Zusammenfassung

  • Susan Kares frühe Macintosh-Icons durchliefen Papier, Pixelbearbeitung, hexadezimale Darstellung und interaktive Nutzung; keine dieser Ebenen allein dokumentiert den gesamten Gestaltungsprozess.
  • Die spätere Archivarbeit zeigt, dass ein Bildschirmfoto die Datenträger, Software und Interpretationsentscheidungen nicht ersetzen kann, die nötig sind, um digitale Werke zu erforschen.

Das Skizzenbuch ist nicht die Oberfläche

Das Museum of Modern Art beschreibt Kares Macintosh-Icon-Skizzenbuch von 1982 als ein Heft, in dem jedes Rasterfeld einem Pixel entsprach. Es macht eine Phase sichtbar, die das fertige Symbol oft verdeckt: Die Form konnte auf Papier entstehen, bevor sie auf dem Bildschirm erschien. Das Heft zeigt jedoch weder, ob ein Icon in seiner tatsächlichen Größe lesbar war, noch was nach einem Klick geschah oder wie der Computer das Bild interpretierte.

In einem 2000 von Stanford University Libraries aufgezeichneten Interview erinnerte sich Kare, dass der verfügbare Icon-Editor bei ihrem Einstieg in die Macintosh-Arbeit noch sehr einfach war. Sie zeichnete zunächst auf Papier und nutzte dann ein Raster, in dem sich einzelne Pixel ein- und ausschalten ließen. Zuerst zeigte man ihr, wie sich das Bild in hexadezimale Werte umwandeln ließ, die anschließend über die Tastatur eingegeben wurden. Andy Hertzfeld entwickelte später einen besseren Editor, der den Hexadezimalwert direkt unter dem Icon erzeugte.

Skizze, Bildschirm-Bitmap und maschinenlesbare Darstellung waren verbundene, aber unterschiedliche Gegenstände.

Die Unterscheidung begrenzt, was sich aus einer Quelle schließen lässt. Papier belegt eine Formidee, aber nicht deren Lesbarkeit auf dem Bildschirm. Eine vergrößerte Ansicht zeigt einzelne Pixel, aber nicht, ob Menschen die Funktion verstanden. Hexadezimalwerte zeigen eine Repräsentation, nicht allein das Verhalten der Software. Das Interview ist eine spätere Erinnerung und kein vollständiges Entwicklungsprotokoll für jedes Icon. Es zeigt dennoch, dass das bekannte Bild aus Werkzeugen und Zusammenarbeit hervorging, nicht aus einer isolierten Zeichnung.

Ein Icon musste sich anklicken lassen

Kare berichtete, dass das Team meist eine gewünschte Funktion nannte und sie mehrere Vorschläge ausarbeitete. Menschen probierten die Varianten aus, gaben Rückmeldung, und das endgültige Design entwickelte sich daraus. Für das Füllwerkzeug von MacPaint testete sie andere Ideen, bevor eine gießende Farbdose den Befragten am verständlichsten erschien. Sie nannte das informelle Tests, keine kontrollierte Studie und keinen Nachweis, dass alle Nutzer das Symbol gleich deuteten.

Einige Grafiken unterlagen auch den Grenzen der Bedienung. Der aktive Pixel eines Cursors bestimmt, wo der Computer einen Klick registriert; der Zeiger muss sich daher gut ausrichten lassen. Eine vergrößert klare Form kann in normaler Größe mehrdeutig oder schwer zu treffen sein. Kare erinnerte sich daran, Varianten auf ihre praktische Funktion hin auszuprobieren. Ein Icon ist also nicht bloß eine kleine Illustration: Auch seine Position und die durch einen Klick ausgelöste Aktion prägen seine Bedeutung.

Kares Rückblick verhindert zudem die Erzählung von der alleinigen Erfinderin. Der Papierkorb existierte bereits auf Lisa; Kare passte ihn für den Macintosh an, dessen Pixelgeometrie anders war. Programmierer schlugen Funktionen vor und brachten mitunter selbst die erste grafische Idee ein. Hertzfeld verbesserte den Editor. Bill Atkinson und Hertzfeld beschrieben Kare später als eine wichtige künstlerische Nutzerin von MacPaint, deren täglicher Gebrauch die Weiterentwicklung der Software beeinflusste; Atkinson nannte sie eine Mitgestalterin.

Diese Aussagen würdigen ihren Beitrag, ohne Implementierung, frühere Oberflächen oder die gesamte Arbeit des Mac-Teams ihr allein zuzuschreiben.

Wenn der Datenträger altert

Jahrzehnte später ging es nicht mehr darum, das Symbol zu zeichnen, sondern darum, seine Belege lesbar zu halten. In einem Bericht über eine 2015 begonnene Erwerbungsuntersuchung beschrieben Ben Fino-Radin, Medienrestaurator am MoMA, Martina Haidvogl von SFMOMA und Mark Hellar die Materialien aus Kares Archiv, die den Institutionen vorlagen: handgezeichnete Grafiken, ein Skizzenbuch und mehr als 300 Disketten mit digitalen Objekten. Sie schilderten den Zugang zu den Datenträgern, die Untersuchung der Dateien, die Emulation und die gemeinsame Prüfung durch Restauratoren und Kuratoren.

Der Besitz eines Datenträgers löst das Problem nicht. Die Dateien befanden sich in unterschiedlichen Zuständen der Veralterung und Unkenntlichkeit; dasselbe digitale Objekt konnte je nach interpretierender Software anders erscheinen. Die Restauratoren fragten deshalb, wie sich für Kuratoren eine stabile und konsistente Ansicht bereitstellen lasse. Der öffentlich zugängliche Abstract belegt weder, dass jede Diskette wiederhergestellt wurde, noch dass Kare jede Datei allein erstellte oder ein Emulator das ursprüngliche Macintosh-Erlebnis perfekt wiedergibt. Diese Grenzen gehören zur Beweislage.

Ein separater Sammlungseintrag des SFMOMA ergänzt eine weitere materielle Form: Graphic Icons aus der Zeit um 1989 ist als Matrixdruck verzeichnet und gehört dem Museum gemeinsam mit dem MoMA. Das Werk ist weder das Skizzenbuch von 1982 noch ein Beleg für den Inhalt einer bestimmten Diskette. Es macht jedoch den späteren Übergang von Icon-Bildern in den Druck und in Museumssammlungen sichtbar. Jeder Medienwechsel erleichtert andere Beobachtungen und verbirgt zugleich bestimmte Eigenschaften, vor allem das Verhalten auf dem Bildschirm.

Skizzenbuch, Diskette, ausgelesene Datei, Emulator und Ausdruck sagen nicht dasselbe aus. Eine bitgenaue Kopie kann Daten bewahren, ohne das Programm zu dokumentieren, das sie ursprünglich anzeigte. Emulation kann den Zugriff ermöglichen, zugleich aber Maßstab, Timing oder Interaktion verändern. Ein Ausdruck kann lesbar sein und dennoch nichts darüber aussagen, wie sich das Icon innerhalb einer Anwendung verhielt. Die gemeinsame Arbeit von MoMA und SFMOMA macht diese Unterschiede sichtbar, statt stillschweigend eine moderne Darstellung zur endgültigen Version zu erklären.

Was nachvollziehbar bleiben sollte

Für Forschung und Restaurierung sollte die Dokumentation das physische Blatt, die digitale Datei, das interpretierende Werkzeug, Herkunft oder Version der Datei und die Entscheidungen einer späteren Präsentation auseinanderhalten. Die verfügbaren Quellen bestätigen nicht, dass all diese Elemente für jedes Design Kares existieren. Sie zeigen aber, weshalb ein Bildschirmfoto das digitale Originalmaterial nicht vollständig ersetzen kann.

Kares Rückblick verbindet diese Frage wieder mit der Gestaltungspraxis. Das Raster überführte eine visuelle Idee in eine Form für die Maschine; der verbesserte Editor erleichterte die Umwandlung in Hexadezimalwerte; MacPaint bot gleichzeitig eine vergrößerte und eine Ansicht in Originalgröße; Rückmeldungen halfen beim Vergleich; das Cursorverhalten legte eine Grenze offen, die eine statische Skizze nicht zeigen konnte. Später mussten Museen den Zugang zu alten Dateien ermöglichen und zugleich das historische Objekt von seiner heutigen Darstellung unterscheiden.

Die Datei hinter dem Icon ist kein verborgenes einzelnes Original. Sie ist eine Kette von Gegenständen und Interpretationen. Das Papier hält einen Gedanken fest, die Daten eine maschinenlesbare Form, die Software ein Verhalten und die Restaurierungsumgebung das, was ein späteres Publikum untersuchen kann. Jedes Glied beweist etwas anderes und hat eine eigene Grenze. Das Symbol kann vertraut bleiben, während seine Geschichte immer schwerer zu überprüfen ist.

Quellen