Zusammenfassung

  • ICANN bestätigt eine Zahlung von 40.000 US-Dollar für Smart Africas Internet Governance Blueprint sowie administrative Unterstützung für regionale Dialoge während ICANN-Tagungen.
  • Smart Africa und sein Berater nahmen CAIGA in das finanzierte Projekt auf. Die Agenda von ICANN83 nennt die Schaffung von CAIGA, die Fertigstellung seiner Dokumente und die Suche nach ICANN-Hinweisen für ein öffentliches Kommentierungsverfahren.
  • Smart Africa erklärte später, sieben von acht Kandidaten seiner Koalition hätten die AFRINIC-Wahl im September gewonnen. Zugleich kündigte die Organisation Zusammenarbeit mit dem neuen Board und die Fortführung von CAIGA an.
  • ICANN bestritt am 28. Mai 2026, Kandidaten unterstützt, das Wahldesign koordiniert oder Kandidatenentwicklung, Vorauswahl, Nominierungen beziehungsweise Wahlaktivitäten finanziert zu haben.
  • Belegt ist institutionelle Befähigung des Umfelds. Nicht belegt sind Kandidatenfinanzierung, Auswahl der Liste oder Steuerung des Wahlergebnisses.

Was ICANN am 28. Mai verneinte

Der jüngste Anker des Vorgangs ist ein Brief von ICANN-Chef Kurt Erik Lindqvist an das AFRINIC-Ressourcenmitglied Amin Dayekh. Dayekh hatte nach einem von Smart Africa einberufenen Treffen im April 2025 gefragt.

ICANN erklärte, zu dem Treffen als Beobachter eingeladen worden zu sein, die Teilnahme aber aus Gründen der Neutralität abgelehnt zu haben. Die Organisation habe weder bei der Wahl im Juni noch bei jener im September 2025 Kandidaten unterstützt. Sie habe mit Smart Africa weder Wahldesign noch Wahlablauf koordiniert.

Auch zur Finanzierung wird der Brief konkret: Die Unterstützung des Internet Governance Blueprint habe keine Arbeiten an AFRINIC-Wahlen, Kandidatenentwicklung, Vorauswahl oder Nominierung umfasst.

Im eingefrorenen Quellenpaket findet sich kein Dokument, das diese einzelnen Aussagen widerlegt. Deshalb wäre es journalistisch falsch, ICANN als Geldgeber der Kandidaten oder Konstrukteur der Koalitionsliste darzustellen.

Der Brief verweist jedoch ausdrücklich auf die frühere Zusammenarbeit am Blueprint und auf CAIGA. Er beendet also nicht die Untersuchung des institutionellen Umfelds, sondern zieht eine Beweisgrenze um den direkten Wahleingriff.

Vor der Distanzierung stand eine Überweisung

ICANN und Smart Africa schlossen nach ICANNs Darstellung im November 2024 eine Absichtserklärung. Es folgte ein Projektvertrag, nach dem Smart Africa ein Referenzdokument und eine langfristige Roadmap zur Internet Governance in Afrika erstellen sollte. ICANN steuerte 40.000 US-Dollar bei.

Die Organisation betont, der Vertragszweck habe allgemeine Governance-Fragen betroffen und nicht die Ordnung der Regional Internet Registries. Es habe keine Weisung gegeben, AFRINIC zu verändern oder eine Ersatzstruktur zu entwerfen.

Diese Einschränkung verhindert die Behauptung, das Geld sei ausdrücklich für eine Übernahme AFRINICs bestimmt gewesen. Der Brief vom 24. November 2025 an den NCSG-Vorsitzenden Rafik Dammak enthält aber die zweite Hälfte des Sachverhalts: Smart Africa und sein Berater nahmen CAIGA in den durch das Projekt erstellten Blueprint auf.

Förderzweck und Ergebnis müssen daher getrennt, aber gemeinsam bewertet werden. Geld beweist keine Autorenschaft und keine Zustimmung. Es verschafft dennoch Arbeitsfähigkeit. Es finanziert Beratung, Koordination und die Herstellung eines Dokuments, das anschließend in die AFRINIC-Governance eingriff.

ICANN sagt, CAIGA weder vorab geprüft noch gebilligt zu haben. Bei Bitten um inhaltliche Hilfe habe man nur auf öffentlich zugängliche Unterlagen wie ICP-2 verwiesen. Außerdem werde ICANN an keinem staatlichen Übersteuerungsmechanismus mitwirken. Diese Aussagen begrenzen den Vorwurf; sie machen die Förderung nicht ungeschehen.

Die Prager Agenda zeigt institutionellen Zugang

Die zweiseitige Agenda der Smart-Africa-Treffen am Rande von ICANN83 trägt die Zeichen von ICANN, Coalition for Digital Africa, Weltbank und Smart Africa. Vorgesehen waren eine Einführung durch ICANN und Eröffnungsbeiträge der Spitzen von ICANN und Smart Africa.

Unter den Arbeitspunkten standen eine Vereinbarung zur Gründung von CAIGA, die Fertigstellung seiner Dokumente für einen offiziellen Start und die Bitte um ICANN-Hinweise zum öffentlichen Kommentierungsprozess. Für eine spätere Diskussionsrunde war ein Vertreter der ICANN-Initiative Coalition for Digital Africa aufgeführt.

Diese Agenda beweist nicht, dass ICANN den CAIGA-Text verfasste. Logos machen auch nicht jede genannte Organisation zum Miturheber. Die Unterlage belegt aber Raum, Zeit, Sichtbarkeit, hochrangigen Zugang und eine Verbindung zu etablierten Verfahren.

Solche Ressourcen sind praktisch wertvoll. Sie senken Organisationskosten und lassen ein Vorhaben als Teil eines anerkannten institutionellen Prozesses erscheinen. ICANN räumt selbst ein, Smart Africas regionale Dialoge seit ICANN80 administrativ unterstützt zu haben.

Im Novemberbrief heißt es zudem, ICANN-Tagungen hätten einen Teil des Dialogs ermöglicht und würden dies weiterhin tun. Für eine vollständige Konsultation sei allerdings Smart Africa verantwortlich. Genau hier liegt die Haftungsfrage: Die Plattform ermöglicht den Prozess, erklärt sich aber für dessen Repräsentativität und Reichweite nicht zuständig.

Smart Africa verband Wahlerfolg, Board und CAIGA

Am 9. September 2025 rief Smart Africa AFRINIC-Mitglieder zur Wahl auf und erklärte, gemeinsam mit Partnern eine einheitliche Kandidatenkoalition zu unterstützen.

Nach der Abstimmung behauptete die Organisation, sieben von acht Koalitionskandidaten seien gewählt worden. Sie bezeichnete das Ergebnis als Sieg und Meilenstein. Außerdem erklärte sie, im Mandat ihrer Staats- und Regierungschefs gehandelt zu haben.

In derselben Mitteilung versprach Smart Africa, mit dem neu gewählten AFRINIC-Board zusammenzuarbeiten und CAIGA entsprechend den bereits von Mitgliedstaaten gebilligten Leitlinien voranzutreiben. Damit stellte Smart Africa Koalitionserfolg, Board-Beziehung und CAIGA selbst als zusammenhängendes politisches Programm dar.

Daraus folgt nicht, dass ICANNs Geld sieben Wahlsieger erzeugte. Ebenso wenig folgt daraus, dass ICANN die Kandidaten auswählte. Es zeigt aber, weshalb die frühere Förderung nicht nur als allgemeines Schulungsprogramm ohne Bezug zur späteren Machtordnung bewertet werden kann.

Auch das behauptete Mandat hat Grenzen. Smart Africas Mitgliedstaaten können der Organisation politische Aufträge geben. Daraus entsteht nicht automatisch eine Bevollmächtigung durch AFRINIC-Mitglieder, Netzbetreiber oder alle Internetnutzer eines Kontinents.

Lu Heng trennt in seinen Notizen betroffene Stakeholder, institutionelle Vertreter und tatsächlich bevollmächtigte Prinzipale. Teilnahme und wiederholte Berufung auf eine Community ersetzen nicht die Zustimmung jener, die den wirtschaftlichen und operativen Schaden tragen.

Sieben Sitze sind kein rechtskräftiges Gütesiegel

Smart Africas Sieben-von-acht-Erzählung vermittelt breite Unterstützung. Sie ist eine politische Darstellung der Organisation und kein gerichtliches Endurteil über die Wahl.

NRS vertritt die Position, die Wahl im September sei weder rechtmäßig noch endgültig abgeschlossen, bleibe umstritten und dürfe nicht als erledigt behandelt werden. Das ist die Position von NRS, keine richterliche Feststellung. Auch das geschlossene Quellenpaket enthält kein abschließendes Urteil, das das gegenwärtige Board bestätigt oder verwirft.

Die präzise Formulierung lautet deshalb: Smart Africa beanspruchte sieben Wahlsiege und kündigte Kooperation mit dem Board an; dessen endgültige Rechtsstellung blieb in den geprüften Quellen umstritten.

Gerade in dieser Schwebe wirkt äußere Unterstützung stärker. Geld, Tagungszugang und institutionelle Nähe können eine Zusammenarbeit normalisieren, bevor die Legitimität des Boards abschließend geklärt ist. Eine spätere Erklärung, niemanden unterstützt zu haben, setzt die Uhr nicht zurück.

Unterstützung wirkt auch ohne förmliche Billigung

ICANN zieht nachvollziehbare Grenzen: kein Auftrag zur AFRINIC-Reform, keine Vorabgenehmigung von CAIGA und kein Eingriff in die Wahl. Diese Grenzen sind solange zu beachten, bis neue Belege vorliegen.

Macht zeigt sich jedoch nicht nur in einer formellen Unterschrift. 40.000 US-Dollar schaffen Kapazität. Administrative Hilfe schafft Kontinuität. Ein Platz bei ICANN83 schafft Sichtbarkeit und Zugang. Smart Africa verband später den behaupteten Wahlerfolg mit dem Board und dem weiteren CAIGA-Prozess.

Lu Heng beschreibt die Struktur in Note 52 als Befähigung zuerst und formelle Distanz später: Finanzierung, Ort und prozeduraler Sauerstoff auf der einen Seite, begrenzte Verantwortung für das Ergebnis auf der anderen. Für diese Analyse braucht es keinen unbelegten Vorwurf der Kandidatenfinanzierung.

Ein transparenteres Gegenmodell lag nahe. ICANN hätte RIR-Governance im Projektvertrag ausdrücklich ausschließen, Vertrag und Arbeitsergebnisse vollständig veröffentlichen, CAIGA-Arbeit bis zu einer Mitgliederkonsultation aus gebrandeten ICANN-Räumen heraushalten und sämtliche wahlbezogenen Kontakte in einem prüfbaren Register offenlegen können.

Das Fazit ist begrenzt, aber eindeutig. Dieses Quellenpaket beweist nicht, dass ICANN AFRINIC-Kandidaten bezahlte oder das Wahlergebnis steuerte. Es beweist finanzielle, administrative und institutionelle Hilfe für das breitere Smart-Africa-Projekt, in dem CAIGA entstand. Fehlende förmliche Billigung macht diese Ressourcen nicht politisch wirkungslos.

Die ausführliche institutionelle Analyse bietet BTW Research: ICANNs AFRINIC-Widerspruch und die Finanzierung eines staatlich geführten Machtprojekts.

Sources