Zusammenfassung

  • Gert Doering führte die Arbeitsgruppe seit 2003 mit. Als RIPE 2015 den Vorsitz erstmals nach einer festen Regel öffnete, traf die Rotation ihn. Er trat ab, bewarb sich erneut und wurde auf RIPE 70 ohne protokollierten Kommentar bestätigt. Der Mann blieb; sein Amt war für andere erreichbar geworden.
  • Die neue Regel ließ jährlich einen von zwei Vorsitzenden abtreten und erneut kandidieren. Weitere Bewerber konnten sich vor der RIPE-Sitzung auf der Mailingliste vorstellen. So konnte die Gruppe Erfahrung behalten und ihren Vorsitz trotzdem überprüfbar besetzen.
  • An der Konsenssuche über die Nachfolge durften Menschen vor Ort und online teilnehmen. Nur physisch Anwesende durften bei einer geheimen Ersatzwahl oder einem Misstrauensvotum abstimmen. Doerings Wiederbestätigung erreichte diese Abstimmungsstufe nicht.

Der Richter des ungefähren Konsenses

Man kann einen Vorsitzenden mögen und trotzdem wissen wollen, wann sein Platz wieder frei wird. Genau in dieser Lage war die Arbeitsgruppe: Sie vertraute Doerings Erfahrung, musste aber auch erklären können, warum er weiterhin das Urteil über ihre schwierigen Beschlüsse fällen sollte. Die Macht eines Vorsitzenden liegt selten in einem spektakulären Knopfdruck. Sie liegt im Satz: Die Diskussion reicht, wir gehen mit diesem Text weiter. Bei Adresspolitik streiten Unterstützer und Gegner über Kosten, Zuteilungsregeln und praktische Folgen.

Irgendwann beurteilen die Vorsitzenden, ob offene Einwände den Fortschritt blockieren oder ob ein ungefährer Konsens trägt.

Wie das aussieht, zeigen die Protokolle von RIPE 67 aus dem Jahr 2013. Gert Doering erklärte zu einem Politikvorschlag, dass der aktuelle Text auf der Mailingliste breite Unterstützung gefunden habe. Einige Teilnehmer blieben dagegen. Die Vorsitzenden sahen keine Möglichkeit, deren Einwände aufzunehmen und zugleich den Kern des Vorschlags zu bewahren. Sie würden deshalb ungefähren Konsens anwenden und vorangehen. Das war eine Entscheidung über einen bestimmten Vorschlag. Gerade sie macht die spätere Frage nach der Auswahl der Vorsitzenden interessant.

Ein Jahr zuvor hatte Doering auf RIPE 65 die Grundlage der Politikdiskussion erklärt. In einer Sitzung hören die Ko-Vorsitzenden Argumente und erkennen, in welche Richtung ein Vorschlag gehen könnte. Die eigentliche Konsensarbeit muss auf der offenen Mailingliste stattfinden. Wer nicht zur Konferenz reisen kann, gehört damit weiter zur Diskussion. Das lauteste Nicken im Saal ersetzt die schriftliche Auseinandersetzung nicht.

Ein Vorsitzender, der diese Abwägung vornimmt, braucht Erfahrung. Er braucht ebenso eine nachvollziehbare Art, sein Amt zu erhalten. Sonst wird die vertraute Person am Mikrofon mit der dauerhaften Berechtigung verwechselt, die Debatte zu beurteilen. Doerings Amtszeit gab der Frage Schärfe. Seine offizielle RIPE-NCC-Biografie datiert seinen Beginn als Vorsitzender auf 2003. Als das neue Verfahren 2015 erstmals griff, waren ungefähr zwölf Jahre vergangen.

Ein Verfahren für Leute, die ihre Vorsitzenden mochten

Noch auf derselben RIPE-67-Sitzung brachte Ko-Vorsitzender Sander Steffann die Besetzung der Vorsitzposten zur Sprache. Die Niederschrift zeigt eine Arbeitsgruppe, die ihre Amtsträger schätzte und trotzdem über Amtszeiten und Neubesetzung reden wollte. Jan Zorz sah in regelmäßiger Wiederwahl eine Stütze für die Glaubwürdigkeit schwieriger Entscheidungen. Lu Heng sagte, er sei mit den Vorsitzenden zufrieden, befürwortete aber Wahlen und einen Einstieg für neue Teilnehmer. Hans Petter Holen schlug versetzte Amtszeiten vor, damit beide Plätze nicht gleichzeitig wechseln. Steffann wollte den Aufwand regelmäßiger Stimmzettel klein halten.

Das Spannende an diesem Gespräch ist seine Normalität. Niemand musste erst eine große Niederlage inszenieren, um nach einer Regel zu fragen. Die Teilnehmer wollten einen Vorsitzenden behalten können, ohne das Amt wie einen Besitzstand aussehen zu lassen. Sie wollten Kandidaten zulassen, ohne jeden Sitzungsbeginn zum Wahlkampf zu machen. Für freiwillige technische Arbeit ist genau diese Balance oft wichtiger als feierliche Worte über Legitimität.

Auf RIPE 69 im November 2014 hatte die Sache einen fast komischen Zwischenstand. Doering stellte klar, dass er entgegen einem Gerücht vorerst nicht zurücktrete. Danach übergab er Steffann die Debatte über das Auswahlverfahren. Randy Bush beklagte, die Vorsitzenden machten die Frage zu kompliziert, und drängte auf eine Entscheidung. Steffann versprach einen neuen Text für die Mailingliste. Aus dem abstrakten Wunsch nach einem überprüfbaren Amt sollte ein Ablauf mit Fristen werden.

Vier Wochen Vorlauf statt einer Frage aus dem Saal

Der Entwurf vom 21. März 2015 beschrieb die Mechanik. Die Arbeitsgruppe sollte nach Möglichkeit zwei Vorsitzende haben. Jedes Jahr tritt einer zurück; beide wechseln sich dabei ab. Mindestens einen Monat vor einer RIPE-Tagung wird die freie Stelle auf der Mailingliste angekündigt. Jeder darf sich dort vor Beginn der Tagung als Bewerber vorstellen, auch ein ehemaliger Vorsitzender.

Diese Frist macht den Unterschied zwischen einer offenen Stelle und einer Überraschungsfrage am Ende einer Sitzung. Ein Bewerber braucht Zeit, um den Aufwand zu prüfen, seine Gründe zu formulieren und Fragen zu beantworten. Leute außerhalb des vertrauten Kreises müssen überhaupt erfahren, dass ein Platz frei wird. Der Monatsvorlauf verschafft ihnen eine reale Gelegenheit, statt nach einer halben Minute Schweigen als vermeintlich Desinteressierte zu gelten.

Die Auswahl selbst sollte während der Sitzung der Address Policy Working Group erfolgen. Teilnehmer im Raum und zugeschaltete Teilnehmer konnten an der Konsensbildung mitwirken. Der jeweils verbleibende Ko-Vorsitzende entschied, ob Konsens erreicht war. Falls beide Stellen unbesetzt wären, sollte der RIPE Chair diese Beurteilung übernehmen. Die Aufteilung ist wichtig: Ein Kandidat erklärt seine Bereitschaft; die Gruppe diskutiert; eine andere namentlich bestimmbare Person stellt das Ergebnis fest.

Scheitert der Konsens, folgt laut Entwurf eine geheime Abstimmung in der Sitzung. Wahlberechtigt sind dann nur physisch Anwesende. Mitarbeiter des RIPE NCC zählen die Stimmen nach dem vorgesehenen Verfahren. Der entfernte Teilnehmer kann somit bei der gemeinsamen Einschätzung mitreden und verliert die Stimme, sobald die Auswahl in eine Abstimmung übergeht. Gerade bei einem strittigen Amt wird der Kreis der entscheidenden Personen kleiner. Die Regel schrieb diese Grenze vor ihrem ersten möglichen Einsatz auf.

Für einen amtierenden Vorsitzenden, dem eine erhebliche Gruppe nicht mehr vertraut, gab es einen eigenen Weg. Ein Misstrauensvotum musste mindestens eine Woche vor einer RIPE-Tagung über die Liste beantragt werden, nachdem Gespräche die Unzufriedenheit nicht gelöst hatten. Physisch Anwesende stimmten geheim ab; eine einfache Mehrheit führte zum sofortigen Rücktritt. Die Wahl eines Nachfolgers und die Abberufung eines Amtsträgers hatten also eigene Anlässe, eigene Folgen und denselben physischen Zugang zur Urne.

Das RIPE NCC zählte bei Bedarf Stimmen. Es wählte keinen Vorsitzenden für die Gruppe aus. Der RIPE Chair sprang nur dann als Konsensbeurteiler ein, wenn die Gruppe ohne Vorsitzenden dastand. Die Arbeitsgruppe besetzte ihren Posten innerhalb der eigenen Regel. Diese Zuständigkeiten stehen im Text, damit später niemand aus einer knappen Schlagzeile die falsche Institution zum Entscheider macht.

Der erste freie Stuhl gehört wieder Gert

Der April-2015-Archivbestand der Mailingliste enthält den Abschluss der Regelberatung. Am 7. April erklärten die Vorsitzenden nach der letzten Kommentierungsfrist Konsens über das Auswahlverfahren. Danach teilte Steffann mit, wer bei der ersten Rotation an der Reihe sei: Doering. Die Entscheidung über die Reihenfolge schmückte er mit einem Scherz über einen Zufallszahlengenerator. Doering hatte sich bereits wieder angeboten. Weitere Interessierte sollten sich bis RIPE 70 auf der Liste melden.

Im Mai verzeichneten die RIPE-70-Protokolle eine Wiederbestätigung Doerings ohne Kommentar. Er selbst nannte das Aufstehen und sofortige Zurückkehren etwas lächerlich, betonte aber die Chance für andere aus der Gemeinschaft, sich zu melden. Das Protokoll beschreibt keinen Wahlkampf und keinen Wahlgang. Es dokumentiert den ersten Einsatz einer neuen Auswahlmöglichkeit und das Weiterarbeiten eines erfahrenen Vorsitzenden.

Hier liegen drei Akte dicht beieinander, die man sauber trennen sollte. Zuerst einigte sich die Arbeitsgruppe auf das Verfahren. Dann wurde Doerings Platz öffentlich frei und zu Bewerbungen eingeladen. Schließlich bestätigte die Gruppe ihn in der Sitzung. Der scheinbare Stillstand zwischen altem und neuem Foto am Sitzungstisch verdeckt eine Änderung des Weges ins Amt.

Die Regel machte auch die Rückkehr des Amtsinhabers einfach. Ein jährliches Verfahren, das nur durch einen Skandal oder einen erzwungenen Wechsel Sinn ergibt, würde eine freiwillige Organisation zermürben. Hier konnte ein guter Vorsitzender bleiben und ein anderer hätte sich zugleich bewerben können. Routine wurde zu einer überprüfbaren Entscheidung.

Was auf dem Papier blieb

Die Unterscheidung zwischen Online-Teilnahme und geheimer Präsenzwahl spielte bei Doerings Bestätigung praktisch keine Rolle. Die Gruppe kam ohne protokollierten Streit zum Ergebnis. Für einen künftigen Wettbewerb bleibt sie dennoch ein harter Punkt. Ein zugeschalteter Teilnehmer kann Argumente für einen Bewerber vorbringen; wenn kein Konsens entsteht, darf er bei der Abstimmung nicht mitentscheiden. An genau dieser Schwelle verengt sich die Beteiligung.

Ebenso klar wurde die Rolle des verbleibenden Vorsitzenden. Er sollte beurteilen, ob die Gruppe einen Konsens zur Person gefunden hatte. Das verhindert, dass der gerade ausscheidende Bewerber selbst die eigene Rückkehr verkündet. Zugleich konzentriert es eine wichtige Deutungsaufgabe bei einem Kollegen. Ein benannter Verantwortlicher ist überprüfbar: Teilnehmer können sein Urteil anhand der Wortmeldungen, der Kandidaturen und des Protokolls diskutieren.

Doerings Person verband die beiden Fragen. Er hatte bei einem Politikvorschlag gezeigt, wie ein Vorsitzender verbleibende Einwände gegen breite Unterstützung abwägt. Dann ließ er seine eigene Stelle als erste nach der neuen Regel öffnen. Für die Arbeitsgruppe war das eine Gelegenheit, die Autorität des Beurteilers durch ein öffentliches Verfahren zu erneuern. Die Chance für einen anderen Bewerber entstand, ohne den bisherigen Amtsinhaber zu dämonisieren.

Am Ende saß Doering wieder auf demselben Stuhl. Nun gab es einen Termin, zu dem der Stuhl frei würde, einen Ort für neue Bewerbungen und eine zugewiesene Person, die den Konsens zur Besetzung feststellte. Ein kurzer Ausflug vor die Tür kann genügen, wenn die Tür danach für alle sichtbar eine Klinke hat.