Zusammenfassung
- Marbys Rollen als ICANN-CEO, leitender Mitarbeiter und Mitglied des Boards kraft Amtes endeten am 21. Dezember 2022. Das Board genehmigte eine Beratung vom Folgetag bis zum 23. Mai 2024, dem Ende der Restlaufzeit seines Executive Services Agreement.
- Die Unterlagen dokumentieren eine Prüfung möglicher Interessenkonflikte, externe Marktdaten, eine Selbsteinschätzung des CEOs, die Prüfung durch den Vergütungsausschuss und den Beschluss des Boards. Einzelheiten der FY22-Bewertung blieben teilweise vertraulich.
- Der FY23-Bericht zu Auslagen und Zahlungen sowie die Steuererklärung für das Kalenderjahr 2022 beziehen sich auf unterschiedliche Zeiträume und Kategorien. Gehalt, variable Vergütung, Erstattungen, Zahlungen an Dritte und Abfindung lassen sich ohne Abstimmung nicht zu einer Gesamtsumme addieren.
Zwei Daten, ein Übergang
Am 21. Dezember 2022 nahm das ICANN-Board Marbys Rücktritt an und beendete ausdrücklich drei Funktionen: Präsident und CEO, leitender Mitarbeiter der Organisation sowie Mitglied des Boards kraft Amtes. Ab dem folgenden Tag sollte er als Auftragnehmer Beratungsleistungen erbringen. Das Arrangement lief bis zum 23. Mai 2024, als die verbleibende Laufzeit seiner Executive Services Agreement endete. Das Board begründete die Fortsetzung des Vertragsverhältnisses mit der Suche nach einem dauerhaft bestellten CEO.
Die Resolution ermächtigte den Sekretär und Rechtsberater der Organisation, die zur Umsetzung des Ausscheidens und der Beratung nötigen Vereinbarungen innerhalb des besprochenen Rahmens auszuhandeln und zu unterzeichnen. Das Board räumte finanzielle Auswirkungen ein, erklärte aber, dass diese den Haushalt des laufenden Geschäftsjahres nicht verändern würden. Falls nötig, sollten spätere Haushalte die Kosten berücksichtigen. Daraus geht hervor, wer die Vereinbarung autorisierte und warum Kontinuität gewünscht war. Arbeitsstunden, konkrete Ergebnisse und Honorar werden nicht genannt.
Die öffentliche Mitteilung von ICANN beschrieb die Beratung als Unterstützung des Übergangs und als Rat an das Board. Das ist die Erklärung der Organisation, kein vollständiges Leistungsverzeichnis. Die Unterlagen belegen auch nicht, dass Marby nach seinem Ausscheiden weiter Exekutivbefugnisse besaß: Die Resolution beendete seinen formalen Status ausdrücklich. Ein Beratungsvertrag nach dem Ende des Amts ist für sich kein Beleg für Fehlverhalten; die Bezeichnung „Berater“ verrät umgekehrt nicht sämtliche Vertragsgrenzen.
Vom Telekomregulierer an die Spitze von ICANN
Vor seinem Wechsel zu ICANN im Jahr 2016 leitete Marby die schwedische Post- und Telekommunikationsbehörde. Die Ernennungsmitteilung nannte außerdem Führungspositionen bei Technologie- und Netzwerkunternehmen wie AppGate, Cygate, Cisco in Schweden und Unisource Business Networks. Das Board wählte ihn nach einer internationalen Suche, kurz vor der letzten Phase der Übertragung der Aufsicht über die IANA-Funktionen.
Der berufliche Hintergrund erklärt die Anforderungen des Amts, macht kollektive Entscheidungen aber nicht zu persönlichen Entscheidungen des CEOs. Der CEO führt die Organisation; Board und Gemeinschaftsverfahren haben eigene institutionelle Aufgaben. In der Mitteilung zu Marbys Rücktritt schrieb ICANN ihm Beiträge zur Schlussphase des IANA-Übergangs, zur Führung während der Pandemie sowie zu Sicherheits- und Konnektivitätsinitiativen zu. Das ist die Selbsteinschätzung der Organisation und keine unabhängige Leistungsprüfung.
Heng Lus Notiz 73 über gemeinschaftliches Eigentum und praktische Kontrolle in der RIR-Governance wirft eine hilfreiche Frage auf: Wer übt die der „Gemeinschaft“ zugeschriebene Befugnis tatsächlich aus? Vorsichtig auf diesen Fall angewandt, lenkt sie den Blick auf den Unterschied zwischen Beteiligung der ICANN-Community und der formalen Befugnis des Boards, den CEO zu ernennen, Vergütung zu genehmigen, einen Rücktritt anzunehmen und einen Vertrag zu autorisieren. Notiz 73 ist eine redaktionelle Perspektive auf die Verteilung von Macht, kein Beleg zu Marby oder ICANN.
Vom Marktvergleich zur Leistungsbewertung
Das Vergütungssystem von ICANN verband ein Grundgehalt mit einer leistungsabhängigen Komponente. Die FY21-Unterlage zu Vergütungspraktiken nennt für Marby ab dem 1. Juli 2019 ein jährliches Grundgehalt von 673.461,54 US-Dollar und eine mögliche variable Vergütung von bis zu 30 Prozent des Grundgehalts. Das ist ein historischer Wert, weder sein letztes Gehalt noch eine Gesamtsumme seiner Bezüge.
Die Board-Protokolle vom 8. Februar 2021 zeigen, wie die CEO-Vergütung geprüft wurde. Die Diskussion fand in einer Sitzung unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt; Marby war nicht anwesend und das Board nahm eine formale Prüfung möglicher Interessenkonflikte vor. Die Mitglieder erörterten eine Zielspanne zwischen dem 50. und 75. Perzentil vergleichbarer Positionen sowie Daten von Willis Towers Watson. Die Vergleichsgruppe umfasste gemeinnützige Organisationen, allgemeine Unternehmen und Technologieunternehmen.
Einige Mitglieder fragten nach der Gewichtung der Sektoren und danach, wer den Auftrag an den externen Berater festlegte und beaufsichtigte. Der Vorsitz und der Rechtsberater erklärten, der Vergütungsausschuss habe im Auftrag des Boards den Umfang bestimmt, den Berater beauftragt und dessen Arbeit überwacht.
Mit 11 zu 3 Stimmen genehmigte das Board eine Erhöhung um fünf Prozent mit Wirkung zum 1. Juli 2020. Marby nahm als Betroffener nicht an der Abstimmung teil. Die Protokolle halten zugleich unterschiedliche Einschätzungen zu den Vergleichsmaßstäben fest. Marktdaten flossen in die Beratung ein, entschieden aber nicht automatisch, welche Branchen für die Gewinnung einer Führungskraft mit Technologieerfahrung maßgeblich sein sollten.
Im Juli 2022 wurde der Bewertungsweg für leistungsabhängige Vergütung näher beschrieben. Der CEO legte seine Ziele gemeinsam mit Vergütungsausschuss und Board fest und reichte eine Selbsteinschätzung für FY22 ein. Der Ausschuss prüfte sie, stimmte ihr zu und empfahl die Auszahlung der variablen Vergütung für das zweite Halbjahr. Das Board genehmigte die Empfehlung. Einige Elemente der Bewertung blieben wegen Personalangelegenheiten vertraulich.
Die Aussage, es habe keine Bewertung gegeben, wäre daher falsch. Ziele, Selbsteinschätzung, Prüfung durch den Ausschuss und Beschluss des Boards sind dokumentiert. Nicht öffentlich sind jedoch die konkreten Ziele, die detaillierten Kriterien und der in diesem Beschluss genehmigte Betrag. Der Genehmigungsweg ist sichtbar, die Bewertungsgrundlage nur teilweise.
Im selben Monat bewilligte das Board eine weitere Grundgehaltserhöhung um vier Prozent, gültig ab dem 1. Juli 2022. Zuvor hatte es Marbys Gehalt während der mehr als sechs Jahre seit seinem Amtsantritt dreimal angepasst: um drei Prozent im Juli 2019, fünf Prozent im Juli 2020 und drei Prozent im Juli 2021. Für den neuen Schritt verwies das Board auf Marktvergleiche und die Kontinuität der Führung. Eine Änderung des Executive Services Agreement sei nicht erforderlich gewesen. Der Ausschuss lieferte die Prüfung; die endgültige Entscheidung blieb beim Board.
Finanzberichte, unterschiedliche Kalender
Der FY23-Bericht von ICANN über Auslagen und sonstige Zahlungen an Board-Mitglieder deckt den Zeitraum vom 1. Juli 2022 bis zum 30. Juni 2023 ab. Marby war bis zum 21. Dezember 2022 CEO und Mitglied des Boards. Für FY23 nennt der Bericht 477.719 US-Dollar Gehalt und 112.166 US-Dollar variable Vergütung. Getrennt davon stehen 46.790 US-Dollar Auslagenerstattungen und 74.232 US-Dollar, die in seinem Namen an Dritte gezahlt wurden. Eine Fußnote stellt klar, dass die Vergütungsangaben im FY23 tatsächlich gezahlte Beträge wiedergeben, einschließlich etwaiger Anpassungen aus Vorjahren.
Das Form 990 mit Schedule J für 2022 betrachtet dagegen das Kalenderjahr. ICANN weist darin 97.278 US-Dollar an Abfindungszahlungen für Marby aus. Zeitraum und Kategorie unterscheiden sich vom FY23-Bericht. Diese Beträge einfach zum Gehalt und zur variablen Vergütung zu addieren, ergäbe keine sauber abgegrenzte Jahresvergütung. Die veröffentlichten Unterlagen enthalten kein konsolidiertes Hauptbuch, das CEO-Bezüge und die späteren Beratungsleistungen zusammenführt.
Eine weitere Informationsgrenze zeigt Anhang A zur Rücktrittsresolution. Das Board erklärte, dort seien wesentliche Bedingungen beigefügt. Die einseitige öffentliche Fassung ist jedoch als privilegiert und vertraulich markiert; der Inhalt wurde durch einen Hinweis auf geschwärzte Verhandlungsinformationen ersetzt. Resolution und Mitteilung zeigen Zweck und Laufzeit der Beratung, nicht aber Honorar oder ausgehandelte Bedingungen. Die finanzielle Wirkung ist anerkannt, ihre Gesamthöhe lässt sich aus diesen Dokumenten nicht berechnen.
Reichweite der öffentlichen Akte
Die Protokolle zeigen, wer den CEO ernannte, Gehaltserhöhungen und variable Vergütung genehmigte, den Rücktritt annahm und die Beratung autorisierte. Sie dokumentieren die Konfliktprüfung, den Einsatz externer Vergleichsdaten, die Selbsteinschätzung und den vom Board erwarteten späteren Haushaltseffekt.
Sie erlauben Außenstehenden weder, die vertraulichen Ziele einzeln zu bewerten, noch, die im geschwärzten Anhang fehlenden Vertragskosten zu rekonstruieren. Diese Grenzen beweisen kein Fehlverhalten. Für eine Infrastrukturorganisation kann es während eines Führungswechsels sinnvoll sein, das Wissen eines Vorgängers weiter zu nutzen. Je länger ein Vertrag nach dem Ende des Amts läuft, desto wichtiger wird allerdings die Erklärung, wer die Arbeit steuert, welche operativen Befugnisse der Nachfolger hat und in welchem Haushaltsposten die Kosten erscheinen.
ICANN könnte die Nachvollziehbarkeit verbessern, ohne private Verhandlungen offenzulegen: mit einer abgestimmten Tabelle für Geschäftsjahr und Kalenderjahr, stabilen Definitionen der Vergütungskategorien, einer nicht vertraulichen Zusammenfassung der FY22-Zielprüfung und einem Haushaltsvermerk zur Beratung nach dem Ausscheiden. Ein ausdrücklich genanntes Enddatum des Beratungsmandats würde außerdem Erfahrungstransfer und fortdauernde Exekutivgewalt klar auseinanderhalten.
Marbys Ausscheiden ist weder bloß eine berufliche Biografie noch ein Beleg für einen Vergütungsskandal. Die Unterlagen zeigen einen vom Board genehmigten Rollenwechsel mit einer Beratung bis Mai 2024. Die Verantwortung für die Entscheidung lag beim Board. Wer Umfang und Kosten verstehen will, muss Protokolle, den geschwärzten Anhang und Finanzberichte mit unterschiedlichen Zeiträumen zusammen lesen.
Quellen
- ICANN-Ernennung von Marby, 2016
- Protokoll der ICANN-Board-Sitzung vom 8. Februar 2021
- Vergütungspraktiken von ICANN, FY21
- Protokoll der ICANN-Board-Sitzung vom 13. Juli 2022
- FY23-Bericht zu Auslagen und Zahlungen an Board-Mitglieder
- Form 990 / Schedule J von ICANN für 2022
- Protokoll der ICANN-Board-Sitzung vom 21. Dezember 2022
- ICANN-Mitteilung zu Marbys Ausscheiden
- Öffentlicher, geschwärzter Anhang A
- Heng Lu, Notiz 73 zur AFRINIC-Governance (redaktionelle Perspektive, kein Beleg zu diesem Fall)
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