Zusammenfassung

  • Ein Aufsatz von Dominique Rémy, Mesmin Dandjinou und Arnaud Giacometti aus dem Jahr 1994 beschreibt ein Forschungsnetz, das ORSTOM gemeinsam mit der École supérieure d’informatique in Ouagadougou aufbaute.
  • Die Hochschule sollte Nachrichten innerhalb des Landes weiterleiten und den Zugang für Forschung und Hochschulen ausweiten; ORSTOM übernahm die internationalen Wege. Das akademische E-Mail-Netz war kein öffentlicher Internetdienst.

Wann ein Land „mit dem Internet verbunden“ war, hängt davon ab, was als Verbindung zählt. Burkina Fasos frühes Forschungsnetz macht diese Frage konkret. Schon vor einem öffentlich buchbaren Internetzugang konnten wissenschaftliche Einrichtungen E-Mails über eine lokale Infrastruktur mit internationalen Forschungsnetzen austauschen. Dieses Netz war real, hatte aber einen anderen Zweck und Nutzerkreis als der spätere öffentliche Internetdienst.

Der Aufsatz Constitution d’un réseau de la recherche au Burkina Faso von 1994 stammt von Dominique Rémy (ORSTOM), Mesmin Dandjinou (Universität Ouagadougou) und Arnaud Giacometti (ORSTOM). Er ordnet das Vorhaben in RIO ein, das Intertropische Computernetzwerk von ORSTOM, das wissenschaftlichen Partnern geöffnet wurde. Gemeinsam mit der École supérieure d’informatique (ESI) sollte das Institut das Forschungsnetz in Burkina Faso ausbauen.

Die technische Lösung reagierte auf die von den Autoren beschriebenen Kosten. Im ORSTOM-Zentrum in Ouagadougou stand der Knoten, der Nachrichten an ausländische Kontakte weiterleitete. Eine vieradrige Leitung mit 2.400 Baud verband ihn mit Fasopac, dem nationalen X.25-Paketnetz; darüber standen vier virtuelle Verbindungen zur Verfügung. UUCP-Protokoll F übertrug die Nachrichten, X.25 bildete den darunterliegenden Transport. Die Autoren begründeten die Wahl mit den hohen Kommunikationskosten in Burkina Faso. Lokale Rechner konnten so Nachrichten austauschen, ohne jeweils eine dauerhafte internationale Verbindung zu halten.

Die institutionelle Aufgabenteilung war ebenso wichtig wie die Protokolle. ESI sollte das nationale Nachrichten-Routing verwalten und den Zugang auf Hochschulen und Forschungseinrichtungen ausweiten. ORSTOM war für internationales Routing und Verbindungen zu Forschungsnetzen wie Internet, Fnet, EUnet, EARN und Bitnet zuständig. Der Aufsatz berichtet außerdem, dass ESI im März 1993 die Zustimmung des MIT erhielt, die Referenzdomain .bf zu verwalten. Dadurch bekam die Schule Zugang zu den internationalen Routingtabellen der Forschungsnetze. Das ist die Darstellung der Autoren zum damaligen institutionellen Aufbau und keine Aussage über die heutige Verwaltung von .bf.

Daraus folgt nicht, dass ESI ein öffentlicher nationaler Internetanbieter war. Beschrieben wird ein Modell für wissenschaftliche E-Mail und Netzkopplung, kein allgemeiner Haushaltszugang.

Auch in Bobo-Dioulasso gab es einen ORSTOM-Standort. Laut Aufsatz nutzten die dortigen Arbeitsplätze das öffentliche Telefonnetz und V.22/V.22bis-Modems; der Server in Bobo initiierte täglich drei Übertragungen. Ein Jahr später verzeichnete ein NSRC-Verzeichnis vom Juni 1995 ouaga.orstom.bf mit 40 Nutzern und zwei Unix-Hosts sowie bobo.orstom.bf mit sechs Nutzern und einem Host. Daneben standen Hochschul-, Forschungs- und zivilgesellschaftliche Einträge, die per UUPC angebunden waren, darunter FAST, CEDRES, CIRAD, CORAF/INERA, CILSS und OXFAM. Das sind je Knoten gemeldete Zahlen, keine Zahl eindeutiger Nutzer im Land und kein Beleg für identische Dienste bei allen Organisationen.

Der ORSTOM-Jahresbericht 1995 beschreibt RIO im größeren Zusammenhang: E-Mail, Dateitransfer, elektronische Foren, Datenbanken und Dateiserver; direkter Zugriff auf das World Wide Web kam schrittweise hinzu. Laut Bericht öffnete sich RIO 1992 für Partner des Instituts. Bis 1995 wurden 140 Vereinbarungen in zwölf Ländern unterzeichnet. Diese Zahlen beziehen sich auf das Gesamtprogramm und nicht allein auf Burkina Faso.

Spätere Quellen ziehen eine Grenze zum öffentlichen Dienst. Im März 1997 bat der Projektleiter von ONATEL darum, das Unternehmen als Internetanbieter zu führen, und schrieb, es verkaufe seit dem 19. März Internetdienste. E-Mail und Web gehörten seiner Nachricht zufolge nun erstmals zu den landesweit verfügbaren Basisdiensten. Auch ein staatlicher Bericht Burkina Fasos von 2003 datiert den ersten Anschluss an das weltweite Internet auf 1997. Das widerspricht den früheren E-Mail-Verbindungen nicht; es unterscheidet das UUCP/X.25-Forschungsnetz vom späteren öffentlichen Internetdienst.

Der Aufsatz von 1994 macht eine operative Kontrollgrenze sichtbar: ORSTOM betrieb die internationalen Wege, während ESI die nationale Nachrichtenebene verwalten und die lokale Beteiligung vergrößern sollte. Das System hing daher sowohl von Technik als auch von dauerhaft handlungsfähigen Institutionen ab. Seine Geschichte handelt nicht nur von einer Leitung ins Ausland, sondern davon, wie eine Forschungsgemeinschaft die Arbeitsteilung für den Nachrichtentransport organisierte.

Quellen