Zusammenfassung
- Bulgariens Forschungsnetz entwickelte sich neben dem kommerziellen Zugang über EUnet und zeitweise ohne Verbindung zu diesem: E-Mail, eine private Universitätsleitung und Internet-Erreichbarkeit waren verschiedene Betriebszustände.
- Spätere Quellen nennen mehrere akademische Leitungen im Jahr 1995, doch zeitgenössische Berichte widersprechen sich über deren Reichweite. Ein späterer Bericht hält fest, dass nach dem Ende staatlicher Förderung 1997 die Außenanbindung des Wissenschaftsnetzes ausfiel.
Die Aussage, Bulgarien sei „ans Internet angeschlossen“ gewesen, beschreibt die frühen Forschungsnetze des Landes nur unzureichend. Ein Rechner konnte über EARN E-Mail austauschen, ein akademischer Verband eine private Leitung zu einer ausländischen Universität besitzen und ein kommerzieller Anbieter seinen Kunden TCP/IP bereitstellen, ohne dass diese Wege ein einziges, aus dem Internet erreichbares Hochschulnetz bildeten. Aussagekräftiger wird die Überlieferung, wenn jede Verbindung nach ihrem Zweck und Zeitpunkt eingeordnet wird.
Ein europäischer Bericht zu Forschungsnetzen aus dem Jahr 2003 datiert den Betrieb eines bulgarischen Netzwerkprototyps auf 1988 zurück. Die historische Studie von Juan Rogers und Ivan Tchalakov berichtet, dass ein Labor Bulgarian Academy of Sciences damals über die European Academic and Research Network, EARN, eine E-Mail-Verbindung zu einem Forschungsinstitut in Linz in Österreich aufbaute. Das war eine bedeutende internationale Forschungsleitung. Die Studie beschreibt jedoch ein DNA-basiertes Netz und kein nationales TCP/IP-Internet-Gateway.
Nachrichten über die Grenze zu senden bedeutete nicht, dass jede Forschungseinrichtung schon Internetzugang hatte.
Im April 1992 beschrieb RIPE zwei parallele Wege. Der bulgarische EARN-Knoten in Sofia nutzte eine angewählte X.25-Verbindung nach Linz. Das bulgarische EUnet-Netz erreichte das Internet dagegen über seinen Backbone in Varna und einen EUnet-Knoten in Griechenland. Laut Bericht prüften die Projekte eine gemeinsame feste IP-Verbindung. Die Aktualisierung von 1993 verzeichnete EARN-Dienste an der Sofia University und rund zehn akademischen Einrichtungen, aber kein Gateway zwischen EARN und EUnet. Netze im selben Land waren damit noch kein gemeinsames System.
Digital Systems datiert den eigenen ersten vollständigen TCP/IP-Internetdienst rückblickend auf 1992. Dieser kommerzielle Meilenstein belegt nicht, dass EARN und UNICOM-B damals aus dem Internet erreichbar waren.
Ein im November 1994 an die von der US-amerikanischen National Science Foundation unterstützte Connectivity-Datenbank gesandter Bericht macht die Trennung konkreter. Daniel Kalchev, Leiter von EUnet Bulgaria, bezeichnete EUnet damals als den einzigen ISP mit Internetzugang in Bulgarien. Der akademische Anschluss von UNICOM-B sei über den BGEARN-Knoten von BITNET nur für E-Mail in Betrieb gewesen. Im Februar 1995 ergänzte er, eine 9,2-kb/s-Leitung zwischen Sofia und Wien sei, falls sie existierte, privat zwischen UNICOM-B und der University of Vienna; aus dem Internet sei UNICOM-B nicht erreichbar.
Dieselbe Nachricht beschreibt eine 19,2-kb/s-EUnet-Leitung zwischen Amsterdam und Varna sowie einen nationalen Backbone. Diese zeitgenössische Darstellung stammt von einem kommerziellen Anbieter und ist keine neutrale Prüfung. Sie unterscheidet aber präzise zwischen kommerziellem Internetdienst und wissenschaftlicher Vernetzung.
Eine spätere Bestandsaufnahme verkompliziert die Chronologie. Das SERENATE-Profil von 2003 gibt an, dass das akademische Netz Ende 1995 zwei 64-kb/s-Leitungen nach Amsterdam und einen 64-kb/s-Satellitenkanal Sofia–Wien hatte und zwölf Städte versorgte. Auf der Seite des von DANTE verwalteten PHARE-Programms waren im Dezember 1996 jedoch zwei terrestrische 64-kb/s-Leitungen Sofia–Amsterdam weiterhin als geplant aufgeführt. Die erhaltenen Quellen klären nicht, ob es dieselben Leitungen, verschiedene Projektphasen oder unterschiedliche Abgrenzungen des akademischen Netzes waren.
Eine rückblickende Kapazitätsangabe löst den Widerspruch zum zeitgenössischen Bericht von 1995 und zum späteren Projektstatus nicht auf.
SERENATE beschreibt den deutlichsten Bruch: Anfang 1997 stellte das Ministry of Education and Science die Förderung ein; danach verlor das akademische Netz seine Außenanbindung. Eine lokale Beschreibung vom Juli 1997 verzeichnet weiterhin ein akademisches Netz. Drei große Universitäten in Sofia teilten sich einen 100-Mb/s-FDDI-Ring, während viele andere Teilnehmer über analoge Leitungen an Sofia angebunden waren. Die Belege sprechen daher für den Verlust der externen Erreichbarkeit des Wissenschaftsnetzes, nicht für einen landesweiten Internetausfall oder das Ende jedes Campusnetzes. Der kommerzielle Zugang verlief auf einem eigenen Pfad.
Auch die institutionelle Kontinuität bleibt unklar. Laut SERENATE gründete das Ministerium Ende 1998 eine juristische Person namens UNICOM-B, die bis Dezember 2001 bestand. Rogers und Tchalakov datieren das Ende der akademischen Providerrolle von UNICOM-B dagegen auf Juni 1998. Möglicherweise beschreiben sie unterschiedliche Tätigkeiten; einen ununterbrochenen Dienst oder die Wiederherstellung der alten internationalen Route durch den neuen Rechtsstatus belegen sie nicht. Organisationsname, lokaler Ring und externe Erreichbarkeit sind getrennte Tatsachen.
Die hilfreiche historische Frage ist nicht, welches Jahr als „erster Anschluss“ gelten soll. Entscheidend ist der von einer Einrichtung tatsächlich nutzbare Weg: Protokoll, Gateway, Upstream, Finanzierung und Reichweite im Land. Bulgariens Aufzeichnungen zeigen, warum eine Zahl von Leitungen oder ein Organisationsname diesen Nachweis nicht ersetzt.
Quellen
- RIPE-054, An overview of East and Central European Networking Activities (1992)
- RIPE-086, An overview of East and Central European Networking Activities (1993)
- Bulgaria connectivity update (11.94), NSRC-Datenbank
- Daniel Kalchev, Anmerkungen zum Entwurf des Connectivity-WG-Protokolls (20. Februar 1995), RIPE-Archiv
- Marko Bonač und John Martin, SERENATE D16: geografische Abdeckung europäischer Forschungsnetze (28. November 2003)
- PHARE 1994 R&D Networking, Projektstatus von EENet/DANTE
- Structure of the Internet Connections in Bulgaria (23. Juli 1997), NSRC-Datenbank
- Juan D. Rogers und Ivan Tchalakov, Computer Networks as the Embodiment of Social Networks
- Digital Systems Ltd., Unternehmensgeschichte
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