Zusammenfassung

  • Bentley meldete zum 30. Juni 2026 einen ARR von 1,535988 Milliarden US-Dollar. 51 Prozent entstanden, indem die zuletzt über drei Monate erfassten Umsätze aus vertraglich wiederkehrenden Verbrauchsabonnements mit Messzeiträumen unter einem Jahr annualisiert wurden.
  • Die Schätzung ist operativ unterlegt: 99 Prozent Kontenbindung, 109 Prozent dollarbasierte Nettobindung wiederkehrender Umsätze, eine unveränderte 51-Prozent-Quote und 1,485992 Milliarden US-Dollar wiederkehrender Zwölfmonatsumsatz.
  • 496,322 Millionen US-Dollar CSS-Einlagen sind bezahlt, aber noch nicht verbraucht und können übertragen oder erstattet werden. 280,641 Millionen US-Dollar verbleibende Leistungsverpflichtungen betreffen künftige Leistung. Beide Salden folgen anderen Regeln als ARR.

Der schnelle und der langsame Takt

Bentleys ARR stieg von 1,379161 Milliarden US-Dollar im Vorjahr auf 1,535988 Milliarden US-Dollar. Auf Basis konstanter Wechselkurse betrug das Wachstum 12 Prozent. Hinter der einen Wachstumszahl stehen zwei Messungen.

Der erste Bestandteil ist der annualisierte Wert des Vertragsportfolios, das am Periodenende wiederkehrende Umsätze erzeugt. Der zweite ist der annualisierte Wert der in den letzten drei Monaten bereits erfassten Umsätze aus vertraglich wiederkehrenden, verbrauchsbasierten Softwareabonnements, deren Verbrauchszeiträume kürzer als ein Jahr sind. Bentley verwendet dabei Kassakurse.

Die zweite Methode lieferte im Juni 2026 und im Juni 2025 jeweils 51 Prozent des gesamten ARR. Sie ist also keine neu eingeführte Verstärkung des aktuellen Quartals. Trotzdem bleibt der Zeitunterschied: Drei beobachtete Monate erhalten das Gewicht eines ganzen Jahres.

Die Formulierung „unvertraglich“ wäre falsch. Bentley spricht ausdrücklich von vertraglich wiederkehrenden Abonnements, und die Ausgangsgröße ist bereits erfasster Umsatz, keine Absatzprognose. Unbestimmt ist die künftige Verbrauchsmenge innerhalb des Vertrags.

Bei Infrastrukturprojekten ist dieser Unterschied materiell. In einer intensiven Planungsphase können Nutzerzahl und tägliche Anwendung steigen. Nach dem Abschluss einer Entwurfs- oder Koordinationsphase kann sich der Bedarf verändern. Die Dreimonatshochrechnung erkennt Expansion schneller als ein rückblickendes Jahr. Sie kann einen Projektgipfel aber auch zu lange fortschreiben.

ARR ist damit ein empfindlicher Betriebsindikator. Er ist keine Aussage, dass jeder ausgewiesene Dollar bereits einer zukünftigen Leistungsverpflichtung zugeordnet wurde. Dass der 51-Prozent-Anteil stabil blieb, spricht für eine konsistente Methode; es ersetzt nicht die Prüfung der nächsten Nutzung.

E365 hat mehrere Verbrauchseinheiten

E365 stand für 46 Prozent des ARR, nach 45 Prozent im Vorjahr. Der Umsatz des Angebots erhöhte sich im zweiten Quartal von 150,166 Millionen auf 168,730 Millionen US-Dollar. Im ersten Halbjahr stieg er von 297,070 Millionen auf 337,869 Millionen US-Dollar.

Bentley beschreibt E365 als globales, verbrauchsbasiertes Abonnement für ein integriertes Softwareportfolio. Der größte Teil des Umsatzes entsteht durch die tägliche Anwendung. Teile der Bentley Infrastructure Cloud werden dagegen nach der Zahl der Nutzer in einem Kalenderquartal oder nach festen Anlageklassen berechnet.

„Verbrauch“ ist also kein einheitlicher Zähler. Ein Nutzungstag, ein Quartalsnutzer und ein Vermögenswert können unterschiedliche Preislogiken auslösen. Außerdem enthalten E365-Verträge üblicherweise vierteljährliche Mindest- oder Höchstwerte.

Ein Mindestwert kann Bentley auch bei schwächerer Aktivität eine vertragliche Basis sichern. Ein Höchstwert begrenzt überraschende Kundenausgaben, kann aber Bentleys Erlös aus einer Nutzungsspitze deckeln. Das Unternehmen veröffentlicht weder die Summe dieser Grenzen noch den Abstand der aktuellen Nutzung dazu oder ihre Verteilung über die Konten.

Deshalb ist es ebenso falsch, die gesamten 51 Prozent als sofort vollständig variabel zu bezeichnen, wie sie als festen Jahreswert zu behandeln. Schutzmechanismen existieren, ihre Stärke ist aber nicht bekannt. Beobachtete Umsätze, Bindung und Expansion liefern derzeit die belastbarere Evidenz.

CSS macht Budget verfügbar, nicht Leistung fertig

E365-Teilnehmer finanzieren ihr Abonnement über das Cloud Services Subscription-Programm. Ein Konto schätzt die jährliche Nutzung förderfähiger Angebote und zahlt Geld im Voraus ein. Bentley überwacht den tatsächlichen Verbrauch und rechnet ihn je Kalenderquartal gegen die Einlage ab. Nicht verwendete Beträge können in spätere Perioden übertragen oder erstattet werden.

Die bezahlten, noch nicht verbrauchten CSS-Einlagen lagen bei 496,322 Millionen US-Dollar, nach 463,312 Millionen US-Dollar zum Jahresende 2025. Ihre Veränderung steuerte im ersten Halbjahr 37,260 Millionen US-Dollar zum operativen Cashflow-Überleitungsnachweis bei; ein Jahr zuvor waren es 27,426 Millionen. Ende 2025 hatten Konten, die ungefähr 60 Prozent des ARR repräsentierten, CSS-fähige Geschäftsmodelle gewählt.

Die Einlage zeigt mehr als unverbindliches Interesse. Kunden haben Budget in Bentleys Beschaffungssystem verschoben. Das reduziert einzelne Bestellvorgänge und gibt Bentley Liquidität, bevor Software genutzt wird.

Dennoch weist das Unternehmen den Betrag als kurzfristige Verbindlichkeit aus. Die zugehörige Leistung ist noch nicht verbraucht, und Übertragungs- oder Erstattungsrechte bleiben bestehen. Der Geldeingang ist real, aber noch kein verdienter Umsatz.

Wer den CSS-Saldo zum ARR addiert, zählt Finanzierung und Nutzung doppelt. Wer ihn als bedeutungslos abtut, weil er eine Verbindlichkeit ist, übersieht Beschaffungsbereitschaft und Working-Capital-Wirkung. CSS verkürzt den Weg vom Budget zur Nutzung; es garantiert das Ziel nicht.

RPO ist kein Sicherungskonto für ARR

Bentley wies 263,154 Millionen US-Dollar kurzfristige und 17,487 Millionen US-Dollar langfristige abgegrenzte Umsätze aus. Die verbleibenden Leistungsverpflichtungen, RPO, beliefen sich auf 280,641 Millionen US-Dollar. Rund 94 Prozent sollen innerhalb der nächsten zwölf Monate erfasst werden. An diesem Stichtag entsprach RPO der Summe beider Abgrenzungssalden.

Diese Übereinstimmung verführt zu einer unzulässigen Subtraktion. RPO misst Gegenleistung, die noch zu erfüllenden vertraglichen Pflichten zugeordnet ist. ARR misst eine annualisierte Geschwindigkeit aus laufenden Verträgen und bereits realisiertem jüngstem Verbrauch. Variable Gegenleistung, Messzeiträume und Leistungserfüllung folgen anderen Grenzen.

Die Differenz zwischen 1,535988 Milliarden und 280,641 Millionen US-Dollar ist daher kein „ungedeckter ARR“. Sie wäre die Differenz zwischen einem Jahreslaufwert und einem zukünftigen Verpflichtungssaldo. Bentley liefert keine Grundlage, sie als fehlende vertragliche Absicherung zu deuten.

Auch die Bewegungen der Abgrenzungen gehören in ein eigenes Konto. Im ersten Halbjahr wurden 191,560 Millionen US-Dollar aus dem Eröffnungssaldo als Umsatz erfasst und 182,639 Millionen US-Dollar neu abgegrenzt, vor allem aus neuer Rechnungsstellung. 19,473 Millionen US-Dollar des Schlusssaldos betrafen Austauschrechte zur Portfolioanpassung. Das erklärt Zahlungs- und Leistungszeitpunkte, nicht die nächste tägliche Nutzung.

Vier Größen bleiben deshalb getrennt: ARR als Laufgeschwindigkeit, E365 als Nutzungs- und Abrechnungsmechanik, CSS als noch nicht verbrauchtes Guthaben und RPO als noch zu erfüllende Verpflichtung. Sie gehören zur gleichen Kundenbeziehung, sind aber nicht austauschbar.

Die Schätzung besitzt echte Belege

Die Kontenbindung lag in beiden Jahren bei 99 Prozent. Die dollarbasierte Nettobindung wiederkehrender Umsätze betrug jeweils 109 Prozent. Expansion in erhaltenen Konten überwog also Kürzungen und Abgänge. Gleichzeitig wurde die ARR-Zusammensetzung nicht stärker von der Dreimonatsmethode abhängig.

Der wiederkehrende Umsatz der letzten zwölf Monate stieg von 1,309010 Milliarden auf 1,485992 Milliarden US-Dollar. Er lag damit nur ungefähr 50 Millionen US-Dollar unter dem ARR zum Periodenende. Beide Größen dürfen nicht formal gleichgesetzt werden: Die eine blickt auf ein reales Jahr zurück, die andere auf den aktuellen Laufwert. Ihre Nähe widerspricht aber einem ARR, der von realisierten Umsätzen losgelöst wäre.

Im zweiten Quartal wuchs der Abonnementumsatz um 45,183 Millionen auf 378,635 Millionen US-Dollar. Nach Angaben von Bentley kam der Anstieg vor allem aus der Expansion bestehender Konten. Neue Konten lieferten 3 Prozent Wachstum, besonders kleine und mittlere. Das passt zur Nettobindung von 109 Prozent und legt die Abhängigkeit offen: Die Bestandskunden müssen ihre Nutzung weiter ausweiten.

Bentley berichtete Ende 2025 fast 42.000 Konten in 189 Ländern. Ein Konto ist eine Vertrags- und Abrechnungsbeziehung; verbundene Gesellschaften desselben Konzerns können getrennte Konten führen. Daraus dürfen weder 42.000 eindeutige Unternehmen noch Projekte oder Nutzer werden. Die Konzentration des verbrauchsannualisierten Anteils bleibt ebenfalls unbekannt.

Der operative Cashflow des ersten Halbjahrs betrug 264,921 Millionen US-Dollar und lag unter den 280,500 Millionen des Vorjahrs, obwohl CSS-Einlagen stärker positiv wirkten. Vorausfinanzierung verbessert eine Working-Capital-Komponente, bestimmt aber nicht das gesamte Ergebnis.

Die angemessene Lesart liegt zwischen zwei Schlagworten. Bentleys ARR ist weder erfunden noch Auftragsbestand. Er ist eine zeitnahe Schätzung für ein nutzungsorientiertes Softwaregeschäft. Hohe Bindung, Nettoexpansion und realisierter Umsatz geben ihm Gewicht. Nicht veröffentlichte Mindestwerte, Höchstwerte, Nutzungsverteilung und Erstattungen machen jedes Folgequartal zum erneuten Test.

Quellen