Zusammenfassung
- Ein Anruf bei SezamPro führte zunächst in das lokale System des Anbieters. Er bedeutete nicht automatisch allgemeinen Internetzugang. Der Dienst entwickelte sich über BBS, Hochschulnetz, E-Mail-Gateway und öffentliches Café bis zu mehr Telefonleitungen und einem Provideranschluss.
- Die Quellen ergeben keinen einzigen Starttag. Die Gründer erinnern sich unterschiedlich an den Beginn des kommerziellen Betriebs und an den Monat der Café-Eröffnung; die Daten stehen für verschiedene Ausbaustufen.
Ein Modem konnte einen Teilnehmer in Belgrad mit einem Rechner verbinden, ohne ihm schon eine gewöhnliche Internet-Sitzung zu verschaffen. Rückblicke fassen den Start eines BBS, den Anschluss an das Hochschulnetz und einen kommerziellen Internetdienst mitunter zu einem einzigen „ersten Mal“ zusammen. SezamPros eigene Geschichte lässt die Zwischenschritte erkennen.
SezamPro ging aus Sezam hervor, einem 1989 gegründeten Mailboxsystem. (Ristanović, „Sezam“.) Die Betreiber wollten einen umfangreicheren Nachfolger für Nutzer aufbauen, die sich bereits per Telefon einwählten. Dejan Ristanovićs damalige Servicebeschreibung nennt acht öffentliche Einwahlleitungen, ein NetWare-Netz und 14,4-kbps-Modems. Auch Abonnements mit täglicher Zeitbegrenzung werden aufgeführt. Der Telefonanruf brachte den Nutzer in Sezams eigene Umgebung. Die Beschreibung belegt nicht, dass jede Sitzung allgemeinen TCP/IP-Zugang bot. (Ristanović, „SezamPro“.)
Selbst der kommerzielle Starttag ist nicht eindeutig. In „Founding SezamPro“ erinnert Ristanović den Betriebsbeginn auf den 19. November 1995 um 03:40 Uhr. Eine andere Jubiläumsseite von ihm nennt den 19. Dezember. Mitgründer Danko Jevtović erinnert sich ebenfalls an den 19. November. Das sind zugeschriebene Erinnerungen, keine voneinander unabhängigen Betriebsprotokolle. Für den breiten Ablauf ist „Ende 1995“ belastbarer. (Ristanović, „Founding SezamPro“; Jubiläumsgeschichte; Jevtović.)
Als Nächstes brauchte das System einen Weg nach außen. Jevtović erinnert eine Token-Ring-Verbindung zum akademischen Netz über die Fakultät für Technologie in Belgrad. Ristanović zufolge bestand Ende Januar 1996 eine Mietleitung zum Hochschulnetz, das damals als einziger Internetanbieter Jugoslawiens beschrieben wurde. Das Team schrieb zudem ein SMTP-Gateway, das Sezams proprietäre BBS-Software mit Internet-Mail verband. Nachrichten konnten damit zwischen den Systemen ausgetauscht werden, ohne dass jeder Einwahlanruf zu einem gewöhnlichen Internetkonto wurde.
E-Mail, Telnet, eine BBS-Eingabeaufforderung und allgemeiner Zugang bezeichneten verschiedene Fähigkeiten.
Das Café machte den Unterschied erfahrbar. Ristanović beschrieb SezamCafé als Ort, an dem Menschen ohne Computer oder Modem das Internet ausprobieren konnten. Er ordnet den Internetzugang dort dem April zu; Jevtović erinnert die Eröffnung im Mai und bezeichnet das Café als erstes Internetcafé Jugoslawiens. Im Inhaltsverzeichnis der PC-Press-Ausgabe vom Mai 1996 findet sich ebenfalls ein Beitrag zu SezamCafé. Die Quellen bestätigen ein öffentliches Zugangsangebot, klären aber weder den genauen Eröffnungstag noch den nationalen Vorrang unabhängig. (PC Press, Ausgabe 14; Ristanović, „Pun Internet“.)
Ein Raum für Besucher beseitigte den Kapazitätsengpass nicht. Ristanović datiert die Portierung auf 32-Bit-Windows-NT in den Sommer 1996; sie ermöglichte den Zugang per Telnet. Danach waren die Telefonleitungen knapp: Die acht bestehenden Anschlüsse wurden für den Konsolenzugang gebraucht, und längere Internetsitzungen hätten sie länger belegt. Ristanović setzt den Betrieb der neuen Providerleitung auf den 25. Oktober, eine öffentliche Veranstaltung im Café auf den 29. Oktober und das vollständige Internetangebot auf den 1. November. Jevtović erinnert 18 zusätzliche Telefonleitungen und eine dedizierte 128-kbps-Einwahlleitung über Beotel am 29. Oktober. Ein geplanter Backup-Anschluss mit EUNET sei kurzfristig nicht zustande gekommen. Das sind getrennte Etappen aus Erinnerungen Beteiligter, kein gemeinsames Startdatum. (Ristanović, „Pun Internet“; Jevtović.)
Die Satellitenverbindung lag im Netz von Beotel weiter oben in der Kette, nicht auf einer von SezamPro betriebenen Strecke. WIRED sah 1997 vier Café-PCs, die lokal mit SezamPro-Hosts verbunden waren; diese nutzten wiederum eine 128-kbps-Mietleitung. Der Bericht ordnete SezamPro neben der Universität Belgrad und Radio B92 als einen von mehreren Wegen zum äußeren Netz ein. Ein Besucher nutzte ein Café-Terminal, Teilnehmer wählten sich in das lokale System ein, und der Anbieter hing von seinem Provider und dessen internationaler Verbindung ab. (WIRED, „The Internet Revolution“.)
Eine einzige Architektur steht nicht für „das erste Internet Serbiens“. Laut B92s OpenNet-Geschichte begann der Dienst mit einer Einwahl zu XS4ALL in den Niederlanden und wechselte anschließend zu einer analogen Mietleitung mit sechs lokalen Einwahlleitungen. Die Chronik des Rechenzentrums der Universität Belgrad (RCUB) nennt für den Anschluss des akademischen Netzes über BeotelNet den 28. Februar 1996 und 64 kbps. Ein Jubiläumsdokument der Universität gibt den 27. Februar an. Der Tagesunterschied bleibt bestehen. Die Daten betreffen verschiedene Einrichtungen und Zugangsschwellen; keine ist eine landesweite Messung, ab wann alle Nutzer online gehen konnten. (B92.ISP; RCUB; Universität Belgrad.)
SezamPros Geschichte war kein einzelner Wechsel von offline zu online. Die BBS-Software bestimmte den lokalen Dienst; das Hochschulnetz stellte einen frühen Weg nach außen bereit; ein E-Mail-Gateway verband unterschiedliche Systeme; das Café öffnete den Zugang für Menschen ohne eigene Geräte; die Zahl der Telefonleitungen begrenzte gleichzeitige Sitzungen; und der Provideranschluss machte ein breiteres Angebot möglich. „ISP“ benennt das Ergebnis, nicht den Weg dorthin.
Quellen und Grenzen
- Dejan Ristanović, „Sezam“; „SezamPro“; „Founding SezamPro“; „Pun Internet“; „Deseti rođendan Sezama“
- Danko Jevtović, „SezamPro: Building Serbia’s Internet from the Ground Up“
- PC Press, Ausgabe 14; PC Press #21, „SezamPro danas“
- B92.ISP, OpenNet-Geschichte; RCUB-Chronik; Universität Belgrad, 20 Jahre Internet
- WIRED, „The Internet Revolution“; Committee to Protect Journalists, „Attacks on the Press in 1996 — Yugoslavia“
Betreiber- und Gründererinnerungen halten fest, was die Beteiligten berichten, nicht den tatsächlichen Datenverkehr. Der PC-Press-Index belegt einen Beitrag zum Café, aber nicht dessen Vorrang. RCUB und Universität nennen zwei Februartage. WIREDs Schätzungen und Interviews messen keine landesweite Nutzung. Die Quellen belegen weder, dass SezamPro den zensierten B92-Rundfunk übertrug, noch dass allein Sanktionen die knappe Kapazität verursachten.
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