Zusammenfassung

  • Die feste Verbindung Wien–CERN ging im Februar 1990 mit IBMs SNA in Betrieb; Peter Rastl datiert den TCP/IP-Betrieb auf den 10. August.
  • ACOnets nationales Hochschulnetz war eine getrennte Infrastruktur: Es begann als X.25-Ring und wechselte 1992 zu einem IP-Kernnetz.

Die Aussage, „Österreich wurde 1990 ans Internet angeschlossen“, fasst verschiedene Geschichten in einem Datum zusammen. Gemeint sein können der Zugang von Forschenden zu internationalen Netzen, die Inbetriebnahme einer Mietleitung zu einem ausländischen Forschungszentrum, der TCP/IP-Betrieb auf dieser Leitung oder der Einsatz von IP im nationalen Backbone. Die Quellen stellen diese Ereignisse nicht als gleichzeitig dar.

Die erste Unterscheidung reicht bis 1985 zurück. Laut der institutionellen Chronik der Universität Wien erhielten österreichische Universitäten damals erstmals Zugang zu internationalen Datennetzen wie EARN und Usenet. Peter Rastl, der das Rechenzentrum der Universität leitete, erinnerte sich später an einen gewissen Internetzugang über Einwahlverbindungen schon vor der Standleitung. Das sind unterschiedliche Dienste; sie belegen nicht, dass Österreich 1985 bereits ein nationales Internet-Backbone hatte.

Auch die Mietleitung zwischen Wien und Genf hatte mehr als einen Anfang. In einem Interview von 2010 sagte Rastl, der Antrag an die österreichische Post- und Telegraphenverwaltung sei am 12. Juni 1988 gestellt und am 31. Oktober genehmigt worden. Am 10. Februar 1990 ging die Leitung in Betrieb, nutzte für die Verbindung zum Rechenzentrum des CERN zunächst aber IBMs Netzwerkprotokoll SNA. Der Betrieb der Leitung als physische Verbindung begann also vor ihrem Einsatz mit TCP/IP.

Den Protokollwechsel datierte Rastl auf den 10. August 1990. Die Verbindung „Geneve-Wien NP1“ führte danach TCP/IP zwischen dem IBM-Großrechner der Universität Wien und dem CERN. Der Wiener Abschnitt hatte 64 Kilobit pro Sekunde. Das CERN verfügte seinerseits über eine T1-Verbindung mit 1,5 Megabit pro Sekunde zum US-amerikanischen NSFNET. Die höhere Geschwindigkeit galt für den transatlantischen Abschnitt des CERN, nicht für die österreichische Leitung. Die Verbindung brachte einen lokalen Universitätsrechner in ein internationales Forschungsnetz; Wien wurde dadurch nicht zum direkten Endpunkt der US-Leitung.

Parallel dazu baute ACOnet eine andere Netzebene auf. Die erste österreichweite Infrastruktur des Austrian Academic Computer Network war ein privater X.25-Ring, der die Hochschulstandorte Wien, Graz, Leoben, Klagenfurt, Innsbruck, Salzburg und Linz verband. Die Leitungen arbeiteten anfangs mit 9,6 Kilobit pro Sekunde und später mit 64 Kilobit. ACOnet konnte mit dem Internet und anderen Forschungsnetzen verbunden sein, während das eigene nationale Trägernetz weiterhin X.25 verwendete. „Ans Internet angeschlossen“ und „ein nationales Backbone mit IP“ waren keine gleichbedeutenden Aussagen.

Dieser Unterschied bestand bis 1992. Die offizielle ACOnet-Geschichte datiert den Wechsel von X.25 zu IP auf dieses Jahr. Der neue Kern bildete ein Dreieck zwischen Wien, Linz und Graz; weitere Standorte waren an diese Knoten angebunden. Die Leitungen liefen damals mit 64 oder 128 Kilobit pro Sekunde. Die Chronik der Universität Wien hält getrennt davon fest, dass ihr Rechenzentrum 1992 offiziell die Betriebsverantwortung für ACOnet übernahm. Walter Kunfts Netzstatusbericht von 1992 beschrieb das österreichische Wissenschaftsnetz noch als privates X.25-Netz und erörterte eine Mehrprotokoll-Umstellung mit IP, ISO CLNS und X.25.

Zusammen dokumentieren die Quellen einen laufenden Übergang, keinen landesweiten Protokollwechsel an einem einzigen Tag.

Rastls Rückblick von 1996 ergänzt eine wirtschaftliche und regionale Perspektive. Demnach wurden die internationalen Leitungen 1992 auf 256 Kilobit pro Sekunde erhöht; später beschreibt er die Zusammenarbeit mit Forschungsnetzen in Mittel- und Osteuropa. Der RIPE-54-Bericht vom Prager Treffen 1992 dokumentiert einen ACOnet-Vorschlag für doppelte Verbindungen über Wien und Linz nach Bulgarien, in die Tschechoslowakei, nach Ungarn und Polen. Das war ein Vorschlag in einer regionalen Koordinierungsrunde, kein Nachweis dafür, dass alle geplanten Leitungen bereits liefen.

Welches Datum zählt, hängt daher von der Frage ab. Der 10. August markiert den TCP/IP-Betrieb einer festen internationalen Leitung. Der X.25-Ring steht für eine frühe gemeinsame nationale Hochschulinfrastruktur. Der Umbau von 1992 markiert den Wechsel von ACOnets Kern zu IP und eine Änderung der Betriebsverantwortung. Ein einziges „Anschlussdatum“ ist nur dann eine brauchbare Abkürzung, wenn die gemeinte Netzebene genannt wird.

Quellen

Der redaktionelle Blick bezieht sich auf Lu Hengs Note 65, „Running-Code Primacy“ und Note 64 über minimale Anfangsspezifikationen und freiwillige Übernahme. Diese Notizen dienen als Deutungsrahmen, nicht als Quellen für die österreichische Chronologie.