Zusammenfassung

  • draft-wolf-dialogue-txt-00 ist ein individueller Informational Internet-Draft, kein RFC, keine abgeschlossene IANA-Registrierung und kein Nachweis einer Einführung. Vorgeschlagen wird eine kanonische Datei unter /.well-known/dialogue.txt, die eine erste Nachricht und nach Schweigen genau eine Erinnerung erlaubt.
  • Erlaubt ist nur das Gespräch. Handlung, Systemzugriff, Vertretung, Werbung, Überwachung und Antwortpflicht sind ausgeschlossen. Zustellung baut keine Brücke; nur die Antwort des Herausgebers eröffnet den Dialog.
  • Entdeckung, exakte Einladung, Auslegung, Zustellung, Antwort, Gesprächsrunden, gesonderte Handlungsvollmacht und beobachtetes Ergebnis brauchen getrennte Belege.

Maschinenlesbare Erlaubnis sieht schnell umfassender aus, als sie ist. Ein Parser findet ein true, ein Dashboard färbt den Status grün, und ein nachgelagerter Dienst behandelt die Anzeige plötzlich als Zusammenfassung von Identität, Absicht, Umfang und Ergebnis.

Der Vorschlag dialogue.txt stemmt sich gegen diese Ausweitung. Eine Person oder Organisation veröffentlicht eine kleine Textdatei auf der eigenen Domain. Fremde Leser dürfen einen Kontaktweg finden und eine Frage stellen. Mehr wird nicht versprochen.

Die Datei ist weder Aufgaben-API noch Genehmigungskanal oder Agenten-Credential. Der Herausgeber spricht nur für sich selbst. Lesen hat keine Nebenwirkung. Zusätzliche Fähigkeit schafft keine zusätzlichen Rechte. Kann der Leser Gespräch und Handlung nicht trennen, sendet er nichts.

Die erste Nachricht schlägt eine Brücke nur vor

Die Nachricht enthält eine konkrete Frage, eine dauerhafte Rückadresse und eine öffentliche Referenz im Betreff oder in der ersten Zeile. Der Leser pollt nicht und hält keinen Prozess offen. Nach dem angegebenen Zeitraum ist eine Erinnerung zulässig; danach endet der Versand.

Eine Annahme durch den Mailserver belegt nur einen Transportschritt. Sie belegt weder Lesen noch Verstehen oder Zustimmung. Schweigen ist keine verzögerte Freigabe. Erst die Antwort des Herausgebers erzeugt die im Entwurf beschriebene Brücke.

Auch dann bleibt sie ein Gesprächskanal: eine Frage pro Nachricht, dann auf die Antwort warten. Beide Seiten können ablehnen oder abbrechen. Eine freundliche Antwort ist keine Beschaffungsvollmacht, kein Systemzugang und kein Recht auf Veröffentlichung oder Vertretung.

Die öffentliche Referenz ist kein Schlüssel

Die Referenz kann Nachrichten aussortieren, deren Absender die aktuelle Datei nicht gelesen haben. Wird sie geerntet, lässt sie sich ändern. Das verbessert die Eingangssortierung.

Doch die Referenz ist öffentlich und beweist nichts. Sie ist weder Geheimnis noch Signatur, Bearer-Token oder Identitätsnachweis. Archive und Dritte können sie kopieren. Ein Treffer darf eine Nachricht in eine Prüfwarteschlange leiten, aber niemals Identitäts-, Inhalts-, Raten- oder Berechtigungsprüfungen überspringen.

Auch die Domain hat einen engen Beweiswert. HTTPS verbindet eine Darstellung mit einem technischen Ursprung; es beweist nicht die genannte natürliche Person oder ihr Unternehmensmandat. Der Entwurf authentifiziert ausdrücklich nichts über Domainkontrolle hinaus. Kompromittierung, Ablauf oder Verkauf verändern die Kontrolle über die Einladung.

Widerruf an der Quelle, Dauerhaftigkeit im Archiv

Nur die Datei an ihrer canonical_url auf der Domain des Herausgebers zählt. Eine Kopie gewährt nichts. live: false oder Entfernung widerrufen die aktuelle Einladung.

Crawler und Archive können Name, Kanal und alte Referenz dennoch behalten. Die Erlaubnis ist widerrufbar, die Offenlegung womöglich dauerhaft. Eine historische Kopie kann eine frühere Sendeentscheidung erklären; sie kann keinen neuen Kontakt erlauben.

Darum gehören URL, Zeitpunkt, Weiterleitungen, Domain-/Transportprüfung und Hash der genutzten Bytes in den Entscheidungsbeleg. Vor einer neuen Erstansprache muss die kanonische Quelle nach einer festgelegten Frischeregel erneut gelesen werden. Ein unbegrenzter Cache verlängert die Erlaubnis einseitig.

Auffindbar heißt nicht beglaubigt

RFC 8615 macht den Präfix /.well-known/ vorhersehbar. Er löst das Suchproblem, nicht das Vertrauensproblem. RFC 9116 warnt bei security.txt vor kompromittierten Dateien, Umleitungen und veralteten Daten und trennt Kontaktinformation von einer Erlaubnis zu Sicherheitstests.

dialogue.txt schreibt diese Trennung fest: talk ist wahr, act, access_systems und represent_author sind falsch. Unbekannte Zeilen werden ignoriert; bei zwei Lesarten gilt die engere. Zusätze dürfen einschränken, nicht erweitern.

Auch die IANA-Anträge in Revision 00 sind Anträge. Datatracker-Status, Dokumenthistorie, Entwurfstext, eingefrorenes IANA-Register, Implementierung und Nutzung sind eigenständige Nachweise.

Eine Grenze pro Leser begrenzt nicht die Menge

Ein regelkonformer Leser sendet höchstens zwei Nachrichten vor einer Antwort. Zehntausend Leser können trotzdem zwanzigtausend senden. Die Referenz filtert Uninformierte, nicht absichtlichen Missbrauch.

Der Herausgeber braucht eine eigene Mailbox, Anhangsisolierung, aggregierte Ratenbegrenzung, Bearbeitung in menschlichem Tempo und schnellen Widerruf. Themen sind Schilder, keine Zugangssperren. Wer nur wenige Fragen behandeln kann, muss das operativ begrenzen.

Auch Absenderdaten sind personenbezogen: Name, Organisation, Zweck und Rückadresse. Die Datenminimierung aus RFC 6973 verlangt einen engen Zweck, keinen öffentlichen Kontaktlog und eine vorab festgelegte Aufbewahrung.

Acht Belege statt eines globalen Einverständnisses

Getrennt werden sollten: kanonische Entdeckung; exakte Einladungsbytes; enge Auslegung; Nachricht und Kanalannahme; Antwort, die die Brücke erzeugt; weitere Gesprächsrunden; unabhängige Handlungsvollmacht; beobachtetes Ergebnis.

Jeder Beleg hat einen anderen Eigentümer. Webbetrieb veröffentlicht. Transport liefert. Herausgeber antwortet. Anwendungsverantwortliche genehmigen eine Handlung. Das laufende System erzeugt Wirkung. Ein grünes Gesamtfeld verwischt Verantwortung und Zeit.

Lu Hengs Prinzipien der minimalen Ausgangsspezifikation, lokalisierten Zukunftsentscheidung und freiwilligen Übernahme liefern den passenden Maßstab. Das gemeinsame Artefakt beschreibt das Minimum. Zukunft wird erst real, wenn Teilnehmer antworten, übernehmen, autorisieren und ausführen.

Der Wert von dialogue.txt liegt nicht in zusätzlicher Maschinenmacht. Er liegt darin, eine maschinenlesbare Einladung zu bauen, die ihre Machtgrenze mitliefert.