Zusammenfassung

  • RFC 1003 von Alan Katz, März 1987, erörtert eine gemeinsame Darstellung von Gleichungen für wissenschaftliche Dokumente und E-Mail, als die NSF mehr Forschende an ihre Netze anschließen wollte. Der Text schlägt eine Richtung vor und ruft zur Diskussion auf.
  • Katz bevorzugte vorläufig eine EQN-ähnliche Textform für Brüche, Indizes und Matrizen, ergänzt um freie Positionierung bei Ausnahmen. Übertragen werden sollte das sichtbare mathematische Schriftbild, ohne dass die Person am Satzgerät die Formel inhaltlich verstehen musste.

Eine Forscherin diktiert einen Antrag. Der Text geht in den Rechner, die E-Mail läuft durchs Netz, und dann kommt die Formel. Die Setzerin weiß, wie sie aussehen soll. Sie muss nicht wissen, was sie beweist. Der Empfänger wiederum besitzt vielleicht ein anderes Programm. Was als selbstverständliche Arbeitsteilung auf Papier funktioniert, wird beim Austausch zur Datei mit unbekannter Bedienungsanleitung. Ausgerechnet das Zeichen, für das der Antrag geschrieben wurde, kann am Ziel wieder zu einer Bastelaufgabe werden.

Katz schrieb seinen RFC 1003 im März 1987 vor dem erwarteten Zustrom von Wissenschaftlern über das Supercomputer-Netz der National Science Foundation. Das NSF-Projekt EXPRESS sollte Manuskripte und Anträge elektronisch befördern. E-Mail gab es im ARPANET längst. Bei Gleichungen fehlte jedoch eine gemeinsame Repräsentation; laut Katz war nicht einmal entschieden, was diese Repräsentation genau festhalten sollte. Der Bruch war damit zugleich ein Streit über die Zuständigkeit von Menschen und Software.

Wer TeX, LaTeX oder EQN benutzte, konnte die Quelldatei als einfachen Text verschicken. Das passte zu bestehenden Mailwegen und ließ sich mit üblichen Editoren bearbeiten. Ein griechischer Buchstabe im ganzen Dokument austauschen? Für Textwerkzeuge eine angenehme Übung. Das Schreiben der Formel selbst ähnelte aber einem kleinen Programm. Syntaxfehler waren lästig, und das fertige Schriftbild zeigte sich oft erst beim Drucken oder in einer Vorschau. Katz erinnerte an Sekretärinnen und professionelle Setzer, die eine Gleichung nach ihrem Erscheinungsbild eingaben, ohne ihre mathematische Bedeutung zu kennen.

Ihnen Programmierkenntnisse abzuverlangen hieß, die technische Bequemlichkeit auf die Menschenrechnung zu setzen.

Vollbildsysteme drehten die Sache um. Xerox STAR und VIEWPOINT zeigten beim Eingeben schon die spätere Form. Hockney's Egg aus der UCLA-Physik lief auf dem IBM PC und setzte Zeichen fast überall hin, auch in chemische Zeichnungen. Interleaf bot ebenfalls große Freiheit. Doch die interne Darstellung konnte an Hardware hängen, verborgen oder proprietär sein. Wer jedes Symbol selbst platzieren musste, bezahlte die Freiheit mit einer Menge Feinarbeit. Das schöne Bild auf einem Bildschirm war noch kein Vertrag mit dem nächsten.

Symbolische Programme wie Macsyma und Reduce behandelten mathematische Inhalte, die sie kannten. Katz zog eine andere Grenze: Hier ging es um die angezeigte Gleichung, nicht um die Berechnung ihrer Bedeutung. Ein Bitmap hielt das Bild fest, verschlang Speicher und war schlecht zu bearbeiten. Zeichen, Schriften und Koordinaten ließen alles zu, machten jedoch selbst gewöhnliche Brüche zur Vermessungsarbeit. Eine strukturelle Anweisung konnte „Index“, „Bruch“, „Matrix“ oder „mitwachsende Klammer“ sagen; die Software übernahm die normalen Abstände.

Sein Vorschlag war daher EQN-ähnlicher Text mit absoluter und relativer Positionierung als Ausweg für Sonderfälle. LaTeX hätte nach Katz ebenfalls dienen können; er fand EQN lesbarer. Er erklärte keinen Sieger und keinen fertigen Standard. Er wollte die Debatte eröffnen und die vorhandenen Werkzeuge miteinander ins Gespräch bringen. Auch die Schriftart zählte: Eine falsch wiedergegebene Schrift konnte die mathematische Aussage verändern. Bei Formeln ist Aussehen Teil der Information.

Am Ende stehen vier Berufe an einem Tisch: Wissenschaftler liefern Bedeutung, Setzer das sichtbare Ergebnis, Programme die Geometrie, E-Mail den Transport. Katz suchte eine Regel, mit der keiner alle vier Arbeiten beherrschen muss. Der eigentliche Witz des Fortschritts war sonst bitter: Ein Netz brachte die Forschung schneller über den Kontinent, als die Formel den nächsten Bildschirm erreichte.