Zusammenfassung

  • Die frühesten belegten TCP/IP-Verbindungen führten von Tallinn und Tartu jeweils nach Stockholm; eine Internetleitung zwischen den Städten entstand erst 1993.
  • Über die Topologie sind sich die Quellen sicherer als über den Kalender: Manche nennen für beide Satellitenkanäle März 1992, andere den 23. April.

Anfang der 1990er-Jahre konnte es Stunden dauern, eine Softwareliste von einem Universitätsserver in Helsinki per Modem abzurufen. Jaak Lippmaa erinnerte sich später, die Liste sei erst nach acht Stunden per E-Mail angekommen. Der internationale Telefonanruf dauerte ebenso lang; währenddessen ließ sich keine weitere Nachricht versenden oder empfangen. Das ist die Erinnerung eines Beteiligten, keine unabhängige Messung des Dienstes. Sie macht aber deutlich, woran die neue Leitung etwas ändern sollte: E-Mail über die Grenze gab es bereits, eine dauerhaft nutzbare TCP/IP-Route war etwas anderes. Die estnische Internet-Stiftung hat Lippmaas Erinnerung festgehalten.

Eine Außenverbindung mit geliehenem Router

EENets technische Rückschau datiert Estlands erste TCP/IP-Verbindung auf den 26. März 1992: Eine 64-kbit/s-Satellitenleitung verband das Nationale Institut für chemische Physik und Biophysik (NICPB) in Tallinn mit der Königlichen Technischen Hochschule KTH in Stockholm. Auf estnischer Seite standen ein von KTH geliehener Cisco-AGS-Router, ein Macintosh und ein Rechner mit SCO Unix. EENet nennt sechs Anwesende aus dem NICPB, von KTH und der Swedish Space Corporation. Diese Verbindung entstand durch Zusammenarbeit mehrerer Einrichtungen. Sie war kein landesweites Endkundenangebot, das eine einzige Stelle auf einmal einschaltete. EENets technischer Rückblick nennt Kapazität, Ausstattung und Beteiligte.

Auch Tartu erhielt einen Weg nach Schweden. Lippmaa zufolge kam die zweite Verbindung ungefähr einen Monat später zustande, weil es zwischen Tallinn und Tartu keine Internetverbindung gab. EENets Rückblick von 2015 setzt den ersten Kanal in den März und den Tartu-Kanal in den April; am 23. April seien über die neue Antenne am Observatorium Tartu TCP/IP-Nachrichten an Forschende im Ausland übermittelt worden. Ein 1994 verfasstes Netzwerkpapier sagt dagegen, die Satellitenverbindungen aus Tallinn und Tartu nach Stockholm seien beide im März eingerichtet worden. Der spätere Band der Open Estonia Foundation datiert die Eröffnung beider Kanäle auf den 23. April. Die zugänglichen Quellen erlauben keine widerspruchsfreie Tagesangabe für beide Aktivierungen. Einig sind sie sich eher in der Anordnung: Zwei estnische Standorte hatten eine Satellitenverbindung ins Ausland, doch die Internetleitung Tallinn–Tartu kam erst 1993. EENets Bericht von 2015, das Papier von 1994 und der Band der Open Estonia Foundation nennen unterschiedliche Daten.

„Estland ging ans Internet“ kann bedeuten, dass ein Forschungsinstitut eine Verbindung ins Ausland erhielt. Der Satz kann aber auch nahelegen, dass Einrichtungen im Land bereits untereinander erreichbar waren. 1992 waren das verschiedene Zustände. Das Papier von 1994 datiert eine gemietete terrestrische Leitung von Tallinn nach Helsinki auf Ende Mai 1992 und die Internetverbindung zwischen Tallinn und Tartu auf 1993. Die Einrichtungen hatten ihre Netze zunächst selbst aufgebaut. Ein internationaler Ausgang war noch kein nationales Rückgrat.

Der Domainname war keine Leitung

Die estnische Top-Level-Domain .ee wurde am 3. Juni 1992 registriert; laut EENets späterer Rückschau war Endel Lippmaa der administrative Kontakt. Ein Eintrag im globalen DNS und eine physische Verbindung zwischen zwei Hochschulen erledigten unterschiedliche Aufgaben. Der erste machte Namen aus Estland auffindbar, die zweite erforderte Leitungen, Router und Betriebsabsprachen. EENets Erinnerung an Endel Lippmaas Rolle hält diese Trennung fest.

Die Koordinierung entstand erst nach dem ersten Satellitenkanal. EENet berichtet, sein im Juni 1993 gegründeter Rat habe eine staatliche Einrichtung verlangt, weil ESTNET die Erwartungen nicht erfüllt habe. Das Papier von 1994 beschreibt EENet als Organisation des Ministeriums für Kultur und Bildung, die akademische Netze sowie nationale und internationale Verbindungen koordinieren sollte. Für 1994 schätzte EENet 15 dauerhaft angeschlossene Bildungs-, Forschungs- und Kultureinrichtungen mit 340 Rechnern. Das ist eine begrenzte institutionelle Zahl, keine Erhebung aller Nutzer in Estland. EENets Rückblick erläutert den Übergang von ESTNET zur Koordination.

Der belastbarste Meilenstein ist daher kein einzelner landesweiter „Anschalttag“. Im Frühjahr 1992 erhielten estnische Forschungseinrichtungen TCP/IP-Wege nach außen über Schweden. Das erleichterte den Austausch mit dem Ausland, schuf aber noch keine innerestnische Vernetzung. Die erste Internet-Topologie überquerte die Ostsee, bevor sie das Land durchquerte.