Zusammenfassung
- World IPv6 Day war ein 24-stündiger Test von Websites am 8. Juni 2011. IPv6 lief neben IPv4; Zugangsnetze und Haushalte mussten nicht gleichzeitig umstellen.
- Der World IPv6 Launch von 2012 verteilte dauerhafte Aufgaben auf Websites, Festnetz-ISPs, Heimrouter und CDNs. Das ISP-Ziel von mindestens einem Prozent galt für eine eng definierte Gruppe von Festnetz-Haushalten, die teilnehmende Websites aufriefen.
- DNS-Einträge, erfolgreiche Verbindungen, Gerätefähigkeit, Protokollpräferenz und tatsächlicher Datenverkehr sind verschiedene Messgrößen. Die Messungen zeigen bleibende, aber unvollständige Änderungen, keine weltweite Umstellung.
Was nach dem Testtag übrig blieb
Ein eintägiger Test soll ein Risiko sichtbar machen, ohne den Normalbetrieb dauerhaft zu verändern. Genau diese begrenzte Fragestellung stand hinter World IPv6 Day. Am 8. Juni 2011 stellten teilnehmende Websites IPv6 parallel zu IPv4 bereit. Besucher sollten über ihre vorhandene Verbindung auf dieselben Angebote zugreifen können. Niemand verlangte, dass alle Provider, Router und Endgeräte an diesem Datum zugleich bereitstanden.
Die Internet Society zählte in ihrem Jahresbericht für 2011 mehr als 1.000 beteiligte Organisationen. Fast 400 davon hätten ihre wichtigsten Dienste für den Tag IPv6-fähig gemacht. Diese Zahlen beschreiben einmal Organisationen und einmal aktivierte Dienste; sie sind keine Zählung aller Websites, Anschlüsse oder Nutzer. Gerade die Unterscheidung macht den Erfolg des Tests verständlich: Eine große Zahl von Akteuren konnte einen gemeinsamen Termin nutzen, obwohl die Reichweite des Versuchs begrenzt blieb.
Google hatte die Veranstaltung im Januar 2011 als Gelegenheit angekündigt, unerwartete Probleme zu finden, bevor IPv6 weiter ausgerollt würde. Das Unternehmen schätzte damals, 99,95 Prozent seiner Nutzer würden keine Beeinträchtigung bemerken, warnte aber vor seltenen Schwierigkeiten bei falsch konfigurierten Heimgeräten. Das war eine Vorhersage und keine nachträgliche Erhebung unter allen Internetnutzern. Sie benennt dennoch den praktischen Grund für den Test: Ein technisch erreichbares Ziel kann an Übergängen scheitern, die ein Labortest nicht abbildet.
Eine DNS-Spitze ist keine globale Migration
Zwei Jahre später veröffentlichte RFC 6948 eine zeitlich aufgelöste Auswertung des Ereignisses. Die Forschenden prüften die Alexa Top 10.000 vom 1. Juni 2011 an alle drei Stunden bis zum 11. Juli. Sie fragten DNS-Namen ab und versuchten HTTP-Verbindungen über IPv4 und IPv6 auf Port 80. Der größte Teil der dargestellten Messungen stammte von einem einzelnen Standort bei Helsinki; zusätzliche Messungen liefen an zwei weiteren Orten. Die Messanordnung ist aufschlussreich, aber räumlich und methodisch begrenzt.
Die Zahl hängt davon ab, welcher Hostname betrachtet wird. Am Tag vor World IPv6 Day lieferten 274 Websites für mindestens einen der untersuchten Namen eine IPv6-Adresse. Nur 116 verwendeten dafür das verbreitete Präfix www. Für www stieg der Wert während des Ereignisses in drei aufeinanderfolgenden Messungen auf 374 und sank danach rasch. Später lag er ungefähr bei 160, also über dem Ausgangswert, aber weit unter der Spitze. Über die unterschiedlichen getesteten Namen hinweg wurden am Höhepunkt 491 Websites mit A- und AAAA-Einträgen erfasst; mehr als 300 blieben nach dem Testtag in diesem Zustand.
Diese Werte messen veröffentlichte DNS-Daten in einer festgelegten Website-Liste. Sie sagen weder, wie viele Menschen IPv6 verwendeten, noch ob jeder IPv6-Server eine vollständige Website auslieferte. RFC 6948 fand Namen mit AAAA-Eintrag, die auf Port 80 nicht antworteten. Einige Hostnamen waren gar nicht für Webseiten bestimmt; andere wiesen Konfigurationsfehler auf. Ein DNS-Eintrag ist deshalb ein Betriebsindikator, kein Nachweis einer funktionierenden Ende-zu-Ende-Erfahrung.
RIPE Labs wertete eine andere tägliche Messreihe aus und stellte einen Anstieg des Anteils erreichbarer IPv6-Websites von ungefähr 0,4 auf 0,7 Prozent fest. Auch dort lag der Spitzenwert am Veranstaltungstag höher. Der Autor vermutete, dass manche Betreiber den angekündigten Termin als Frist für den Abschluss ihrer Arbeit genutzt hatten, kennzeichnete die Deutung aber als unsicher. Die Reihe stützt eine mögliche längerfristige Wirkung; sie ist weder dieselbe Stichprobe noch eine Kausalitätsmessung.
Microsoft lieferte eine weitere, unternehmensinterne Perspektive. Das Unternehmen berichtete, World IPv6 Day habe auf seinen Diensten keine größere Störung ausgelöst und nur sehr wenige Nutzer schienen betroffen. Nach Ablauf der 24 Stunden schaltete Microsoft IPv6 für Bing und Microsoft.com zunächst wieder ab, während Xbox-Webangebote den Dienst eingeschaltet ließen. Unterschiedliche Produkte trafen unterschiedliche Entscheidungen, obwohl sie denselben Test absolviert hatten. Das ist kein Widerspruch: Der Test sollte Erfahrung und Fehlerberichte erzeugen, keine einheitliche dauerhafte Konfiguration erzwingen.
2012 wurden Zuständigkeiten Teil des Versuchs
Der World IPv6 Launch begann am 6. Juni 2012 und änderte die Organisationsform. Websites sollten IPv6 nicht nur für einen Tag, sondern dauerhaft aktiviert lassen. Festnetz-ISPs sollten den Zugang für einen Teil ihrer Kunden standardmäßig bereitstellen. Hersteller von Heimroutern sollten IPv6 in einer Reihe ihrer Produkte voreinstellen. Akamai und Limelight sagten zu, IPv6-Unterstützung über ihre Content-Delivery-Infrastruktur anzubieten.
Die oft zitierte Ein-Prozent-Marke war enger gefasst, als eine globale Übergangszahl vermuten lässt. Ein teilnehmender Festnetz-ISP sollte mindestens ein Prozent seiner privaten Festnetzanschlüsse erreichen, deren Nutzer Websites der Launch-Teilnehmer besuchten und IPv6 nutzten. Gemeint waren weder ein Prozent der Weltbevölkerung noch ein Prozent sämtlicher Kunden oder des gesamten Internetverkehrs. Die Zielgruppe verband eine bestimmte Anschlussart mit einer begrenzten Menge teilnehmender Websites. Diese präzise Grundgesamtheit ist entscheidend, wenn spätere Messungen als Beleg interpretiert werden.
Auch die Messmethoden waren nicht austauschbar. Akamai zählte IPv6-Anfragen auf ausgewählten dual-stackfähigen Angeboten. Facebook untersuchte eine Stichprobe von Seitenaufrufen und zählte eindeutige IPv6-Nutzer in beobachteten ISP-Netzen. Google verglich zufällig ausgewählte Besuche seiner Angebote mit Testendpunkten, die nur IPv4 oder beide Protokolle unterstützten. APNIC sammelte Endgerätetests über Webanzeigen. Je nach Quelle war die Einheit eine Anfrage, ein Nutzer oder ein Hinweis auf Netzwerkfähigkeit beziehungsweise Protokollwahl.
Die Launch-Seite veröffentlichte ISP-Ergebnisse nur, wenn mindestens zwei Website-Messquellen verfügbar waren und ihr einfacher Mittelwert über 0,1 Prozent lag. Für zahlreiche Netze reichte die Datenlage nicht aus. Ein solches Verfahren kann Hinweise für teilnehmende Netze geben, erzeugt aber keine neutrale Kennzahl für „das Internet“. Die veröffentlichte Zahl enthält Entscheidungen über Stichprobe, Instrument, Schwelle und verfügbare Quellen.
Im Juni 2012 beschrieb Google IPv6 als zusätzlichen Weg, der neben IPv4 betrieben werde; eine vollständige Umstellung werde Jahre dauern. Der parallele Betrieb war also Teil des Plans. Er reduzierte den Druck, sämtliche Nutzer, Dienste und Netze synchron umzustellen, brachte aber zugleich die Aufgabe mit sich, zwei Protokolle über längere Zeit zuverlässig zu betreiben.
Der dauerhafte Wechsel bestand aus vielen kleinen Entscheidungen
World IPv6 Day machte eine kurzfristige, gemeinsame Prüfung großer Websites möglich. Der World IPv6 Launch versuchte, die Abhängigkeiten zwischen Inhalt, Zugang, Endgerät und Auslieferungsnetz zu bearbeiten. Ein Anbieter kann IPv6 nicht sinnvoll allein ausrollen, wenn die Kundenseite keine Verbindung hat; ein ISP kann nur begrenzte Nachfrage erwarten, solange beliebte Dienste fehlen. Der gemeinsame Termin setzte einen organisatorischen Rahmen, in dem mehrere Akteursgruppen ihre jeweiligen Teile zusagen konnten.
Die vorhandenen Quellen zeigen danach kein einziges Umschaltdatum. Sie zeigen eine Reihe unterschiedlicher Zustände: DNS-Einträge, die wieder verschwanden; Websites, die IPv6 beibehielten; Anbieter, die es in einzelnen Produktgruppen dauerhaft einschalteten; Messreihen, die einen kleinen Anstieg nahelegten; und Zugangsdaten, deren Aussage von ihrer Grundgesamtheit abhing. Aus diesen Beobachtungen folgt keine globale Migrationsquote. Sie zeigen, welche Teile des Betriebs sichtbar wurden und an welchen Stellen ein vermeintlicher Erfolg genauer geprüft werden muss.
Die historische Bedeutung liegt daher im Wechsel der Frage. 2011 lautete sie: Kann eine Website IPv6 für echte Besucher testweise ergänzen, ohne IPv4 zu stören? 2012 lautete sie: Welche Organisation übernimmt welche dauerhafte Voraussetzung, damit der zusätzliche Weg alltäglich nutzbar wird? Ein erfolgreicher Testtag beantwortete die erste Frage teilweise. Er beantwortete nicht automatisch die zweite. Der Übergang entstand aus fortgesetzter Arbeit an Websites, Zugangsnetzen, Heimgeräten und CDNs – während IPv4 weiterlief.
Quellen und Messprotokolle
- Internet Society, Jahresbericht 2011
- Google, Ankündigung des World IPv6 Day, 12. Januar 2011
- Microsoft, Rückblick auf World IPv6 Day, 17. Juni 2011
- RFC 6948, Messungen zum World IPv6 Day aus Nutzersicht
- RIPE Labs, langfristige Wirkungen des World IPv6 Day, 5. Juli 2011
- Internet Society, Ankündigung des World IPv6 Launch, 17. Januar 2012
- World IPv6 Launch, häufige Fragen
- World IPv6 Launch, Messmethoden
- Google, World IPv6 Launch: Das Internet weiterentwickeln, 5. Juni 2012
- Google, IPv6: der Countdown zum Start, 17. Januar 2012
Mitgliederbriefing
Detaillierter Profilkontext
Melden Sie sich mit der richtigen Mitgliedschaftsstufe an, um das vollständige Briefing und die Quellennotizen freizuschalten.
Nur für Strategic Circle
Strategic Circle
Offen für alle Leser. Schalten Sie Profil-Briefings nach Beitritt und Anmeldung frei.
Strategic Circle beitretenNur für Leadership Alliance
Leadership Alliance
Für qualifizierte Inhaber von IP-Assets und Management; melden Sie sich an, um Leadership-Alliance-Briefings freizuschalten.
Leadership Alliance beitreten
