Zusammenfassung

  • Der erste öffentliche W3C-Entwurf vom Oktober 2022 beschrieb Übergänge zwischen Zuständen desselben Dokuments: Der Browser erfasst die alte Ansicht, die Seite aktualisiert ihren Inhalt, dann wird die neue Ansicht für die Animation erfasst.
  • Die Level-1-Texte von 2023 und 2024 präzisierten Ablauf, benannte Elemente und Pseudoelemente. Ein Level-2-Entwurf von 2024 nahm den Wechsel zwischen Dokumenten hinzu.

Auf einer Nachrichtenseite steht ein Foto in einer kleinen Kachel. Ein Klick öffnet die Geschichte, und das Foto soll zum großen Titelbild werden. Für die Augen ist diese Reise selbstverständlich. Für den Dokumentbaum war sie lange eine Zirkusnummer: Die alte Kachel und der neue Artikel mussten zugleich auf der Bühne stehen, damit man einen Weg zwischen ihnen zeichnen konnte. Nach dem Effekt musste das provisorische Bühnenbild wieder verschwinden. Eine Animation diktierte damit zeitweise die Struktur des Inhalts.

Der erste öffentliche W3C-Entwurf vom 25. Oktober 2022 verlegte den Trick in die Darstellung des Browsers. Die Seite ruft startViewTransition() auf und übergibt eine Funktion für die Änderung des Dokuments. Der Browser erfasst die alte Ansicht, lässt die Funktion den echten Zustand ändern und erfasst danach die neue Ansicht. Die Bewegung findet in einer eigenen visuellen Schicht statt. Im Dokument steht längst der neue Artikel; auf dem Bildschirm verabschiedet sich noch ein Bild der alten Kachel.

Das ist eine saubere Trennung mit Folgen. Zwei lebendige Fassungen einer Oberfläche für einen Effekt können Lesereihenfolge und Interaktionen verkomplizieren. Eine kurzfristige visuelle Aufnahme lässt das Dokument direkt in seinen neuen Zustand wechseln. Der Browser bewahrt das Bild auf Zeit. Der Verlag muss weiterhin den richtigen Artikel, die richtigen Links und die sinnvolle Gliederung liefern. Der Fotograf des Bühnenwechsels ist nicht zugleich der Redakteur.

Die Candidate Recommendation vom 5. September 2023 liest sich stellenweise wie eine Regieanweisung: alte Ansicht erfassen, Darstellung pausieren, Aktualisierungsfunktion ausführen, neue Ansicht erfassen, Übergangs-Pseudoelemente aufbauen, Darstellung fortsetzen und animieren. Ohne besondere Gestaltung gibt es ein Überblenden der ganzen Seite. Soll ein Foto oder eine Überschrift gesondert wandern, erhält das Element einen view-transition-name. CSS bestimmt seinen Auftritt. Der Browser betreibt die Bühne, die Seite besetzt die Rollen.

Die Besetzung braucht eindeutige Namen. Beanspruchen zwei Elemente in einem Zustand denselben Übergangsnamen, kann die Animation abbrechen. Der Candidate-Recommendation-Entwurf vom 28. März 2024 erläutert den Pseudoelementbaum und die Stationen des ViewTransition-Ablaufs. Auch wenn der visuelle Effekt übersprungen wird, läuft die Aktualisierungsfunktion. Der Leser soll den neuen Artikel erhalten, selbst wenn die Beleuchtung beim Szenenwechsel streikt.

Die W3C-Veröffentlichungsgeschichte verzeichnet den ersten Entwurf 2022, die Candidate Recommendation 2023 und die Überarbeitung 2024. Der Kern blieb: Der Browser hält zwei Ansichten kurz als Bild fest, während die Webseite ihr Dokument wirklich aktualisiert. Der Autor wählt Tempo und benannte Elemente. Die vorübergehende Verdoppelung lebt in der Darstellung, nicht als dauerhafte zweite Oberfläche im Inhalt.

Dann kam die größere Tür. Der Level-2-Arbeitsentwurf vom 13. November 2024 behandelt visuelle Übergänge bei der Navigation zwischen Dokumenten, mit einem Weg zur Beteiligung der betreffenden Seiten. Level 1 beschreibt den Zustandswechsel innerhalb eines Dokuments. Level 2 begleitet eine tatsächliche Navigation von einem Dokument zum nächsten. Der Browser hält den visuellen Faden nun über eine Grenze hinweg, an der die alte Bühne vollständig verlassen wird.

Am Ende beurteilt der Leser keine Pseudoelemente. Er will nach seinem Klick bei der erwarteten Geschichte ankommen. Eine gut eingesetzte Bewegung zeigt ihm, wie die gewählte Kachel zur neuen Seite wurde. Eine prächtige Bewegung zum falschen Text ist nur ein teurerer Irrtum. Der Browser kann die alte Seite fotografieren. Die neue muss ihren Auftritt verdienen.