Zusammenfassung
- Am 18. Juni 2026 leitete die FERC sechs getrennte Verfahren nach Section 206 des Federal Power Act ein und setzte eine gemeinsame Antwortfrist. Die Anordnungen sind vorläufige Aufforderungen zur Stellungnahme, kein landesweit geltender Großlastentarif.
- Die später gewährte 90-tägige Aussetzung im NYISO-Verfahren zeigt, welche Arbeit regional bleibt: Regeln müssen mit den Übertragungsnetzbetreibern entwickelt und mit der Regulierung der Endkundenpreise abgestimmt werden, bevor eine Tarifeinreichung wirksam werden kann.
Analyse
Der gemeinsame Takt ändert noch keinen Tarif
Am 18. Juni richtete die Federal Energy Regulatory Commission Anordnungen zur Stellungnahme an PJM, MISO, Southwest Power Pool, CAISO, ISO New England und den New York Independent System Operator. Nach Section 206 des Federal Power Act sollten jeder Netzbetreiber und die jeweils betroffenen Übertragungsnetzbetreiber innerhalb von 60 Tagen erklären, warum ihre bestehenden Tarife weiterhin gerecht und angemessen seien, oder Änderungen vorschlagen. Innerhalb von 30 Tagen mussten sie außerdem berichten, wie ausreichende Erzeugung für bestehende und neue Großlasten verfügbar sein soll.
Die gemeinsamen Themen reichen von Antrags- und Studienverfahren über Kostentransparenz und Kostenverteilung bis zu gemeinsam genutzten Anlagen, Eigenerzeugung hinter dem Zähler, flexiblen Übertragungsdiensten und der Untersuchung von Erzeugern in elektrischer Nähe großer Lasten. Die FERC legte jedoch kein einheitliches Tarifmodell vor. Sie eröffnete sechs Verfahren und erklärte, dass die Lösungen den regionalen Unterschieden Rechnung tragen müssen.
Ein Verfahren nach Section 206 verlangt eine Antwort auf die vorläufige Einschätzung, ein Tarif könnte ungerecht oder unangemessen sein. Die Anordnung ersetzt den geltenden Tarif nicht automatisch. Ein Netzbetreiber kann Stellung nehmen oder eine Tarifänderung nach Section 205 einreichen. Anschließend entscheidet die FERC, was sie annimmt oder anderweitig anordnet. Bis dahin bleibt der bestehende Tarif die maßgebliche Grundlage des Betriebs.
New York macht die Arbeit zwischen Verfahren und Tarif sichtbar
NYISO verwies auf seine langjährigen Regeln für den Lastanschluss und auf ein von der FERC genehmigtes Modell zur finanziellen Reservierung von Übertragungskapazität, das sich vom üblichen Open Access Transmission Tariff unterscheidet. Ein Austausch mit den Beteiligten lief bereits. Für eine belastbare Antwort mussten NYISO, Übertragungsnetzbetreiber und weitere Beteiligte ihre Zuständigkeiten zusammenführen.
Am 3. August beantragten NYISO, die Übertragungsnetzbetreiber des Bundesstaats New York und nicht etablierte Übertragungsnetzbetreiber eine 90-tägige Aussetzung, um mögliche Tarifänderungen auszuarbeiten. Die FERC gewährte sie am 14. August. Antworten auf die Anordnung sind nun am 16. November 2026 fällig, Erwiderungen am 16. Dezember. NYISO erklärte, bis zum 16. November eine Einreichung nach Section 205 anzustreben, sofern die vorgesehenen Ausschuss- und Vorstandsbeschlüsse zustande kommen. Am 9. Oktober war das ein künftiger Zieltermin, kein bereits eingereichter, angenommener oder wirksamer Tarif.
Die diskutierten Änderungen betreffen konkrete Abläufe: neue Studien für große Lasten, feste und nicht feste Übertragungsdienste, Regeln für gemeinsam genutzte Standorte, Schutz vor Kostenverlagerung, Betriebsauflagen und Untersuchungen räumlich naher Erzeugung. Die Netzbetreiber wollen außerdem klären, wie Kosten zurückgeholt und Kundenzahlungen auf ihre zulässigen Übertragungserlöse angerechnet werden. Dafür sei eine Abstimmung mit den staatlichen Stellen erforderlich.
Übertragungstarif und Endkundenrechnung liegen auf verschiedenen Ebenen
In ihrer Anordnung zu NYISO grenzt die FERC ihre Zuständigkeit ab. Sie hat die ausschließliche Zuständigkeit für bundesrechtlich regulierte Übertragungstarife und Tarifverfahren, die diese unmittelbar beeinflussen. Die Bundesstaaten entscheiden dagegen über Endkundenverkäufe und deren Tarife, die Kostenverteilung unter Endkunden, zulässige Stromanbieter und die Standortwahl von Kraftwerken.
Kostentransparenz wird dadurch zu einem praktischen Verbindungsglied. Nach Einschätzung der FERC können genauere Angaben zu den Kosten von Netzausbauten den staatlichen Regulierern helfen, über ihre Weitergabe in Endkundentarifen zu entscheiden. Die Übertragungsnetzbetreiber in New York erklärten, sie müssten mit der New York Public Service Commission zusammenarbeiten, damit Entscheidungen des Bundesstaats zur Kostenverteilung in die bundesrechtlichen Tarifvorschläge einfließen.
Ein Übertragungstarif kann eine Verpflichtung auf der Großhandelsebene festlegen; er entscheidet nicht allein darüber, welche Kundengruppe später welchen Betrag auf der Rechnung trägt.
ANOPR, Section 206, Section 205 und geltender Tarif sind getrennte Schritte
Die Advance Notice of Proposed Rulemaking im Verfahren RM26-4 ist ein breiterer Einstieg in eine mögliche Regelsetzung. Die sechs Verfahren nach Section 206 betreffen konkrete regionale Tarife. Eine Einreichung nach Section 205 ist ein Änderungsvorschlag des Netzbetreibers. Bis die FERC eine Änderung annimmt oder anderweitig handelt, gilt der vorhandene Tarif. Wer alle Schritte als „neue Regel“ beschreibt, macht aus einem künftigen Vorschlag eine angeblich bereits geltende Pflicht.
Die Gestaltungsfrage erinnert an Heng Lus Note 64: Der gemeinsame Kern sollte auf das Notwendige begrenzt bleiben, spätere Entscheidungen sollten möglichst nahe am operativen System fallen und eine veröffentlichte Vorlage darf nicht mit einer tatsächlich übernommenen Änderung verwechselt werden. Die Analogie hat Grenzen. Stromtarife unterliegen Bundes- und Landesrecht; ein RTO oder ISO kann gesetzliche Anforderungen nicht dadurch umgehen, dass es einen Vorschlag ablehnt.
Bisher hat die FERC vor allem Fragen und Fristen angeglichen, nicht die Tarifantworten. Die Aussetzung in New York beweist weder ein Scheitern des Verfahrens noch, dass Verzögerung folgenlos wäre. Sie zeigt, wie eine bundesrechtliche Prüfung regionale Tarifarbeit auslösen kann, ohne Dienst, Kostenverteilung oder Endkundenrechnung vorwegzunehmen. Ob die sechs Regionen vergleichbare Schutzvorkehrungen schaffen, wird sich in den eingereichten Tarifen und den Entscheidungen der FERC zeigen, nicht im Juni-Zeitplan allein.
Quellen
- FERC-Mitteilung vom 18. Juni zu den sechs Maßnahmen für große Lasten
- Anordnungen vom 18. Juni: PJM, EL26-67; MISO, EL26-70; SPP, EL26-68; CAISO, EL26-71; ISO-NE, EL26-72; NYISO, EL26-69
- FERC-Anordnung vom 14. August 2026 zur Aussetzung des NYISO-Verfahrens, EL26-69-000
- FERC-Verfahren RM26-4 zur ANOPR über große Lasten
- Heng Lu, Note 64: Minimum Initial Specification, Localized Future Decision, and Voluntary Adoption
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