teilte eine vorhandene T1-Leitung auf: 64 kbit/s für IPv6 und 1.472 kbit/s für IPv4. Laut Rückblick entfielen dadurch die Kosten einer weiteren Mietleitung; zugleich sollten sich die beiden Netze im Betrieb nicht gegenseitig stören.

Ein schmaler Anfang

Der Start von WIDE 6bone war keine kleine Vorstufe des späteren globalen Tunnelnetzes. Der Rückblick von WIDE datiert den ersten IPv6-Rundweg zwischen dem Nara Institute of Science and Technology und dem Tokyoer Netzbetriebszentrum auf den 9. Juni 1996 um 15:22 Uhr japanischer Zeit. Die Pakete liefen über eine serielle Leitung. Statt eine zusätzliche Standleitung zu mieten, teilte das Team eine vorhandene T1 auf: 1.472 kbit/s blieben dem regulären IPv4-Netz, 64 kbit/s erhielt IPv6.

WIDE nennt dafür Kosten und Betriebssicherheit als Gründe: keine zusätzliche Mietleitung und möglichst keine Beeinträchtigung des IPv4-Betriebs durch IPv6-Experimente. Das dokumentiert ein Konstruktionsziel, aber keine unabhängige Messung der Isolation oder der Nutzergeschwindigkeit.

Die Entscheidung verschob die erste Frage. Das Team musste nicht erst ein weltweites IPv6-Netz fertigstellen, sondern konnte einen Teil vorhandener Infrastruktur nutzen. Die Universität Tokio verband sich noch am selben Tag mit dem Tokyoer NOC; die Universität Osaka folgte eine Woche später. Zunächst erleichterten IPv4-kompatible IPv6-Adressen den Einstieg. Routen wurden von Hand eingetragen, weil passende Routing-Daemons noch nicht verfügbar waren. Der kleine Anfang senkte den Investitionsbedarf, ließ aber die laufende Arbeit bei den Teilnehmern.

Tunnel kamen mit der Erweiterung

Bei einem 6bone-Treffen im Umfeld der IETF 36 in Montreal vereinbarten die Teilnehmer im Juni 1996, am 15. Juli ein weltweites 6bone aufzubauen. WIDE zufolge wechselte das Team zuvor auf die damals verwendeten IPv6-Testadressen. Cisco wurde am 16. Juli WIDEs erster Peer. Zwei Tage später richtete WIDE mit G6 einen IPv6-over-IPv4-Tunnel ein. Die Reihenfolge ist aufschlussreich: Der erste lokale WIDE-Rundweg nutzte eine serielle Leitung; der spätere Tunnel verband den Standort mit einem weiteren Teilnehmer des größeren Testnetzes.

Mehr Teilnehmer machten die statische Konfiguration zunehmend schwer wartbar. WIDE installierte deshalb im Februar 1997 RIPng. Sechs Monate danach zählte der Rückblick mehr als zehn interne Hops im WIDE-Netz und 300 vollständige Routen im weltweiten 6bone. Das sind Momentaufnahmen aus dem Bericht eines Teilnehmers, keine globale Zählung nach einheitlicher Methode. Die IPv6-Arbeitsgruppe der RIPE-28-Sitzung nannte bei einem früheren Treffen separat mehr als 120 angeschlossene Standorte in 30 Ländern. Das belegt die geografische Ausdehnung des größeren Projekts, ist aber nicht direkt mit WIDEs Routenzahl addierbar.

Adressierung und Routing mussten mitziehen

Mit dem Wachstum reichten provisorische Testadressen und manuelle Routen nicht mehr aus. WIDE berichtet, dass eine IETF-Sitzung in München im August 1997 zwei Änderungen festlegte: die Umnummerierung von providerbasierten Adressen auf ein aggregierbares Format und die Migration zu BGP4+ bis zum 1. November. WIDE wurde als Pseudo-Top-Level-Aggregator ausgewählt, erhielt 3ffe:500::/24 und nummerierte im Oktober um. BGP4+ ging erst im Januar 1998 in Betrieb, weil sich die Entwicklung des Daemons verzögerte.

RFC 1897 bezeichnete frühe IPv6-Testadressen als vorläufig und kündigte eine spätere Umnummerierung an. RFC 2471 vergab später ebenfalls vorläufige Testadressen für 6bone. Die Dokumente belegen, dass diese Präfixe keine dauerhaften Produktionszuweisungen waren; sie prüfen WIDEs konkrete Umstellungstermine nicht unabhängig. RFC 2772 beschreibt 6bone als betriebenes Testnetz mit Registrierung, Routingregeln und Erfahrungsvoraussetzungen für bestimmte pTLA-Bewerber.

Das Experiment erforderte daher mehr als funktionierende Leitungen: Die Beteiligten mussten auch abstimmen, wer Adressen erhielt, wie Routen angekündigt wurden und wann ein alter Plan auslief.

WIDEs Beispiel belegt somit nicht, dass IPv6 von Anfang an über Tunnel lief. Zuerst nutzte das Team 64 kbit/s einer vorhandenen T1-Leitung, danach kamen Peering und ein Tunnel hinzu. Später folgten die Ablösung statischer Routen, die Umnummerierung und die Einführung eines neuen Routing-Daemons. Das ist eine schrittweise Erweiterung, wie WIDE sie dokumentiert hat. Daraus folgt nicht, dass alle Teilnehmer dieselben Leitungen, Budgets oder technischen Voraussetzungen hatten. Note 64 kann mit dem Gedanken einer minimalen Anfangsspezifikation und freiwilliger Übernahme als redaktionelle Perspektive dienen, nicht als historische Quelle.

Quellen

  • WIDE IPv6-Arbeitsgruppe, “Deployment and Experiences of WIDE 6bone”:Projektbericht。
  • Robert Hinden und Jon Postel, RFC 1897, “IPv6 Testing Address Allocation”:RFC。
  • Robert Hinden, Robert Fink und Jon Postel, RFC 2471:RFC。
  • Rob Rockell und Robert Fink, RFC 2772, “6Bone Backbone Routing Guidelines”:RFC。
  • Robert Fink und Robert Hinden, RFC 3701, “6bone Phaseout Plan”:RFC。
  • Protokoll der IPv6-Arbeitsgruppe bei RIPE 28:Sitzungsbericht。
  • Heng Lu, Note 64, nur als redaktionelle Perspektive:Artikel。