Summary

  • Remi Hendriks berichtete bei RIPE 92 von Anycast-Standorten seines Teams in Lagos und Johannesburg. Einige benachbarte afrikanische Netze erreichten trotzdem den Standort in Paris.
  • Im untersuchten Versuchsnetz lag die mediane Round-Trip-Time afrikanischer Netze beinahe doppelt so hoch wie der globale Median. Die Auswertung ist vorläufig; erst Messungen der Pfade nach konkreten Peering-Änderungen würden zeigen, wie gut sich der Umweg beheben lässt.

Den Server kann man nach Lagos bringen. Die Routen der Nachbarländer ziehen nicht automatisch mit. Remi Hendriks von der University of Twente zeigte bei RIPE 92, dass das Anycast-Versuchsnetz seines Teams Standorte in Lagos und Johannesburg hatte, einige nahe gelegene afrikanische Netze aber weiterhin zum Pariser Standort liefen.

Bei Anycast kündigen mehrere Standorte dieselbe Dienstadresse an. BGP bestimmt den Weg, über den ein Netz sie erreicht. Wer einen zusätzlichen Standort eröffnet, kauft Hardware und Kapazität in der Hoffnung auf kürzere Wege und Ausfallsicherheit. Hendriks untersuchte stattdessen die tatsächlichen Einzugsgebiete der Standorte. In dem von Paris bedienten Bereich tauchten Netze aus mehreren früheren französischen Kolonien auf, obwohl ein Punkt in Lagos vorhanden war. Für afrikanische Netze in diesem Versuch lag die mediane Umlaufzeit fast beim Doppelten des globalen Werts.

Diese Zahlen stammen aus dem Versuch des Teams. Der offizielle Vortragseintrag beschreibt die Arbeit als laufend. Hendriks vermutete fehlendes Peering zwischen Nachbarländern. In der anschließenden Diskussion nannten Betreiber weitere Hürden: politische Kontrolle, Monopole, den Aufwand lokaler Betriebsbeziehungen und die Ökonomie bestehender internationaler Transitverträge. Eine vorhandene Verbindung über Europa kann für ein Netz kommerziell bequem sein, selbst wenn sie dem Nutzer zusätzliche Laufzeit zumutet.

Damit wird die Standortfrage zu einer Verhandlung zwischen mehreren Netzbetreibern. Ein Anycast-Betreiber wählt seinen Knoten und seine Ankündigungen. Ob ein benachbartes Netz ihn auf einem guten Weg erreicht, hängt auch von dessen Peering und Transit ab. Eine weitere Markierung auf der Ausbaukarte ändert diese Verträge nicht. Wer den Nutzen des Knotens belegen will, muss pro Quellnetz den bedienenden Standort, AS-Pfad und die Laufzeit vor und nach einer lokalen Interconnection-Änderung messen.

Hendriks rief andere Betreiber zum Vergleich ihrer Beobachtungen auf. Die beste Folge wäre kein schöneres Standortdiagramm, sondern eine Liste der Netze, die nach einer konkreten Änderung tatsächlich von Paris nach Lagos wechseln. Erst dann lässt sich der Preis der örtlichen Verbindung gegen den gewonnenen Weg stellen.

Quellen: RIPE-92-Originaltranskript · offizielle Vortragsseite · RACI-Profil · Bericht der University of Twente.