Zusammenfassung
- ISOC wechselte von einem zunächst ernannten Vorstand zu einer Mitgliederwahl; angekündigt waren fünf Sitze, dokumentiert sind sechs Gewählte.
- Die Quellen belegen weder die Wahlbeteiligung noch den Grund für die Abweichung und weisen der Mitgliedschaft kein Mandat für alle Internetnutzer zu.
Fünf Sitze in der Bekanntmachung, sechs Namen im Ergebnis: Schon der erste Wahlgang der Internet Society hinterließ eine ungeklärte Differenz. Am 7. Juni 1993 meldete das ISOC-Sekretariat, die erste Trustee-Wahl sei am 1. Juni abgeschlossen worden; sechs Gewählte kämen zum bestehenden dreizehnköpfigen Vorstand hinzu. Das Vorstandsprotokoll vom August bestätigte dieselben sechs. Der Ende 1992 archivierte Aufruf an die Mitglieder hatte dagegen fünf Wahlposten angekündigt. Keine Quelle dieses Dossiers erklärt, weshalb daraus sechs Gewählte wurden. Eine knappe Zeitleiste kann den Unterschied übergehen, doch dann wird aus einer offenen Aktenlage eine erfundene Gewissheit. ISOC-Mitteilung zur ersten Trustee-Wahl, 7. Juni 1993 RIPE-Archiv: Wahlaufruf und Regeln vom 24. November 1992 Protokoll der dritten ISOC-Vorstandssitzung
Die Wahl entstand nicht vor einem unbesetzten Gremium. Der erste ISOC-Vorstand trat am 15. Juni 1992 in Kobe zusammen, nachdem die Gesellschaft im Januar offiziell gegründet worden war. Laut Protokoll waren der anfängliche Vorstand, die Amtsträger, die Charta und die Satzung zuvor elektronisch beschlossen worden; Resolution 92-03 bestätigte diese Schritte. Die ersten Trustees waren also ernannt. Anschließend formulierte der Vorstand selbst einen Übergang: versetzte Amtszeiten, jährlich fünf gewählte Trustees und eine gewählte Mehrheit bis zum Ende der ersten drei Jahre. Protokoll der ersten ISOC-Vorstandssitzung
Resolution 92-07 machte aus dem Ziel ein Verfahren. Geschäftsführer Mike Roberts legte Nominierungs- und Wahlregeln sowie einen Zeitplan vor. Fünf Trustees sollten im Januar 1993 gewählt werden und am 1. Juli beginnen. Der Vorstand nahm die Regeln an und verlangte ihre Veröffentlichung vor der nächsten Sitzung. Damit entstand ein formaler Weg für ISOC-Mitglieder, Trustees zu wählen. Es war keine Abstimmung sämtlicher Menschen, die das Internet nutzten. Beschlüsse des ersten ISOC-Vorstands
Der zweite Aufruf des Nominierungsausschusses vom 24. November 1992, im RIPE-Archiv überliefert, beschreibt den Stimmzettel genauer. Der Ausschuss wollte sieben bis zehn Kandidaten auswählen und zuvor deren Bereitschaft und zeitliche Verfügbarkeit bestätigen. Eine Petition mit 50 Unterschriften stimmberechtigter ISOC-Mitglieder konnte weitere Kandidaten hinzufügen. Die Wahlzettel sollten am 31. März 1993 verschickt, die Wahl am 31. Mai abgehalten werden. Nach den beigefügten Regeln durften individuelle Mitglieder in gutem Stand schriftlich abstimmen. Jede Person hatte so viele Stimmen wie Sitze zu vergeben waren und konnte sie auf eine oder mehrere Personen verteilen. RIPE-Archiv: Wahlaufruf und Regeln vom 24. November 1992
Ein vom Vorstand benannter Wahlausschuss aus drei stimmberechtigten Mitgliedern sollte die Wahl überwachen und auszählen; mindestens zwei mussten bei der Auszählung anwesend sein. Innerhalb von zehn Tagen sollte er das Ergebnis gegenüber dem Vorstand zertifizieren und die Stimmenzahl je Kandidat weitergeben. Ein Mitglied in gutem Stand konnte Nominierung oder Ergebnis binnen 30 Tagen anfechten. Die Regeln machten Vorschlag, Abstimmung, Auszählung und Einspruch nachvollziehbar. Sie sagen jedoch nicht, wie viele Menschen stimmberechtigt waren, wie viele Stimmzettel eingingen oder ob diese Mitglieder das größere Internet mit seinen Betreibern und Nutzern abbildeten. RIPE-Archiv: Wahlaufruf und Regeln vom 24. November 1992
Die Vorstandssitzung im Dezember veränderte den Zeitplan. Resolution 92-11 legte einen sechs Personen umfassenden Nominierungsausschuss aus regulären Individualmitgliedern fest. Resolution 92-12 setzte den Amtsantritt auf den ersten Monatstag nach der Ergebnisbestätigung; der Vorstand rechnete mit einer Zertifizierung bis zum 10. Juni und einem Beginn am 1. Juli. Auch der Wahltag variiert leicht: Der Aufruf nannte den 31. Mai, das Sekretariat später den 1. Juni als Abschluss. Die Dokumente erklären den einen Tag Unterschied nicht. Protokoll der zweiten ISOC-Vorstandssitzung ISOC-Mitteilung zur ersten Trustee-Wahl, 7. Juni 1993
Das Sekretariat nannte die sechs Gewählten: Scott Bradner, Susan Estrada, David Farber, Haruhisa Ishida, Jean Armour Polly und Jonathan Postel. Das offizielle Augustprotokoll wiederholte die Liste und bestätigte den Amtsbeginn am 1. Juli. Es dokumentiert auch die Grenze der Veröffentlichung: Der Wahlausschuss berichtete über die Ergebnisse; alle Kandidaten erhielten ihre endgültigen Zahlen, aber die Stimmen der nicht Gewählten sollten nicht veröffentlicht werden. Die Wahlregeln verlangten zwar, Stimmenzahlen an den Vorstand weiterzuleiten. Das Protokoll belegt jedoch nicht, dass Mitglieder diese Zahlen sehen konnten. ISOC-Mitteilung zur ersten Trustee-Wahl, 7. Juni 1993 Protokoll der dritten ISOC-Vorstandssitzung
Die Mitgliederzahlen liefern Kontext, aber keinen Nenner für die Wahlbeteiligung. Im August 1993 meldete der Vorstand 49 Organisationsmitglieder und 1.901 Individualmitglieder. Die regionale Verteilung der Gewählten spiegele nach seiner Einschätzung die regionale Zusammensetzung der allgemeinen Mitgliedschaft wider. Regionale Quoten hielt der Vorstand für ungeeignet; stattdessen solle ISOC seine Mitgliederbasis verbreitern. Die Protokolle enthalten weder Zahlen pro Region noch Zahl der Stimmberechtigten, eingegangene Stimmzettel oder eine unabhängige Prüfung dieses Vergleichs. Es ist die Selbsteinschätzung eines Vorstands über sein eigenes Wahlvolk. Protokoll der dritten ISOC-Vorstandssitzung
Die Akten tragen deshalb nur eine begrenzte Schlussfolgerung. ISOC wechselte von einem zunächst ernannten Vorstand zu Trustees, die Mitglieder wählten, und brachte sechs namentlich bekannte Personen in ihre Ämter. Die Wahl gab ihnen eine Autorisierung innerhalb der Vereinsregeln. Sie beweist nicht, dass Mitglieder jedes Netz oder jeden Internetnutzer vertraten, und sie erlaubt keine Berechnung der Beteiligung. Die Abweichung zwischen fünf angekündigten Sitzen und sechs Gewählten sowie die nicht veröffentlichten Stimmen der Unterlegenen widerlegen die Wahl nicht. Sie zeigen, was das öffentliche Archiv belegen kann – und was nicht. So lässt sich ein neuer Autoritätsweg beschreiben, ohne eine interne Wahl zum Mandat des gesamten Internets zu erklären. Protokoll der ersten ISOC-Vorstandssitzung
Quellen
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