Zusammenfassung
- ILNP trennt die Kennung eines Knotens von seinem Netzstandort, nutzt weiter IPv6 und lässt Router und Switches unverändert.
- Saleem Bhattis TCP-Test mit vier Schnittstellen nutzte ein 15-cm-Patchkabel; die Aufnahme in BSD- und Linux-Distributionen ist der nächste Adoptionstest.
Der Router blieb unverändert. Der Rechner musste lernen, mit ILNP umzugehen. Diese Verschiebung prägte Saleem Bhattis Vortrag auf der RIPE 93: Das Protokoll kann auf bestehender IPv6-Infrastruktur laufen, verlangt aber Änderungen am Endsystem.
Beim IETF-126-Hackathon schickte ein Rechner im Veranstaltungsraum einen TCP-Datenstrom an einen Server in Bhattis Labor in St Andrews. Vier Schnittstellen wurden nacheinander aktiviert, damit sich der Strom auf mehrere Präfixe verteilen konnte. Für den Versuch stammten alle vier Präfixe aus demselben /60. Bhatti beschrieb die zusätzliche Pfadvielfalt im Raum als ein 15 cm langes Patchkabel zwischen Router und Switch. Der Test zeigt die dynamische Bindung von Locators im Laboraufbau; Messwerte über voneinander unabhängige Betreibernetze liefert er nicht.
ILNP trennt zwei Aufgaben, die heute in einer IP-Adresse stecken: Sie identifiziert den Knoten und weist zugleich auf dessen topologischen Standort hin. Ein Node Identifier bleibt dem Transportfluss zugeordnet. Locators lassen sich dynamisch an aktive Schnittstellen binden. In der IPv6-Umsetzung sind beide Werte 64 Bit lang.
Router und Switches mussten nicht angepasst werden. Geändert wurde der Host: Das Team überarbeitete den FreeBSD-Netzwerkstack und Teile der Transportschicht sowie getaddrinfo in libc. Auch DNS braucht Unterstützung für die optionalen ILNP-Ressourceneinträge aus RFC 6742. Bestehende IPv6-Anwendungen liefen ohne Neukompilierung, weil die Systembibliothek ihre gewohnte Schnittstelle beibehielt.
Im Publikum benannte Jim Reid die Vertriebsfrage: Wenn jeder Nutzer den Kernel selbst patchen muss, entsteht kaum kritische Masse. Er plädierte für eine Aufnahme in BSD- und Linux-Distributionen. Bhatti sagte, genau dort wolle er ILNP sehen und weitere Nutzer zum Testen gewinnen. Die Projektseite der University of St Andrews führt FreeBSD-14.3-Binärdateien und einen Linux-Prototyp auf Basis von Kernel 4.9 auf. Eine Integration in eine allgemein verbreitete Distribution belegt sie nicht. Ein Upstream-Paket oder ein Betreiberpilot würde die Einschätzung verändern.
RFC 6740 ist ein Experimental-RFC der IRTF und hat keinen formalen Status im IETF-Standardisierungsprozess. Der Versuch zeigt, dass Endpunkte Locator über vorhandenes IPv6 wechseln können. Ob daraus ein betreibbares Werkzeug wird, entscheidet sich bei Paketpflege, DNS-Auflösung und Fehlersuche auf den Hosts.
Quellen: Transkript der RIPE-93-Sitzung; Vortragsdetails; RFC 6740; RFC 6741 zu technischen Überlegungen; RFC 6742; ILNP-Projekt der University of St Andrews.
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