Zusammenfassung
- Am 24. September veröffentlichte das W3C RDF 1.2 Semantics als Candidate Recommendation Draft. Bereits am 7. April gab es einen Candidate Recommendation Snapshot. Der neue Entwurf ist weder eine Erstveröffentlichung noch eine endgültige Empfehlung.
- RDF 1.2 führt Triple Terms ein. Der Semantiktext unterscheidet die dadurch bezeichnete Proposition, einen in einer Interpretation geltenden Sachverhalt und die Aussagen, die ein Graph selbst behauptet. Die Testsuite enthält
triple-term-not-asserted. - Im verlinkten öffentlichen Implementierungsbericht sind derzeit keine Ergebnisse für den Semantikabschnitt ausgewiesen. Der Bericht ist nicht offiziell und umfasst eingereichte Resultate, nicht sämtliche existierenden Implementierungen. Für das Verlassen der Kandidatenphase verlangt der Entwurf zwei unabhängige Implementierungen pro Test.
Ein Versicherer bewahrt die Aussage eines Gutachters auf, eine Anlage sei schon vor dem Schaden beschädigt gewesen. Das ist zunächst eine Aussage über die Anlage, kein vom Versicherer festgestellter Sachverhalt. Gibt eine spätere Software nur noch „Anlage war beschädigt“ aus, hat sie die Zuschreibung verloren. Formal strukturierte Daten verhindern einen solchen Rollenwechsel nicht automatisch. Gerade weil sie leicht weiterverarbeitet werden können, muss er an der Grenze zwischen Erwähnung und Behauptung überprüft werden.
Der Veröffentlichungstermin am 24. September ist ein Nachrichtenanlass, aber keine Lizenz zur Übertreibung. Laut W3C-Publikationsgeschichte lag bereits am 7. April ein Candidate Recommendation Snapshot vor; die Unterscheidung von Proposition und Tatsache steht auch in diesem früheren Text. Der aktuelle Candidate Recommendation Draft ist noch veränderbar. Das W3C weist ausdrücklich darauf hin, dass die Veröffentlichung keine Billigung durch die Organisation oder ihre Mitglieder bedeutet. Daraus lässt sich ebenso wenig eine pauschale Produktzulassung ableiten.
Die wesentliche Erweiterung gegenüber RDF 1.1 sind Triple Terms. Ein Beziehungsdreieck kann als Gegenstand einer weiteren Aussage auftreten: Man kann eine Behauptung beschreiben, zitieren oder bestreiten. Das semantische Modell unterscheidet dabei eine Proposition, die ein Triple Term bezeichnet, von einer Tatsache, die in einer Interpretation gilt. Ein Graph behauptet wiederum nur die Fakten, die seinen behaupteten Tripeln entsprechen. Aus der Möglichkeit, einen Satz darzustellen, folgt nicht, dass dessen Inhalt als wahr ausgegeben wird.
Die Norm behandelt RDF-Semantik und gültige Schlussfolgerungen, nicht den sozialen Sinn einer IRI oder die Beweiskraft einer realen Quelle.
Für Betreiber liegt die Schwierigkeit in der Übergabe zwischen Anwendungen. Eine Suchmaschine darf eine zurückgewiesene Hypothese auffindbar machen; ein Archiv darf eine umstrittene Messung erhalten. Falsch wäre, wenn ein Exportwerkzeug die Hypothese in ein gewöhnliches behauptetes Triple verwandelte oder ein Antwortsystem die Zuschreibung aus dem Text entfernte. Eine nachgelagerte Inferenz könnte dann Schlussfolgerungen aus einer Prämisse ziehen, die im Ursprungsgraphen nie behauptet wurde. Der W3C-Entwurf meldet keinen solchen konkreten Vorfall. Er liefert eine präzise Trennlinie, an der sich ein solcher Fehler testen lässt.
Die verlinkte Testsuite nennt ausdrücklich den Fall triple-term-not-asserted. Der öffentlich einsehbare Bericht führt Semantiktests auf, zeigt im betreffenden Abschnitt bei dieser Prüfung aber keine Ergebniszellen. Er bezeichnet sich selbst als internes Dokument ohne offiziellen Status und weist darauf hin, dass weitere Implementierungen außerhalb der eingereichten Berichte existieren können. Eine leere Tabelle ist also weder eine Durchfallquote noch der Beweis, dass niemand RDF 1.2 implementiert. Sie belegt aber auch nicht öffentlich, dass die geforderten zwei unabhängigen Implementierungen jeden Test bestanden haben.
Daniel Kades redaktioneller Vorschlag für eine Abnahme lautet: einen Graphen einspeisen, in dem ein strittiger Satz nur als referenzierte Proposition vorkommt. Anschließend Suchergebnisse, Exporte, Schlussfolgerungen und öffentliche Zusammenfassungen vergleichen. Wo wird aus „jemand behauptet X“ ein „X ist der Fall“ des empfangenden Systems? Diese Prüfung ist keine zusätzliche W3C-Vorschrift. Sie unterscheidet sich auch vom jüngsten SHACL-Thema der Herkunft einer abgeleiteten Aussage: Hier ist schon offen, ob die ursprüngliche Proposition überhaupt behauptet wurde.
Quellen
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