Zusammenfassung

  • InterLAN-IX sagt auf der RIPE 93 ausdrücklich, ein Teilnehmer habe in Bukarest, Frankfurt und Sofia „the same conditions so the same prices for the ports“ – begründet wird das mit einem Ökosystem, das für alle gleich sein soll.
  • Dieselbe verteilte Layer-2-Plattform verlangt laut Betreiber Zwischenverbindungen mit genug Kapazität und Redundanz gegen Transportausfälle, „a lot of costs“; ein Porttarif in Euro oder Leu, ein Transportbudget und eine Aufteilung zwischen Mitgliedsbeiträgen und Handelsverträgen sind nicht veröffentlicht.

Der Satz, der den Preis von der Geografie trennt

Es ist ein Satz, wie ihn Betreiber auf Konferenzen selten sagen, weil er später gegen sie verwendet werden kann. „if you connect in Bucharest, Frankfurt or Sofia, you have the same conditions so the same prices for the ports“, sagte Eric Andrei Băleanu von InterLAN-IX in der Sitzung 167 der RIPE 93 (Sitzungstranskript, RIPE 93). Und er wiederholte die Formel gleich darauf in voller Länge: gleiche Bedingungen, gleiche Preise, egal ob Bukarest, eine andere Stadt oder Frankfurt und Sofia – „because we wanted to build an interconnection ecosystem which should be equal for everybody so everybody can access in the same conditions“.

An dieser Stelle lohnt es, kurz innezuhalten und zu benennen, was der Satz ökonomisch ist. Er ist kein Rabatt und keine Sonderaktion, sondern eine Tarifregel mit einer Besonderheit: Die Preisfunktion enthält keine Distanzvariable mehr. Ein Port ist ein Port, ob er am Ursprung des Netzes sitzt oder dreihundert Meter Glasfaser von einem Frankfurter Rechenzentrum entfernt. Wer physische Netze kalkuliert, weiß, wie ungewöhnlich das ist. Normalerweise kauft man mit einem entfernten Standort immer auch die Strecke dorthin – als Mietleitung, als Dunkelfaser, als Wellenlänge, als Transportdienst.

InterLAN-IX kauft diese Strecke selbst ein und verkauft sie nicht weiter. Genau das ist der Mechanismus, den dieser Text auseinandernimmt.

Die Strecke, die im Preis nicht auftaucht, aber bezahlt wird

Der Betreiber sagt selbst, was der verteilte Betrieb kostet. Die Passage ist ungewöhnlich direkt: „Extending shared layer 2 peering platform across these cities, across the cities across Romania. So this introduces additional transport and operational complexity because for the interlink, for the inter-POP links, we must provide enough capacity for traffic and also redundancy is essential to minimise the impact of transport failures so we have to ensure that we have enough capacity and resilience for this point of presence so we have a lot of costs with this“ (RIPE-93-Sitzung 167, Transkript).

Zerlegt man diesen Satz in seine Bestandteile, steht dort eine vollständige Kostenarchitektur. Erstens Kapazität: Die Verbindungen zwischen den Standorten müssen den Verkehr tragen, nicht nur den Durchschnitt, sondern die Spitzen. Zweitens Redundanz: Es muss mehr als einen Weg geben, sonst wird ein einzelner Leitungsausfall zu einem Ausfall des Austauschpunkts in mehreren Städten gleichzeitig. Drittens Betrieb: Redundanz, die niemand überwacht, ist keine Redundanz. Viertens, und das ist der entscheidende Teil, explizit Kosten – „a lot of costs with this“.

Eine verteilte Layer-2-Plattform ist damit etwas grundsätzlich anderes als eine Peering-Fabric in einem einzigen Rechenzentrum. In einem Saal ist ein Cross-Connect ein Patchkabel und ein Port eine Portnummer. Über mehrere Städte hinweg ist jeder Port implizit auch ein Anspruch auf ein Transportnetz, dessen Dimensionierung niemand sieht, der nur den Portpreis liest. Der Betreiber hat die Wahl, die er getroffen hat: Er bepreist den Port und internalisiert die Strecke.

Neun Standorte auf der Folie, siebzehn Sites auf der Website

Wer wissen will, welche Geografie in diesem Preis steckt, bekommt vom Betreiber zwei verschiedene Antworten – keine widersprüchliche Rechnung, aber zwei Zählungen, die in keinem der beiden Dokumente zusammengeführt werden.

In der Sitzung beschreibt InterLAN-IX eine verteilte Layer-2-Plattform über mehrere Standorte und sagt: „we operate distributed exchange layer 2 platform across multiple points of presence in Romania, as you can see we have now nine points of presence across Romania“ (Transkript). Außerhalb Rumäniens nennt derselbe Redebeitrag Frankfurt, „built I think ten years ago or more“, sowie Sofia, „we open the pop -- the point of presence in Sofia last year was opened in Telepoint“.

Die eigene Website des Betreibers nennt an derselben Stelle, an der sie Interfaces und Verkehr beschreibt, „17 sites“ – nach der Zusammenfassung der Seite durch die Recherche, nicht als wörtlich zitierter Satz (InterLAN-IX, About us). Neun rumänische PoPs plus Frankfurt plus Sofia ergeben elf; siebzehn ist mehr, und keine der beiden Veröffentlichungen erklärt, was in der jeweils anderen Zählung enthalten ist. Punkte des Austauschs, Rechenzentren, Adressen, Service-Standorte und historische Momentaufnahmen sind fünf verschiedene Dinge, die alle „site“ heißen können.

Das ist keine Petitesse. Wenn die Zahl der Standorte die Höhe des internalisierten Transportbudgets bestimmt, dann ist die Differenz zwischen neun und siebzehn keine Datenhygiene, sondern ein unbezifferter Kostenblock. Und es ist ein Punkt, an dem eine wohlwollende Lesart und eine strenge auseinandergehen: Die wohlwollende sagt, der Betreiber zähle in verschiedenen Einheiten, weil das eine die Peering-Fabric und das andere die Präsenzpunkte seien. Die strenge sagt, ohne Definition ist keine der beiden Zahlen überprüfbar, und der Preis, der auf ihnen beruht, auch nicht.

Ein Verein besitzt das Unternehmen, das die Ports verkauft

Die Governance-Seite ist die interessanteste, weil sie erklärt, warum ein Unternehmen einen Tarif wählen kann, der die eigene Marge belastet.

Der Betreiber beschreibt sich so: „InterLAN-IX is a private company with Romanian capital entirely owned by the Interlan Association, a non-profit organization of Romanian Internet access service providers“ (About us). Weiter: „Starting with 2008 InterLAN-IX is a full rights member of Euro-IX... and starting with 2015 it is a full rights member of RIPE NCC“. Der Verein selbst wurde, so der Redebeitrag in der Sitzung, 2005 in Bukarest mit rund 20 Mitgliedern gegründet; 2008 kam der Beitritt zu Euro-IX (Transkript).

Damit ist die Gleichheitsregel keine Marketingentscheidung eines Fernverkehrsanbieters, sondern Satzungspolitik einer Mitgliederorganisation. Wer die Preise setzt, sitzt auf der einen Seite des Tisches als Eigentümer eines gemeinnützigen Vereins; wer die Transportkosten trägt, sitzt auf derselben Seite. Das ist keine Kritik, sondern die Erklärung dafür, dass ein Tarif ohne Distanzvariable überhaupt stabil sein kann: Die Differenz zwischen dem Preis eines Frankfurter Ports und den Kosten, ihn in Frankfurt zu bedienen, wird nicht als Verlust verbucht, das sie von einem Gewinnmaximierer wegdefiniert würde, sondern als Mitgliederleistung.

Nur hat diese Konstruktion einen Preis, den niemand auf einer Rechnung findet. Solange die Kostendifferenz aus dem Überschuss des Austauschpunkts, aus Mitgliedsbeiträgen oder aus Sponsoring gedeckt wird, ist sie eine Subvention – und Subventionen sind stabil, bis die Substanz oder der Konsens endet.

Wer sitzt in der einen, wer in der anderen Preiskategorie?

Der zweite Mechanismus, der in der Sitzung nur gestreift wird, betrifft die Frage, wer überhaupt zu dem Preis Zugang hat. Nach der Zusammenfassung der Sitzung durch die Recherche beschreibt der Betreiber eine Mitgliedschaft im Verein für lokale und kleine Betreiber und kommerzielle Vereinbarungen für größere Betreiber. Diese Unterscheidung ist in keinem Vertragsdokument belegt, das in diesem Lauf erfasst wurde; sie ist berichtet, nicht verifiziert.

Sie ist trotzdem strukturell bedeutsam, weil sie den Gleichheitsbegriff präzisiert. Gleiche Preise für den Port heißt nicht gleiche Bedingungen für den Zugang zum Netz. Ein kleiner ISP, der über eine Vereinsmitgliedschaft an einen Port in seiner Stadt kommt, und ein großer Betreiber mit Handelsvertrag über mehrere Standorte sind zwei verschiedene Kunden desselben Produkts. Der eine zahlt womöglich eine Mitgliedschaft, die den Transport mitfinanziert; der andere zahlt einen Portpreis, der ihn nicht mitfinanziert.

Für den Leser, der über einen Anschluss nachdenkt, ist das die praktischste unbeantwortete Frage des ganzen Arrangements. Der Portpreis ist bekanntlich gleich. Was zusätzlich anfällt – Mitgliedschaft, Verkehrsvolumen, Vertragsbindung, Standortwahl – ist es nicht.

Was der Betreiber über sich selbst sagt, und wie belastbar das ist

Die Website des Betreibers liefert die Kennzahlen, die in jeder Präsentation auftauchen: Interfaces über Kupfer und Glasfaser mit 1 Gbps sowie 10, 40 und 100 Gbps, „180+ autonomous systems“, eine Tagesspitze über 1 Tbps und die bereits erwähnten siebzehn Sites. Diese Angaben stammen aus der Zusammenfassung der Seite durch die Rechercheschicht, nicht aus einem wörtlich erfassten Satz (About us).

Für die Sitzung wird berichtet, es seien mehr als 150 Netze angeschlossen, darunter ISPs, Content-Delivery-Netze und Teilnehmer aus Moldau, Bulgarien, Ungarn, Serbien und der Ukraine. Auch das war nicht Teil des wörtlich erfassten Auszugs und ist deshalb als berichtete Sitzungszahl zu behandeln, nicht als Zitat (Transkript).

Der Unterschied zwischen 180+ autonomen Systemen auf der Website und 150+ angeschlossenen Netzen in der Sitzungserzählung ist kein Widerspruch, sondern eine Definitionsfrage mit Folge für den Preis: Ein autonomes System mit Präsenz am Austauschpunkt und ein angeschlossenes Netz mit Peering-Session sind nicht dieselbe Einheit. Wer die Tragfähigkeit des Geschäftsmodells beurteilen will, muss wissen, welche Zahl die Grundlage der Kostenverteilung ist. Keine der beiden Veröffentlichungen sagt das.

Die eigentliche Rechnung: Ein Preis ohne Distanz braucht eine Bilanz mit Distanz

Der Mechanismus, den InterLAN-IX betreibt, lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Ein Teilnehmer, der einen Port in Frankfurt zum Bukarester Preis kauft, erhält dasselbe Produkt zum gleichen Nominalpreis, unabhängig von der Transportentfernung dahinter. Die Transportrechnung wird über die Teilnehmerbasis sozialisiert und aus der Marge, aus Sponsoring oder aus Mitgliedsbeiträgen des Austauschpunkts bezahlt, nicht pro Port.

Dieser Mechanismus funktioniert, solange zwei Bedingungen gelten. Erstens muss Transportkapazität relativ zum Portpreis billig sein. Zweitens müssen redundante Wege beschaffbar sein, also Rechte, Leitungen, Rechenzentrumsflächen und Betriebspersonal an mehreren Orten gleichzeitig. Beide Bedingungen sind Umgebungsvariablen, keine Politik: Sie hängen an Glasfaserpreisen, an Genehmigungen, an der Zahl konkurrierender Anbieter auf einer Route – und daran, ob der Betreiber einen Ausfallweg überhaupt bekommt.

Fällt eine der beiden Bedingungen aus, wird die Regel sichtbar. Der Preis kann am entfernten Standort nicht steigen, ohne die Gleichheit zu brechen, die der Betreiber als Zweck benannt hat. Also muss die Differenz woanders herkommen: aus dem Überschuss, aus dem Verein, aus einer Quersubventionierung zwischen Standorten. Das ist der Punkt, an dem eine elegante Mitgliederpolitik zu einer Frage der Substanz wird.

Für den Außenstehenden ist das zentrale Problem nicht die Regel, sondern ihre Unsichtbarkeit. Es gibt in dem erfassten Material keinen Porttarif in Euro oder Leu, für keine Geschwindigkeit und keinen Standort. Es gibt keine veröffentlichte Summe für Transportkosten, keine Angabe zur Anzahl der Zwischenverbindungen, keine Aussage zu Lieferanten oder Vertragslaufzeiten. Und es gibt kein Dokument, das erklärt, wie die Transportrechnung zwischen Mitgliedsbeiträgen und kommerziellen Anschlüssen aufgeteilt wird.

Damit ist der Satz „the same prices for the ports“ wahr und trotzdem nicht kalkulierbar. Ein Käufer kann sich auf die Gleichheit des Preises verlassen. Auf seine Dauer kann er sich nicht verlassen, weil die Bedingung, unter der sie gilt, nicht veröffentlicht ist.

Warum das mehr ist als eine Preisnotiz

Peering-Preise sind traditionell eines der wenigen Felder, in denen Distanz offen eingepreist wird. Wer einen Port in Frankfurt will, zahlt für Frankfurt – Fläche, Strom, Kühlung, Personal, Anbindung. Die Gleichheit über Standorte hinweg ist deshalb nicht nur ein Rabatt, sondern eine Aussage über das Geschäftsmodell: Der Austauschpunkt verkauft Zugang zu einem Netz, nicht Zugang zu einem Gebäude.

Das ist eine bewusst gewählte Positionierung gegenüber den großen europäischen Drehkreuzen, wo Präsenz in mehreren Metropolen normalerweise bedeutet, mehrere Produkte zu kaufen. InterLAN-IX beantwortet das mit einem Preis und einer Plattform – und mit dem Eingeständnis, dass die Plattform intern teurer ist, als sie nach außen aussieht.

Die Ironie liegt darin, dass diese Offenheit nur halb ist. Der Betreiber sagt freiwillig, dass die Zwischenverbindungen viel Geld kosten. Er sagt nicht, wie viel. Er sagt, dass alle gleiche Bedingungen haben. Er sagt nicht, unter welchen Voraussetzungen man teilnehmen darf. Er nennt neun PoPs und siebzehn Sites. Er erklärt nicht, was die Zahl jeweils umfasst.

Was daraus für den Leser folgt

Wer einen Port in Bukarest, einer rumänischen Regionalstadt, Frankfurt oder Sofia erwägt, kann aus dem erfassten Material drei Dinge mitnehmen. Erstens: Der Portpreis ist an keinem dieser Orte an die Entfernung gekoppelt, das ist erklärte Politik und nicht Verhandlungssache. Zweitens: Die Bedingungen des Zugangs unterscheiden sich sehr wahrscheinlich nach Größe und Rechtsform des Teilnehmers, auch wenn die Vertragsdokumente dazu nicht öffentlich sind. Drittens: Die Fähigkeit des Betreibers, diese Gleichheit durchzuhalten, hängt an einem Transportbudget, das niemand außerhalb des Hauses kennt.

Wer investiert, reguliert oder schlicht wissen will, ob der Austauschpunkt an einem bestimmten Ort belastbar ist, hat damit eine klare offene Frage statt einer unklaren Antwort: Wie viel kostet die Strecke, die der Preis nicht enthält? Solange sie nicht veröffentlicht ist, ist der Gleichheitspreis eine Zusage über die Gegenwart, keine über die Zukunft.

Die vollständige Verzeichnisnotiz zum Betreiber, inklusive der dort gepflegten Kennzahlen, steht unter InterLAN Internet Exchange SRL im Verzeichnis Nur für den Strategischen Kreis.

Schluss

Der einheitliche Portpreis ist echte, erklärte Politik und kein Marketingunfall. Der RIPE-93-Beitrag macht den Kompromiss ungewöhnlich explizit: gleiche Bedingungen für jeden Teilnehmer, erkauft mit Transportkapazität und Redundanz, die der Austauschpunkt selbst finanziert. Was von außen unerkennbar bleibt, ist die Arithmetik – kein veröffentlichter Tarif, keine Transportkostenzahl, keine Aufteilung zwischen Vereinsmitgliedschaft und kommerziellen Vereinbarungen. Bis eine dieser Größen auftaucht, können Käufer auf die Gleichheit des Preises bauen, nicht aber auf seine Dauerhaftigkeit.