Zusammenfassung
- GIMP verlegte 2013 den maßgeblichen Download seiner Windows-Installer auf einen eigenen Server. Bereits veröffentlichte Links zeigten weiterhin auf die alte Projektseite bei SourceForge.
- SourceForge machte diese GIMP-Win-Seite zu einem selbst verwalteten Spiegel. Im Mai 2015 testete das Unternehmen Zusatzangebote bei Downloads einiger gespiegelter Projekte; GIMP erklärte, seine Dateien seien ohne Zustimmung in einen Installer mit anderer Software eingebettet worden.
- SourceForge beendete den Test am 27. Mai und kündigte am 18. Juni an, Spiegel ohne gemeinsame Pflege durch ursprüngliche Entwickler zu entfernen. Ausgenommen waren Projekte mit eingestellter Ursprungsseite; Besucher entfernter Spiegel sollten zur offiziellen Software-Adresse gelangen.
Eine alte Adresse vergaß den Umzug nicht
Das Programm war längst woanders zu Hause. Seine Besucher fanden trotzdem noch den Weg zur alten Tür.
GIMP hatte den maßgeblichen Windows-Download im November 2013 zu download.gimp.org verlegt. Nach Angaben des Projekts verwiesen aber so viele ältere Webseiten auf SourceForge, dass es die Installer dort zunächst liegen ließ. Wer einem früher gesetzten Link folgte, sollte nicht vor einer Sackgasse stehen. Diese praktische Übergangslösung hielt zugleich eine Adresse am Leben, über deren Betrieb der frühere Gastgeber entschied.
Am 27. Mai 2015 meldete GIMP, dass der Betreuer seiner Windows-Installer die SourceForge-Projektseite nicht mehr verwalten könne. Downloads von dort führten nach Darstellung des Projekts zu einem kleinen Programm, das weitere Software mitbrachte. In einer offiziellen Erklärung beschrieb GIMP einen SourceForge-Downloader, der die eigenen Binärdateien umhüllte, ohne Wissen oder Erlaubnis des Projekts. Für die Entwickler war die Frage einfach: Warum sollte ein Nutzer, der GIMP sucht, zuerst eine von einem Dritten veränderte Installationsstrecke durchlaufen?
SourceForge begründete seinen Eingriff mit der Geschichte des Eintrags auf seiner Plattform. GIMP-Win sei dort im Oktober 2004 registriert worden. Seit 2013 habe dessen ursprünglicher Betreuer die Plattform nicht mehr für die Auslieferung genutzt. Deshalb habe SourceForge den Eintrag als Spiegel anderswo veröffentlichter Versionen gekennzeichnet und die administrative Kontrolle übernommen. Die Kennzeichnung mache sichtbar, dass nun die Plattform den Spiegel redaktionell betreue. Die Originaldateien seien weiterhin erreichbar gewesen.
Ein Nachtrag vom 28. Mai erklärte, dass beim GIMP-Win-Spiegel keine zusätzlichen Angebote mehr angezeigt würden.
„Aufgegeben“ war in dieser Darstellung ein Status des alten Hosting-Eintrags. GIMP selbst entwickelte und veröffentlichte weiter. Die Unterscheidung entschied über den Streit: Ein Betreiber kann feststellen, dass ein Konto bei ihm nicht mehr gepflegt wird. Daraus folgt nicht automatisch, dass er die Download-Erfahrung der Nutzer im Namen des weiterhin aktiven Projekts bestimmen darf. Beide Seiten beschrieben den Wechsel der Seitenverwaltung; sie zogen daraus gegensätzliche Ansprüche.
Der Spiegel hatte eine zweite Funktion: Er hielt Publikum fest
GIMP verlangte mehr als das Ende eines Zusatzangebots. Es wollte Projektseite und Dateien bei SourceForge entfernen können, Ersatzspiegel verhindern und die alten URLs per dauerhaftem HTTP-301-Verweis an ein selbst gewähltes Ziel lenken. Diese Forderung setzte dort an, wo ein bloßer Serverumzug scheitert. Alte Links lassen sich nicht zentral aus fremden Artikeln und Lesezeichen löschen. Eine Weiterleitung kann ihre Nutzer dennoch an die neue offizielle Stelle bringen.
SourceForge sah in Spiegeln einen Dienst für historische Versionen und für aktuelle Downloads. Das war die öffentlich angeführte Funktion. Gleichzeitig kontrollierte der Spiegelbetreiber die Seite, den Download-Knopf und gegebenenfalls ein vorgeschaltetes Installationsprogramm. Eine Kopie aufzubewahren und dem Weg zur Kopie ein kommerzielles Angebot hinzuzufügen, sind verschiedene Entscheidungen. Im Fall GIMP-Win lag die zweite Entscheidung bei einer Plattform, die das Projekt gerade verlassen hatte.
Am 1. Juni sagte SourceForge, Zusatzangebote auf nicht gepflegten Projekten beendet zu haben. Künftig sollten sie nur dort erscheinen, wo Entwickler ausdrücklich zustimmten oder ein Projekt solche Angebote selbst schon bündelte. Damit rückte eine Zustimmung der Autoren in eine Regel, die zuvor durch die Kontrolle des Hosts über die Download-Seite geprägt war.
Am 18. Juni änderte SourceForge nach eigener Darstellung auch den Umgang mit Spiegeln. Der kurze Versuch mit Zusatzangeboten habe fünf gespiegelte Projekte betroffen und sei am 27. Mai gestoppt worden. Zum 17. Juni habe der Spiegelkatalog 295 Projekte umfasst. Diese 295 waren Katalogeinträge, nicht 295 mit Angeboten versehene Installer. Spiegel ohne gemeinsame Pflege durch mindestens einen ursprünglichen Entwickler seien am 18. Juni entfernt worden; für eingestellte Ursprungsseiten galt eine Ausnahme. Zugriffe auf entfernte Spiegel seien an die kanonische Heimat der jeweiligen Software weitergeleitet worden.
Ein Eigentümerwechsel brachte im Februar 2016 eine weitere Entscheidung. Die neue Führung von SourceForge erklärte das Ende von DevShare, dem Programm für gebündelte Installer teilnehmender Projekte. Sie bezeichnete es als ersten Schritt, Vertrauen wiederzugewinnen. Das war ein breiteres Programm und eine spätere Maßnahme als der fünffache Spiegeltest im Mai oder die Entfernung von Spiegeln im Juni 2015.
Die Erklärungen enthalten kein vollständiges Protokoll aller alten URL-Weiterleitungen und keine Dateiprüfsumme für jeden während des Tests ausgelieferten GIMP-Win-Installer. Mit solchen Unterlagen ließe sich ein einzelner Download genau rekonstruieren. Die veröffentlichte Chronologie zeigt schon ohne sie, wo die Macht saß: GIMP bestimmte den neuen offiziellen Ort, SourceForge den alten Zugang und zeitweise das Programm zwischen Zugang und Datei.
Die spätere Weiterleitung entzog dem alten Eingang einen Teil dieser Macht. Der Fall zeigt, wie lange ein Anbieter von der früheren Adresse eines Projekts profitieren kann. Ein Umzug nimmt die Dateien mit. Das Publikum muss erst noch den Weg finden.
Quellen
- GIMPs erste Mitteilung vom 27. Mai 2015 zu Umzug, alten Links und Installer.
- GIMPs offizielle Erklärung zu Zustimmung und geforderten Lösch- und Weiterleitungsrechten.
- SourceForges Antwort und Nachträge zur Verwaltung des GIMP-Win-Spiegels.
- SourceForges Regel vom 1. Juni für Zusatzangebote.
- SourceForges Spiegelentscheidung vom 18. Juni.
- Mitteilung vom Februar 2016 über das Ende von DevShare.
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