Zusammenfassung

  • RIRs verfügen über Verträge, Registerverwaltung und dienstbezogene Hebel, nicht aber über die souveränen Zwangsbefugnisse einer gesetzlich geschaffenen Regulierungsbehörde.
  • Mit der Knappheit von IPv4 wird diese Grenze wichtiger: Eine gemeinschaftlich beschlossene Policy ist für sich genommen kein Rechtsinstrument, mit dem ein unwilliger Ressourceninhaber zum Handeln gezwungen werden kann.

ARIN, RIPE NCC, APNIC, LACNIC und AFRINIC erfüllen eine zentrale Funktion für die technische Ordnung des Internets. Sie verwalten und registrieren IP-Adressen und Autonomous System Numbers in ihren jeweiligen Regionen. Die Number Resource Organization beschreibt dieses System als regional organisierte Verwaltung der Internet-Nummernressourcen.

Diese Aufgabe ist für den weltweiten Betrieb wesentlich. Sie verleiht den Organisationen jedoch keine staatliche Hoheitsgewalt.

Am deutlichsten zeigt sich der Unterschied, wenn eine Organisation eine RIR-Policy nicht befolgen will.

Eine staatliche Regulierungsbehörde kann handeln, weil ein Gesetz ihr bestimmte Befugnisse einräumt. Je nach Rechtsordnung kann sie Sanktionen verhängen, gerichtliche Anordnungen beantragen oder andere staatliche Mechanismen einsetzen. Die Autorität eines RIR beruht auf einer anderen Grundlage: Dienstleistungsverträgen, Mitgliedschaftsregeln, Registerverfahren und Richtlinien, die in gemeinschaftlichen Policy-Prozessen entwickelt werden.

Hat ein Unternehmen solchen Bedingungen zugestimmt, können die Folgen durchaus erheblich sein. Ein Register kann, soweit seine Vereinbarungen dies zulassen, zukünftige Leistungen verweigern, einen Antrag nicht bearbeiten oder Korrekturen an Registrierungsdaten verlangen. Doch aus solchen administrativen Möglichkeiten entsteht keine allgemeine Befugnis, Bußgelder zu verhängen, Vermögenswerte einzuziehen oder außerhalb des Vertragsverhältnisses ein bestimmtes Verhalten zu erzwingen.

Besonders sichtbar wird die Grenze bei Legacy-IPv4-Ressourcen. Ein Teil dieser Adressblöcke wurde vergeben, bevor das heutige RIR-System entstand. Deshalb kann das Vertragsverhältnis zwischen einem Legacy-Inhaber und einem Register wesentlich anders aussehen als bei einem Mitglied, das Ressourcen auf Grundlage eines modernen Servicevertrags erhalten hat. Fehlt eine einschlägige Vereinbarung, erzeugt eine Community-Policy nicht allein dieselbe vertragliche Bindung.

Das bedeutet nicht, dass ein Ressourceninhaber außerhalb des Rechts steht. Welche Rechtsfolgen in einem konkreten Fall eintreten, hängt von Verträgen, anwendbarem Recht und gegebenenfalls Gerichtsentscheidungen ab. Der engere Punkt lautet: Das Policy-Verfahren eines RIR ist kein Gesetzgebungsverfahren.

Durch die Knappheit von IPv4 ist diese institutionelle Unterscheidung wirtschaftlich relevanter geworden. Transfers, Vermietung, operative Kontrolle und strittige Registereinträge können heute erhebliche Werte betreffen. Ein kooperatives System funktioniert besonders gut, wenn die Interessen der Beteiligten weitgehend übereinstimmen. Es verliert an Wirkung, wenn die Einhaltung einer Regel den Verzicht auf eine knappe Ressource oder eine bedeutende wirtschaftliche Chance bedeuten würde.

Genau darin liegt der institutionelle Tausch. RIRs wurden als dezentrale Koordinationsmechanismen aufgebaut, damit Betreiber, Provider und andere Beteiligte gemeinsame Regeln entwickeln können, ohne eine weltweite Regulierungsbehörde für Internetadressen zu schaffen. Der Preis dafür ist, dass Konsens nicht automatisch zu hoheitlicher Zwangsgewalt wird.

Auch nationale Zuständigkeit ändert daran nichts. Jedes RIR unterliegt dem Recht des Landes, in dem es organisiert ist. Gerichte können die Organisation innerhalb ihrer Zuständigkeit verbindlich verpflichten. Daraus folgt aber nicht, dass das RIR selbst weltweite souveräne Zuständigkeit über alle Inhaber oder Nutzer von Nummernressourcen besitzt.

Bei jeder Behauptung, ein RIR „setze“ eine Policy „durch“, sollte deshalb zuerst der tatsächliche Mechanismus geprüft werden: Wird ein Vertrag vollzogen? Eine administrative Leistung verweigert? Ein Registereintrag auf Grundlage vereinbarter Bedingungen geändert? Eine gerichtliche Entscheidung umgesetzt? Oder beruht der Druck vor allem auf Community-Normen?

RIRs können wirksame globale Koordinatoren sein, ohne Regulierungsbehörden zu sein. Problematisch wird es erst, wenn beides gleichgesetzt wird. Echte hoheitliche Durchsetzungsbefugnisse würden Gesetze, Verträge zwischen Staaten oder andere neue Rechtsrahmen erfordern. Das wäre keine bloße Verstärkung des bestehenden Modells, sondern eine Veränderung dessen, was ein RIR institutionell ist.

Quellen