Zusammenfassung

  • RFC 3023 führte +xml ein, damit verschiedene Medientypen ihre eigene Identität behalten und zugleich eine gemeinsame XML-Grundstruktur kenntlich machen konnten.
  • Der Suffix übermittelte weder Fachsemantik noch Handlungsmacht: exakter Typ, Bytes, Parsing, Profilprüfung, Vertrauen, Autorisierung und Wirkung blieben eigene Nachweise.

XML war Anfang 2001 weniger ein einzelnes Format als ein Baustoff. Eine Handelsnachricht, eine Vektorgrafik und eine Konfigurationssprache konnten dieselbe Auszeichnungsgrammatik verwenden und dennoch völlig andere Programme verlangen. Die Bezeichnung application/xml hätte die Grammatik bewahrt und den Anwendungsauftrag verschluckt. Vollständig undurchsichtige Namen hätten den Auftrag bewahrt, aber allgemeinen Editoren, Suchmaschinen und Parsern die gemeinsame Struktur verborgen.

RFC 3023 setzte deshalb eine kleine Naht in den Namen. Der spezifische Subtyp blieb erhalten und endete auf +xml. Links stand das konkrete Format, rechts das wiederverwendbare Trägermaterial.

Allgemeines Parsing blieb dem exakten Typ untergeordnet

Eine Anwendung mit Kenntnis von application/foo+xml konnte die Regeln von foo ausführen. Ein Werkzeug ohne foo-Kenntnis, aber mit XML-Unterstützung konnte die letzten vier Zeichen prüfen und entscheiden, ob generisches Parsen, Suchen, Formatieren oder Transformieren sinnvoll war.

Damit musste nicht jedes Werkzeug jede XML-Vokabel einzeln kennen. Ein MIME-Parameter war laut RFC keine gute Ersatzlösung: Parameter modifizierten den Subtyp und bestehende Dispatcher wählten ihre Anwendung selten danach. Ein neuer Top-Level-Typ hätte mehr Architektur verändert als nötig. Der Suffix trug nur die gemeinsame Tatsache.

Der vollständige Medientyp blieb dennoch maßgeblich. Ein XML-unwissender Prozessor behandelte +xml als undurchsichtig. RFC 3023 warnte deshalb davor, der bloßen Anwesenheit zusätzliche Semantik zu geben. application/foo und application/foo+xml waren unabhängige Typen. Die XML-Variante konnte Syntax und Bedeutung verändern; Unterstützung des einen Typs bewies nichts über den anderen.

Ein Parse-Baum war noch keine zulässige Handlung

Der empfangene Header war zunächst eine Behauptung. Ein XML-Parser konnte prüfen, ob die Bytes diese Behauptung erfüllten. Ein erzeugter Baum bewies aber weder, dass Namespace und Profil zugelassen waren, noch dass eine Signatur vertrauenswürdig oder ihr Urheber handlungsberechtigt war.

Ein Element namens transfer verschiebt nichts aus eigener Kraft. Die Anwendung muss Bedeutung zuordnen, die Policy den Akteur autorisieren, die Ausführung den Vorgang versuchen und eine spätere Beobachtung das Ergebnis belegen. Ebenso erlaubt der Suffix keine externen Entities, Netzwerkabrufe, Stylesheet-Ausführung oder unbegrenzten Ressourcenverbrauch. Das sind lokale Sicherheitsentscheidungen.

Gerade die Begrenzung machte die Konvention brauchbar: gemeinsame Syntax, ohne fremde Fachbedeutung zu behaupten.

Aus der Konvention wurde registrierte Infrastruktur

RFC 6838 nahm strukturierte Syntaxsuffixe in das Registrierungsmodell auf. Zeichen nach dem letzten Plus bezeichnen eine registrierte Grundsyntax. RFC 6839 registrierte +xml formell und trennte zwei Ebenen: Der exakte Typ ermöglicht spezifische semantische Verarbeitung; der Suffix erlaubt generische Verarbeitung, wenn diese Semantik nicht benötigt wird und der Parser kein Zusatzwissen braucht.

RFC 7303 ersetzte RFC 3023, behielt die Trennung aber bei. Neue XML-basierte Formate sollen +xml verwenden, sofern generische XML-Verarbeitung nicht ungeeignet ist. Ein Empfänger kann den Suffix entdecken, die Behauptung mit einem Parser prüfen und danach kontrolliert fortfahren. Anzeige, Bearbeitung, Sicherheit, Laufzeit und Fragmentregeln gehören weiterhin zum konkreten Typ.

Die heutigen IANA-Register zeigen beide Ebenen: einen Eintrag für +xml und viele verschiedene vollständige Medientypen mit diesem Ende. Der gemeinsame Suffix belegt eine Syntaxfamilie, nicht Austauschbarkeit.

Quellen

Lu Heng hat RFC 3023 weder verfasst noch unterstützt. Seine Texte dienen hier als offengelegte analytische Perspektiven.