Zusammenfassung

  • Ostroms Gestaltungsprinzipien fassten Gemeinsamkeiten robuster, langfristig bestehender Institutionen zusammen; ihre Anwendung hing vom konkreten System ab.
  • Ihre Forschung schärft Fragen an Internetinstitutionen, beweist aber nicht allein dadurch die Legitimität einer Ordnung, dass diese als „Gemeingut“ bezeichnet wird.

Was hinter den Prinzipien steht

Im Nobelinterview wurde Governing the Commons als Arbeit vorgestellt, die Leitlinien dafür liefere, wie gemeinschaftlich genutzte Ressourcen zu verwalten seien. Ostrom widersprach der Ausgangsannahme. Sie habe Systeme untersucht, die ungefähr zwei Jahrhunderte bestanden, und nach Gemeinsamkeiten unter den dauerhaft robusten Fällen gesucht. „Gestaltungsprinzipien“ nannte sie diese analytische Zusammenfassung; sie behauptete nicht, die untersuchten Gemeinschaften hätten ihre Regeln nach einer einheitlichen Liste entworfen.

Der Sprung von einer Beobachtung zu einer Vorschrift ist klein und folgenreich. Aus „In langlebigen Systemen fand sich oft dieses Merkmal“ wird „Jedes System muss dieses Merkmal übernehmen“. Ostrom betonte, die konkrete Anwendung falle von System zu System unterschiedlich aus. Im selben Interview äußerte sie Vorbehalte, wenn externe Agenturen einer Gemeinschaft ein bestimmtes Verfahren zur Konfliktlösung vorgaben. Als Beispiel beschrieb sie das Wassergericht von Valencia, das in seiner lokalen Geschichte verwurzelt sei; sie empfahl nicht, es unverändert nach Los Angeles zu übertragen.

Das ist keine Absage an Vergleiche oder institutionelle Gestaltung. Es ist eine Absage an den Schritt, der die Untersuchung überspringt. Welche Ressource wird geregelt? Wer nutzt sie? Welche Regeln gelten im Alltag tatsächlich? Und unter welchen Bedingungen entstehen die beobachteten Ergebnisse? Ohne Antworten darauf bleibt die Übertragung eine Analogie.

Eine Forschungsstruktur für verstreutes Wissen

Ostrom beschäftigte sich auch damit, wie Forschung überhaupt vergleichbare Erkenntnisse gewinnen kann. In ihrer Nobelbiografie beschreibt sie, wie die Forschung zu gemeinschaftlich genutzten Ressourcen über Disziplinen, Sektoren und Regionen hinweg zersplittert war. Forschende zu Wäldern oder Fischereien in einem Land wussten oft nicht, welche ähnlichen Studien anderswo vorlagen. In den frühen 1970er-Jahren gründeten sie und Vincent Ostrom an der Indiana University das Workshop in Political Theory and Policy Analysis, um unterschiedliche Disziplinen zusammenzubringen und institutionelle Anordnungen und ihre Folgen zu untersuchen.

Das Workshop war nicht bloß ein Diskussionsforum. Die Forschungsarbeit umfasste städtische Polizeibehörden, Bewässerungssysteme und Wälder und verband Feldstudien, Experimente und systematische Vergleiche. Bei einem internationalen Waldprogramm hob Ostrom die Zusammenarbeit mit Forschenden hervor, die in den untersuchten Ländern lebten, gemeinsame Erhebungsmethoden erlernten und ihre lokalen Verhältnisse kannten. Gemeinsame Fragen machten die Fälle vergleichbar; sie machten sie nicht gleich.

Eine Prinzipienliste lässt sich leichter weiterreichen als diese Forschungspraxis. Doch die Liste war eine Verdichtung der Vergleiche, kein Ersatz für die Untersuchung des nächsten Systems. Beobachtungsbedingungen, Fallgrenzen und Unsicherheiten werden nicht mitübertragen, nur weil ein Prinzip zitiert wird.

Was eine Common-Pool-Ressource ausmacht

Ostrom verwendete „Gemeingut“ nicht als Synonym für alles, was geteilt, offen oder gesellschaftlich wertvoll ist. Bei einer Common-Pool-Ressource kann es schwierig sein, potenzielle Nutzer auszuschließen; zugleich kann die Entnahme von Ressourceneinheiten durch eine Person verringern, was anderen bleibt. Eine Weide, ein Bewässerungssystem oder eine Fischerei wirft deshalb nicht automatisch dieselben Fragen auf wie eine öffentliche Versammlung, eine Datenbank, Wissen im Gemeinfreiheitsbereich oder eine Onlinegemeinschaft.

Auch polyzentrische Governance ist in ihrer Nobelvorlesung keine fertige Lösung. Ostrom untersucht mehrere Entscheidungszentren und institutionelle Arrangements auf unterschiedlichen Ebenen, die produktive oder nachteilige Ergebnisse hervorbringen können. Die Zahl beteiligter Organisationen genügt nicht, um ein System „polyzentrisch“ zu nennen. Entscheidend ist, wie die Zentren handeln, wie sie zusammenwirken und welche Folgen daraus entstehen.

Die aktualisierte Prinzipienliste in der Vorlesung fasst Faktoren zusammen, die mit dem langfristigen Fortbestand von Institutionen verbunden waren, die Ressourcennutzer selbst entwickelt hatten. Sie verspricht nicht, dass eine bestimmte Anzahl übernommener Merkmale Erfolg garantiert. Ostroms Interview macht außerdem deutlich, dass Menschen nicht stets kooperativ und ebenso wenig stets eigennützig handeln. Institutionelle Bedingungen prägen die Anreize zu Vertrauen, Gegenseitigkeit und opportunistischem Verhalten.

Die begrenzte Verbindung zur Internetinfrastruktur

Das Internet-Nummernregistersystem ist ein möglicher Untersuchungsgegenstand, aber zunächst muss der Vergleich genau gefasst werden. RFC 7020, ein informatives Dokument aus dem Jahr 2013, beschreibt dieses System. Weil IP-Adressen und autonome Systemnummern feste Längen haben, sind die Zuteilungspools begrenzt. Zuteilungen sollen den betrieblichen Bedarf und die Grenzen des Pools berücksichtigen; hierarchische Zuteilung begünstigt die Aggregation von Routen; genaue Registrierungsdaten helfen, Eindeutigkeit zu wahren. Ob und wie konkrete Routen angekündigt werden, liegt laut RFC außerhalb des Registrierungssystems.

Das Dokument erkennt zudem an, dass Systemziele miteinander oder mit den Interessen von Nutzern und Anbietern kollidieren können.

Das beschreibt eine bestimmte Koordinationsaufgabe. Es belegt weder, dass Ostrom dieses System untersucht hat, noch dass ein regionales Register ohne weitere Analyse eine Common-Pool-Institution in ihrem Sinne ist. Für eine tragfähige Analogie müssten Ressourceneinheiten, Nutzer, Grenzen, Ausschluss und Entnahme, tatsächlich geltende Regeln sowie die zu erklärenden Ergebnisse bestimmt werden. Registrierung ist außerdem von Routing und Netzbetrieb zu unterscheiden, die ein Register nicht vollständig kontrolliert.

Eine Untersuchung könnte relevante Parallelen feststellen. Sie könnte aber auch zeigen, dass verschiedene Schichten unterschiedliche Ressourcen, Nutzer und Anreize aufweisen. Beide Ergebnisse sind aussagekräftiger als die pauschale Behauptung, das gesamte Internet sei ein Gemeingut, auf das sich eine einzelne Governance-Vorlage übertragen lasse.

Erkenntnis ist keine Ermächtigung

Ostroms Beitrag wird häufig als Nachweis zusammengefasst, dass Gemeinschaften gemeinsam genutzte Ressourcen verwalten können, ohne ausschließlich auf Zentralstaat oder Privatisierung zu setzen. Das korrigiert eine zu einfache Zweiteilung. Ihre eigene Einordnung ist anspruchsvoller: Unterschiedliche Arrangements müssen mit Blick auf die Probleme und Bedingungen untersucht werden, denen sie begegnen. Dass es keine universelle Lösung gibt, beweist nicht, dass jede lokale Lösung funktioniert.

Für Internetinstitutionen liegt der Nutzen ihrer Forschung vor allem darin, die Beweislast zu erhöhen. Wer Ostrom als Betreiber, Forscherin oder politische Entscheidungsträgerin anführt, sollte beantworten können: Welches System wird verglichen? Wer liegt innerhalb der gewählten Grenze? Welche Beobachtung verbindet eine Regel mit einem Ergebnis? Wie werden Fehlschläge erfasst? Eine belastbare Antwort kann eine Anpassung stützen, die Analogie verwerfen oder zeigen, dass noch Daten fehlen.

Ein Gestaltungsprinzip kann eine Untersuchung lenken, ohne ihr Ergebnis vorwegzunehmen. Diese Trennung erhält den Wert von Ostroms empirischer Arbeit, auch wenn sie auf Systeme außerhalb ihrer ursprünglichen Fälle bezogen wird.

Quellen