Zusammenfassung

  • Die 64-kbit/s-Leitung belegt den Anschluss an NSFNET, aber keine flächendeckende Versorgung von Haushalten.
  • Vertrag, Zusammenschaltungsregeln und akademischer Folgepfad erklären die Netzstruktur ebenso wie die Leitungskapazität.

Eine Leitung ist noch kein ganzes Netz

Die Geschichte beginnt vor dem oft genannten Datum. ODTÜ und TÜBİTAK starteten TR-NET 1991. Das Internetarchiv der METU verzeichnet für 1992 einen Antrag auf eine X.25/IP-Verbindung über die Niederlande und datiert den ersten X.25-Internetversuch auf Oktober. Eine spätere TÜBİTAK-Rückschau nennt September. Die Reihenfolge stimmt überein, der Monat nicht. Ohne weitere Belege sollte die Abweichung stehen bleiben. (METU-Chronik; TÜBİTAK-Rückblick)

Laut METU stellte PTT am 5. April 1993 die 64-kbit/s-Standleitung bereit; am 12. April ging die TCP/IP-Verbindung zwischen ODTÜ und NSFNET in Washington in Betrieb. Die Geschichte des METU-Rechenzentrums beschreibt die Leitung als Verbindung, die dem ganzen Land diente. Diese institutionelle Formulierung belegt jedoch weder einen flächendeckenden Einzelhandelsdienst noch einen Anschluss bis in jeden Haushalt. Die 64 kbit/s beschreiben eine internationale Leitung, nicht die Kapazität jedes nationalen Netzes. (Geschichte des METU-Rechenzentrums)

Auch die ersten Nutzer kamen nicht erst mit TURNET. Die Studie von Wolcott und Çağıltay aus dem Jahr 2001 schätzt, dass TR-NET Anfang 1995 rund 3.000 Hosts, täglich 10.000 bis 15.000 Nutzer, mehr als 100 angeschlossene Einrichtungen und über 1.300 Einzelanschlüsse hatte. Das sind rückblickende Schätzungen der Autoren, keine geprüfte Vollerhebung. Sie zeigen dennoch, dass Universitäten und andere Institutionen das Netz vor dem kommerziellen Backbone bereits erweitert hatten. (Wolcott und Çağıltay, 2001; Yaşar Tonta, 1996)

Vom Entwurf zum Vertrag

Ein TR-NET-Vorschlag von 1995 skizzierte ein stärkeres Inlandsnetz mit einem geplanten Dreieck zwischen Ankara, Istanbul und İzmir sowie einer Anbieterschicht zwischen Backbone und Endnutzern. Das war ein Entwurf, kein Nachweis, dass diese Leitungen gebaut wurden. Der kommerzielle Weg verlief über eine eigene Ausschreibung der Türk Telekom. Wolcott und Çağıltay datieren deren Bekanntmachung auf den 28. September 1995, die Auktion auf Oktober und November und den Zuschlag auf ein Konsortium aus GlobalOne, Satko und METU. Der Siebenjahresvertrag wurde am 1. März 1996 unterzeichnet. Die Studie berichtet einen anfänglichen Umsatzanteil von 70,2 Prozent für die Türk Telekom, der im siebten Jahr auf 79,6 Prozent steigen sollte. Diese Zahlen beschreiben die von den Autoren berichtete Vereinbarung; sie legen nicht für sich allein offen, wer jedes einzelne Anlagegut finanzierte oder besaß. (Studie von Wolcott und Çağıltay; Çağıltays Rückblick als Beteiligter)

Die Studie beschreibt TURNET mit drei inländischen 2-Mbps-Verbindungen und zwei internationalen 512-kbps-Anschlüssen aus Istanbul und Ankara. Internetanbieter mussten sich über TURNET zusammenschalten und den internationalen Verkehr über dessen Gateways führen; unabhängige Satellitenverbindungen waren nicht erlaubt. Das senkte für neue Anbieter den Kapitalbedarf, weil sie keine eigene internationale Verbindung aufbauen mussten. Zugleich bündelte es den Auslandszugang in einem gemeinsamen Backbone und Gateways unter Kontrolle des Netzbetreibers. Beide Folgen gehören zur gleichen Architektur.

Der Betriebsbeginn ist weniger eindeutig als die Vertragsunterzeichnung. Die TÜBİTAK-Rückschau sagt, das TURNET-Projekt sei im August 1996 gestartet; Tontas zeitgenössischer Beitrag nennt September als Dienstbeginn; Wolcott und Çağıltay sprechen vom Herbst 1996. Vielleicht meinen die Quellen verschiedene Schritte, doch die öffentliche Überlieferung führt sie nicht zusammen. „Im Herbst 1996“ ist die belastbare Kurzfassung; ein genaues Tagesdatum ist es nicht.

Der akademische Netzpfad blieb eigenständig

ULAKBİM wurde im Mai 1996 gegründet und nahm am 1. Juni seine Arbeit mit akademischem Auftrag auf. ULAKNET kam später: TÜBİTAK ULAKBİM datiert den Start seines 34-Mbps-ATM-Backbones auf 1997. TURNET und ULAKNET waren daher keine aufeinanderfolgenden Namen desselben Netzes. Sie hatten unterschiedliche institutionelle Aufgaben und unterschiedliche Betriebszeitpunkte. (Geschichte von TÜBİTAK ULAKBİM; Yaşar Tonta, 1996)

Die Bedeutung dieser Episode liegt darin, ihre Stufen getrennt zu halten: Test, internationale Standleitung, wachsende Forschungsnetze, Ausschreibung, Umsatzbeteiligungsvertrag, kommerzielles Backbone und akademisches Nachfolgenetz. Die Zahl 64 kbit/s bleibt ein prägnanter Marker, ersetzt aber nicht die Geschichte der Zusammenschaltungsregeln und Institutionen, die den Anschluss nutzbar machten. Der Oral-History-Katalog der METU bestätigt, dass Beteiligte über den Zeitraum vom Projektvorschlag bis zur ersten Verbindung befragt wurden. Der Katalog ist jedoch kein veröffentlichtes Wortprotokoll. (METU-Katalog zur Oral History)

Quellen