Zusammenfassung

  • ARPANET wurde 1990 offiziell stillgelegt, doch TCP/IP hatte es längst vom Internet selbst zu einem Netz unter vielen gemacht.
  • Kontinuität entstand vor der Abschaltung: MILNET war 1983 getrennt worden, NSFNET und weitere Netze boten neue Kapazität, und eine Routing-Änderung von 1989 beseitigte den ARPANET-Transit zwischen NSFNET und DDN.
  • Institutionelle Ablösung gelingt erst, wenn Pfade, Kennungen, Daten, Wissen und Verantwortung nachweislich portabel sind. Gemeinsame Protokolle ersetzen keine Finanzierung und keinen Betrieb.

Eine Abschaltung ohne Netzausfall

Am Ende von ARPANET ist vor allem bemerkenswert, was ausblieb. Das ursprüngliche Paketvermittlungsnetz wurde 1990 offiziell stillgelegt. Universitäten, Bundesbehörden, Regionalnetze und frühe kommerzielle Anbieter kommunizierten weiter; das Internet schrumpfte nicht auf die vier Knoten von 1969 zurück.

Gründungsinstitutionen werden leicht mit ihrer Funktion verwechselt. Wer zuerst Leitungen, Verzeichnis oder Betrieb bereitstellt, kann seine eigene Dauer als Stabilität ausgeben. ARPANET erreichte einen anspruchsvolleren Erfolg: Die von ihm bewiesene Funktion war allgemeiner geworden als die Einrichtung selbst.

Populäre Darstellungen nennen häufig den 28. Februar 1990. Die maßgeblichen Quellen sichern das Jahr, nicht einen universellen Augenblick für jedes Gerät und jede Leitung. DARPA und RFC 1302 verorten die Stilllegung 1990; RFC 1174 spricht im August bereits vom Ende. Die Abhängigkeitskette ist belastbarer als eine scheinpräzise Zeremonie.

Aus dem Netz wurde ein Netz

1968 beauftragte ARPA BBN mit den Interface Message Processors; 1969 verbanden geleaste Leitungen und IMPs die ersten vier Standorte. Zugang zum Versuch bedeutete weitgehend Zugang zu genau diesem Subnetz.

Die Vernetzung von Paketfunk-, Satelliten- und terrestrischen Netzen löste diese Gleichung. TCP/IP schuf eine gemeinsame Ebene, ohne verschiedene Übertragungsmedien und Verwaltungen in eine physische Anlage zu zwingen. Nach der Umstellung vom 1. Januar 1983 musste ein Internet-Host nicht mehr an eine bestimmte Vermittlungstechnik angeschlossen sein.

RFC 1009 zählte 1987 ARPANET, NSFNET, regionale NSF-Netze, MILNET, SATNET und WBNET zum globalen Interconnect. Das Internet war ein heterogenes System eigenständig verwalteter Netze, verbunden durch Gateways und Reichweiteninformationen. ARPANET blieb wichtig, war aber nicht mehr das Ganze.

Damit war Ersetzbarkeit architektonisch möglich. Für eine sichere Stilllegung mussten jedoch die verbliebenen Verkehrs- und Verwaltungsabhängigkeiten tatsächlich umziehen.

Aufgaben trennen, bevor die Anlage geht

RFC 881 ist ein DNS-Einführungsplan, keine Geschichte der Trennung. Sein Zeitplan datiert jedoch die logische ARPANET/MILNET-Trennung auf den 4. Oktober 1983 und die Gateway-Zugangskontrollen auf Februar 1984. RFC 942 beschreibt ARPANET und MILNET anschließend als die zwei großen DDN-Netze. Forschung und militärischer Produktionsbetrieb wurden getrennt, ohne kontrollierte Kommunikation aufzugeben. RFC 878 spezifiziert den 1822L-Hostzugang und ist nicht der Trennungsnachweis.

Auch die akademische Kapazität wuchs anderswo. Die NSF förderte CSNET und nahm 1986 NSFNET in Betrieb. Nach Angaben der NSF stieg die Zahl verbundener Rechner von etwa 2.000 im Jahr 1986 auf mehr als zwei Millionen 1993. Das war keine einfache Thronfolge, sondern belastbare Nachfolgekapazität außerhalb des ersten Subnetzes. ESnet, NASA-Wissenschaftsnetze, Regional- und Campusnetze ergänzten sie.

Zwei direkte Pfade machen den Unterschied

RFC 1133 beschreibt die entscheidende Restabhängigkeit. Bis Mitte 1989 lief der Verkehr zwischen NSFNET und dem Defense Data Network über Zwischenrouter am ARPANET. Drei Gateway-Anordnungen sorgten für Redundanz. Das alte Netz war nicht mehr das Internet, blieb aber Transit zwischen großen Teilen davon.

Im ersten Halbjahr 1989 erhielten zwei DDN-Mailbridges Ethernet-Anschlüsse: bei NASA Ames im Westen und bei Mitre in Virginia. Sie tauschten Routing-Informationen direkt mit NSFNET-Knoten aus. Der RFC nennt die Folge ausdrücklich: MILNET-Standorte waren erreichbar, ohne ARPANET zu durchqueren.

Die zwei Verbindungen teilten Netzankündigungen, nutzten Metriken für bevorzugte Wege und konnten bei Ausfall jeweils die ganze Last übernehmen. DDN und NSFNET behielten Kontrolle über ihre Ankündigungen. ARPANET wurde nicht per Behauptung überflüssig, sondern durch laufende, getestete Alternativpfade.

Was jenseits der Hardware fortbestand

Netznummern, DNS, Hostinformationen, RFC-Archive und Support mussten ebenso erhalten bleiben. RFC 1302 schildert, wie das Network Information Center bei SRI aus offizieller Hosttabelle und RFC-Ablage entstand. Nach der Trennung und Stilllegung setzte der DDN-NIC militärische Dienste fort, während andere Netze eigene NICs betrieben.

RFC 1174 erfasste 1990 die passende Verwaltungsfrage. Mit ARPANETs Ende und dem Wachstum eines globalen Internets war die Nummernverwaltung über Militär, Staat und staatlich geförderte Forschung hinausgewachsen. Ein einziger weltweiter Status „connected“ passte nicht mehr zu Netzen, die Interconnection und Transit selbst bestimmten.

Empfohlen wurde nicht, Eindeutigkeit aufzugeben. Registrierung sollte vom US-Sponsoring getrennt, Policy-Information lokal nutzbar und die Registerfunktion nach Trennung von der Durchsetzung auf mehrere Zentren verteilbar werden. Das Invariant blieb; die institutionelle Hülle durfte wechseln.

Kein Wunder der Dezentralität

Öffentliche Mittel finanzierten Forschung, Nachfolgenetze und Verbindungen. Betreiber verlegten Routen, Organisationen kooperierten und gemeinsame Dienste liefen weiter. 1990 bedeutete auch keine sofortige Privatisierung: NSFNET blieb bis 1995 öffentlich getragen, DDN-Funktionen bestanden fort.

Die Belege liefern DARPA, der Zeitplan in RFC 881, RFC 942 als Hintergrund zum bereits getrennten DDN, RFC 1009, RFC 1133, RFC 1174 und RFC 1302. NSF und Internet Society ergänzen Maßstab und Rückblick. Belegt ist die formelle Stilllegung 1990, nicht eine einzige Sekunde für sämtliche Komponenten.