Summary
- Web MIDI lässt Webanwendungen Eingabe- und Ausgabeports finden, Nachrichten von Keyboards empfangen und Synthesizer oder Lichtanlagen ansprechen. MIDI transportiert Ereignisse und Steuerbefehle, keinen Klang.
- Portkennungen können eine Gerätekonfiguration verraten. System Exclusive, kurz SysEx, erreicht herstellerspezifische Funktionen. Deshalb verlangt dieser Kanal eine stärkere Berechtigung als gewöhnliche MIDI-Nachrichten.
Der W3C-Entwurf vom Dezember 2012 entwarf eine nüchterne Brücke. Eine Anwendung sollte MIDI-Ports aufzählen, Nachrichten empfangen und ausgeben können. Klaviatur, Drumcomputer, externer Synthesizer und Bühnenlicht passten durch dieselbe Öffnung. Bei MIDI geht es um „Note an“, Reglerwerte, Taktimpulse und ähnliche Signale. Den Ton erzeugt das Instrument. Wer den Browser mit einem Audiokabel verwechselt, sucht die Musik an der falschen Stelle. Der Browser gibt vielleicht den Einsatz; spielen muss die Band selbst.
Gerade diese Zurückhaltung machte die Idee brauchbar. Ein Browser braucht nicht zu wissen, ob ein Drehknopf Vibrato, Licht oder einen nervösen Schlagzeuger steuert. Das Programm ordnet dem Signal Bedeutung zu. Die Besitzerin kann ihre vertraute Hardware weiter nutzen und die Anwendung wechseln. Doch schon das Auffinden der Hardware hat Folgen. Der frühe Entwurf enthielt einen beständigen fingerprint für jeden Port, damit eine Anwendung nach dem Neustart dasselbe Gerät wiederfindet. In einem Studio voller ähnlicher Kisten ist das praktisch. Für eine neugierige Seite ist es zugleich ein Hinweis auf das Inventar, ergänzt um Hersteller, Namen und Version. Der Entwurf diskutierte die Privatsphäre beim Aufzählen von Ports und die Risiken spezieller Gerätenachrichten bereits selbst.
Im Hinterzimmer wartet SysEx. Gewöhnliche MIDI-Nachrichten können eine Note starten oder einen Reglerwert ändern. System Exclusive spricht dagegen einen Dialekt des jeweiligen Herstellers und kann etwa Klänge, Einstellungen und andere geräteeigene Daten betreffen. „Ich möchte spielen“ und „ich möchte die Innereien verwalten“ sind zwei verschiedene Bitten. Der Entwurf von März 2015 machte den Unterschied mit requestMIDIAccess({sysex:true}) ausdrücklich. Wird die zusätzliche Fähigkeit verweigert, scheitert diese Anfrage. Für eine Melodie braucht die Webseite nicht automatisch den Generalschlüssel zur Werkbank.
Auch jenseits der Berechtigung bleibt echte Hardware widerspenstig. Ein Kabel wird während einer Sitzung gezogen. Eine für den nächsten Takt geplante Nachricht muss pünktlich ausgegeben werden; Musiker hören einen verspäteten Schlag sofort. Eine Anwendung kann in einem fremden Seitenrahmen laufen. Deshalb behandelt die API Portzustände und zeitgesteuerte Ausgaben, ohne die musikalische Bedeutung der Daten festzulegen. Der Browser regelt den Verkehr, nicht die Komposition.
Im W3C-Entwurf vom 20. Oktober 2026 ist die Tür genauer beschriftet. Die Berechtigung heißt midi; sysex: true ist stärker als gewöhnlicher Zugang. Ohne diese Freigabe löst das Senden von SysEx eine Ausnahme aus, eingehende SysEx-Nachrichten werden ausgeblendet. requestMIDIAccess() gehört zu sicheren Kontexten. Die Permissions Policy erlaubt die Funktion midi standardmäßig für 'self': Ein eingebetteter Gast bekommt nicht allein wegen seines Platzes im Rahmen Zugang zur Werkstatt. Der Entwurf untersucht außerdem denkbare Schäden durch gerätespezifische Befehle. Aus einem untersuchten Angriffspfad folgt noch keine Geschichte tatsächlich beschädigter Synthesizer.
Die W3C-Veröffentlichungsgeschichte zeigt Entwürfe von 2012, 2013 und 2015 sowie eine neue Folge zwischen 2024 und 2026. Das sind Stationen der Standardarbeit, keine gemeinsamen Geburtstage sämtlicher Browserimplementierungen. Der alte Streit ist geblieben: Wie darf eine URL mit einem privaten Instrument reden, ohne gleich die gesamte Gerätesammlung zu inspizieren?
Die Besitzerin spielt wieder eine Taste. Die Nachricht läuft durch den Browser, der Synthesizer antwortet. Das Keyboard bleibt ein Keyboard und die Webseite ein willkommener Gesprächspartner. Am Eingang steht trotzdem jemand, der für SysEx nach dem richtigen Schlüssel fragt.
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