Zusammenfassung

  • Der GAC beantragte ein Webinar vor ICANN86 und einen trilateralen Dialog während des Treffens. Der reservierte Termin wurde stattdessen für ein GNSO-Briefing genutzt; einige Board-Mitglieder waren lediglich Beobachter.
  • Die Board-Vorsitzende erklärte später, neue oder geänderte Registrar-Pflichten nach der RDDS Accuracy Program Specification könnten nur durch Vertragsverhandlungen oder gTLD-Policy-Entwicklung entstehen. Der öffentliche Stand zeigt keine Auswahl.
  • Ein öffentlicher, versionierter Nachweis der Wegwahl sollte Information, Beobachtung, Priorisierung, Verhandlung und Policy-Entwicklung auseinanderhalten.

Der Termin änderte seine Funktion

Am 11. Mai 2026 bat GAC-Vorsitzender Nicolas Caballero die Vorsitzenden des ICANN Board und des GNSO Council, bei ICANN86 erneut ein trilaterales Format einzuberufen. Gegenstand war die Zeit zwischen der Registrierung eines Domainnamens und der möglichen Prüfung der Kontaktdaten durch den Registrar. Vorher sollte ein Webinar die GAC-Mitglieder auf eine Diskussion konkreter nächster Schritte vorbereiten.

Die gewünschte Reihenfolge lautete: Information vorab, trilateraler Dialog, danach nächste Schritte. Tatsächlich kam es anders.

Am 26. Mai antwortete GNSO-Vorsitzende Susan Payne, für ein sorgfältig vorbereitetes Webinar vor ICANN86 bleibe nicht genug Zeit. Sie schlug vor, den für das trilaterale Treffen reservierten Termin als Informationssitzung zu nutzen. Der Termin kollidierte zudem mit der Sitzung der Registrar Stakeholder Group, obwohl die bestehende Pflicht gerade Registrare betrifft. Für einen späteren Dialog blieb die GNSO offen.

Die offizielle Seite von ICANN86 bezeichnet die Sitzung vom 9. Juni als „Informational Session on Accuracy of Registration Data“. Sie sollte den Hintergrund der Frist, eine mögliche Ausnutzung für DNS Abuse, betriebliche Folgen einer Änderung und denkbare Umsetzungswege erklären. Der trilaterale Dialog wurde als spätere Möglichkeit nach dem Forum in Sevilla beschrieben.

Das ist keine Frage der Etikette. Ein Briefing vermittelt Wissen. Ein Dialog legt Positionen offen. Keines von beiden schafft allein eine verbindliche Registrar-Pflicht.

Beobachtung ist keine Zustimmung des Board

Tripti Sinhas Antwort vom 25. August wurde am 14. September veröffentlicht. Darin heißt es, der GAC habe zur ursprünglich vorgesehenen Zeit ein erstes Briefing der GNSO erhalten; mehrere Board-Mitglieder hätten als Beobachter teilgenommen.

Der Zusatz darf nicht verschwinden. Das Schreiben berichtet weder von einer Abstimmung noch von einer Zustimmung zur GAC-Präferenz, einer ausgewählten Umsetzung oder einer genehmigten Vertragsänderung. Es hält Anwesenheit bei einer Informationsveranstaltung fest.

Das Board teilt das allgemeine Ziel, DNS Abuse weiter zu mindern, und fordert die Auswertung unterschiedlicher Datenquellen. Das begründet weitere Prüfung. Es verwandelt Teilnahme nicht in ein Mandat.

Bestehende Pflicht und gewünschtes Ergebnis sind verschieden

Die RDDS Accuracy Program Specification des Registrar Accreditation Agreement von 2013 enthält bereits Pflichten. Bei bestimmten Registrierungen, Transfers oder Inhaberwechseln muss der Registrar Pflichtfelder validieren und den einschlägigen Kontaktkanal innerhalb von 15 Tagen verifizieren. Bleibt eine bestätigende Antwort aus, muss er manuell verifizieren oder die Registrierung bis zur Verifizierung aussetzen.

Die vom GAC vertretene Lösung verschiebt den Zeitpunkt. Kontaktdaten sollen verifiziert sein, bevor ein neuer Name im DNS erreichbar wird. Damit beginnt die Zuständigkeitsfrage mit einer Klassifikation: Wird eine bestehende Pflicht ausgelegt, oder werden Auslöser, Frist oder Folge geändert?

Das Board-Schreiben zieht hier eine enge Grenze. Sollen Registrar-Pflichten im Zusammenhang mit dieser Spezifikation neu geschaffen oder geändert werden, gibt es dafür nur zwei Mechanismen: Vertragsverhandlungen und gTLD-Policy-Entwicklung.

Diese Aussage betrifft den konkreten Verpflichtungstyp. Sie ist keine allgemeine Formel für jede DNS-Abuse-Maßnahme und kein Beleg dafür, dass einer der Wege bereits begonnen hat.

Der Final Issue Report ist ein Wegweiser, keine Wegwahl

Das Board verweist auf den Final Issue Report on DNS Abuse und schreibt, er könne künftige Policy-Arbeit erleichtern. Der Bericht behandelt tatsächlich den Mangel an proaktiver oder rechtzeitiger Kontaktverifizierung. Er dokumentiert das Risiko der Frist nach der Registrierung, Forschung zu früheren Prüfungen und unterschiedliche Vorschläge: sofortige Vertragsänderung, spätere Policy-Arbeit, andere GNSO-Arbeit oder engere Compliance- und Technikmaßnahmen.

Die ersten beiden für PDPs empfohlenen Prioritäten sind jedoch Associated Domain Checks und Schutzvorkehrungen für API-Zugriff neuer Kunden. Proaktive Kontaktverifizierung steht unter den verbleibenden Lücken, die später behandelt werden könnten – abhängig von Ressourcen, Arbeitskapazität der Community und Prioritäten des Council.

Ein Thema im Policy-Inventar ist noch kein autorisiertes Arbeitspaket. Der Verweis auf den Bericht startet keinen PDP zur 15-Tage-Frist.

Die 70 Prozent sind Evidenz, keine Ermächtigung

Der GAC-Brief zitiert INFERMAL: Die Prüfung von Telefonnummer oder E-Mail während der Kontoeröffnung oder vor dem Kauf war im Modell und Datensatz der Studie mit ungefähr 70 Prozent weniger bösartigen Registrierungen verbunden. Der Bericht weist einen statistisch signifikanten Koeffizienten aus.

„Verbunden“ darf nicht zu „verursacht“ werden. Das Ergebnis belegt nicht, dass eine geänderte Vertragsfrist überall denselben Effekt hätte. Kosten, Fehlentscheidungen, Rechte von Registranten, Reseller-Strukturen und der Vergleich mit anderen Maßnahmen bleiben offen. Evidenz unterstützt eine Wegwahl; sie erteilt keine Befugnis.

Ein Wegwahl-Nachweis würde Fortschritt überprüfbar machen

Nach jedem institutionsübergreifenden Dialog sollte ICANN einen kurzen, versionierten Nachweis veröffentlichen. Er würde das angestrebte Ergebnis betrieblich beschreiben, es als Auslegung einer bestehenden Pflicht oder als neue beziehungsweise geänderte Pflicht einordnen und den gewählten formellen Weg nennen – oder offen festhalten, dass keiner gewählt wurde.

Hinzu gehören die entscheidungsbefugte Stelle oder Vertragsparteien, Ressourcen- und Priorisierungshürden, der nächste autorisierte Akt, ausdrücklich nicht entschiedene Fragen, ein Stichtag und die Geschichte späterer Wegänderungen.

Für diesen Fall lautete der aktuelle Stand: Gewünscht ist Verifizierung vor DNS-Erreichbarkeit; die Forderung ändert den Zeitpunkt einer bestehenden Pflicht; das Board hat zwei formelle Mechanismen benannt; keine öffentliche Quelle zeigt eine Auswahl; Priorisierung und Ressourcen der GNSO bleiben relevant; Briefing und Beobachteranwesenheit haben weder den RAA geändert noch einen PDP gestartet oder die GAC-Forderung gebilligt.

Der Nachweis würde keine Institution bevorzugen. Er würde lediglich verhindern, dass Anwesenheit, Information und Entscheidungsbefugnis als derselbe Zustand erscheinen.

Quellen