Zusammenfassung

  • J.P. Morgan gibt an, zwei Baukredite über insgesamt 9,6 Mrd. USD für den Campus Abilene in Texas im Rahmen von Project Stargate arrangiert zu haben – nach eigener Darstellung als Lead Left, alleiniger Underwriter und alleiniger Strukturierer beider Transaktionen.
  • Die belastbarere Zahl steht in einer Rückstellungszeile: Im dritten Quartal 2025 führte die Bank 863 Mio. USD netto der Rückstellung für kreditbezogene Verpflichtungen zu, überwiegend wegen neuer Zusagen vor allem aus dem zweiten Quartal 2025. Diese Verpflichtungen sind noch nicht gezogen.
  • Der Bestand dieser Rückstellung lag zum 30. September 2025 bei 2.798 Mio. USD gegenüber 2.013 Mio. USD ein Jahr zuvor, ein Anstieg um 39 Prozent; die Summe der kreditbezogenen Zusagen betrug 1.714.006 Mio. USD, plus 3 Prozent zum Vorquartal und plus 9 Prozent im Jahresvergleich.
  • Für das zweite Quartal 2026 meldete die Bank 21,2 Mrd. USD Nettogewinn, 57,3 Mrd. USD Umsatz und 2,5 Mrd. USD Kreditkosten; die durchschnittlichen Kredite wuchsen um 10 Prozent im Jahresvergleich.
  • CFO Jeremy Barnum nannte das Rechenzentrums-Underwriting in der Ergebnisbesprechung einen „Bellwether“ und benannte zwei Kernfragen: die Stromversorgung und die Mieter. Man habe einen präzisen Rahmen dafür, was man tue und was nicht – und habe Deals abgelehnt.
  • Ein Dritt-Datensatz schätzt die Rechenzentrums-Exponierung der Bank auf rund 13,3 Mrd. USD und Rang fünf. Die Methode ist nicht offengelegt, und keine Bankangabe bestätigt die Zahl.

Zwei Bücher, zwei Zahlenarten

J.P. Morgan hat auf seiner Kapitalmarktseite selbst veröffentlicht, dass die Bank zwei Baukredite über insgesamt 9,6 Mrd. US-Dollar für den Campus Abilene in Texas im Umfeld von Project Stargate arrangiert hat, nach eigener Darstellung als Lead Left, alleiniger Underwriter und alleiniger Strukturierer beider Transaktionen (J.P. Morgan, Finanzierung von KI-Infrastruktur). Dieselbe Seite ordnet KI-Infrastrukturkredite in zwei Grundstrukturen: Bilanzkredite von Unternehmen und Projektfinanzierungen auf Ebene einzelner Vorhaben. Ein dort namentlich zitierter Banker sagt, Konzentrationsgrenzen für KI seien „part of the dialogue“, während KI als Anteil des Finanzierungsmarkts wächst. Das ist eine Selbstauskunft über Rollen und Volumina, kein geprüfter Ausweis, und sie enthält keine Gesamtexponierung.

Project Stargate wurde im Januar 2025 von der US-Regierung angekündigt und umfasst nach dieser Darstellung Investitionen von bis zu 500 Mrd. USD in US-Rechenzentren und Energieinfrastruktur über vier Jahre. Das ist ein Programmrahmen, keine gezeichnete Finanzierung, und die Spanne zwischen Ankündigung und Auszahlung ist genau die Größe, an der sich die Debatte entscheidet.

Die zweite Zahlenart steht in den Ausweisen. Für das dritte Quartal 2025 berichtete die Bank eine Nettozuführung von 863 Mio. USD in die Rückstellung für kreditbezogene Verpflichtungen, verbucht unter den sonstigen Verbindlichkeiten, überwiegend getrieben durch neue kreditbezogene Zusagen vor allem im zweiten Quartal 2025 (J.P. Morgan, Quartalsbericht 3Q25). Der Form 10-Q für das am 30. September 2025 endende Quartal trägt dieselbe Zahl und dieselbe Ursache über einen unabhängigen Meldekanal (Form 10-Q, Quartal zum 30. September 2025).

Der Unterschied ist nicht spitzfindig. Eine Rückstellung für Kredite deckt gezogene Forderungen; eine Rückstellung für kreditbezogene Verpflichtungen deckt Zusagen, aus denen eine Forderung erst noch werden kann. Im selben Quartal baute die Bank ihre Rückstellung für Kreditverluste um rund 1,4 Mrd. USD netto aus, aufgeteilt in etwa 1,1 Mrd. USD Privatkunden und rund 340 Mio. USD Wholesale, bei einer Vorsorge für Kreditverluste von etwa 3,4 Mrd. USD. Der Zuwachs bei den Verpflichtungen läuft daneben, in einer anderen Bilanzzeile, mit einer anderen Logik.

Der Bestand hinter der Zusage

Der Quartalsbericht allein erklärt den Bestand nicht. Der Finanzsupplement zum dritten Quartal 2025 zeigt ihn tabellarisch: 2.798 Mio. USD Rückstellung für kreditbezogene Verpflichtungen zum 30. September 2025 gegen 2.013 Mio. USD ein Jahr zuvor, ein Plus von 39 Prozent, und 2.757 Mio. USD zum 30. Juni 2025 (J.P. Morgan, Finanzsupplement 3Q25). Ein separates Roll-Forward in demselben Dokument endet bei 2.964 Mio. USD und weist eine Neunmonatsvorsorge von 862 Mio. USD aus; die Quartalsvorsorge für kreditbezogene Verpflichtungen beträgt dort 31 Mio. USD. Beide Zahlen stehen im selben Dokument, gehören aber zu unterschiedlichen Tabellenzuschnitten und dürfen nicht gegeneinander ausgetauscht werden.

Die Nenner sind ebenfalls öffentlich. Die Summe der kreditbezogenen Zusagen lag zum 30. September 2025 bei 1.714.006 Mio. USD, plus 3 Prozent gegenüber dem Vorquartal und plus 9 Prozent im Jahresvergleich; davon entfielen 596.028 Mio. USD auf Wholesale-Zusagen. Die Rückstellung wuchs also schneller als der Bestand, den sie abdeckt – aber sie bleibt dünn: 2,8 Mrd. USD Rückstellung gegen 1,7 Billionen USD Zusagen.

An dieser Stelle endet die Offenlegung. Kein hier geprüfter Ausweis der Bank schlüsselt auf, welcher Anteil dieser Zusagen, dieser Vorsorge oder dieser Rückstellung auf Rechenzentren oder KI-Infrastruktur entfällt. Die Zuführung ist konzernweit und ihre genannte Ursache sind neue Zusagen – welche Branchen, sagt das Dokument nicht. Wer eine Zahl für das KI-Buch der Bank nennt, rechnet entweder selbst oder zitiert jemanden, der es tut.

Was das Management sagt – und was es offenlässt

In der Ergebnisbesprechung zum zweiten Quartal 2026 nannte CFO Jeremy Barnum den Bereich Rechenzentrums-Underwriting einen „bellwether“. Die entscheidenden Fragen seien, was mit der Stromversorgung passiere und was mit den Mietern; man habe „a pretty precise framework to govern what we're willing to do and what we're not willing to do in that space“ und habe Deals abgelehnt (Ergebnisbesprechung 2Q26). Im selben Gespräch räumte er ein, dass ein Teil der Beziehungskredite an junge Gesellschaften geht, die Rechenzentren bauen, und stellte klar, er warne nicht vor einem bevorstehenden Einbruch des Underwritings, sondern beschreibe normale Spannungen.

Jamie Dimon bewertete die Verschlechterung der Kreditstandards bei Wettbewerbern in derselben Besprechung als „very mild“ und nannte die Mechanismen: Annahmen zum Umsatzwachstum, das Zurückrechnen von Aufwendungen, mehr PIK-Zinsen, schwächere Covenants und mehr Rollover-Risiko. Sein Fazit: „our risk standards haven't changed.“ Diese Sätze stammen aus einer providergestützten Transkription der Besprechung; Formulierungen können zwischen Mitschrieben abweichen und sind der Besprechung zuzuordnen, nicht einem geprüften Wortprotokoll.

Für das zweite Quartal 2026 meldete die Bank 21,2 Mrd. USD Nettogewinn oder 7,70 USD je Aktie, 57,3 Mrd. USD Umsatz, 2,5 Mrd. USD Kreditkosten mit 2,4 Mrd. USD Nettoabschreibungen und einem Netto-Reserveaufbau von 149 Mio. USD; die durchschnittlichen Kredite lagen 10 Prozent über dem Vorjahr. Im Jahresverlauf habe man rund 1,9 Billionen USD Kredit und Kapital beschafft, davon 1,7 Billionen USD für Unternehmen und nicht-US-Staatsstellen (Ergebnismitteilung 2Q26). Das ist die Bilanz eines Instituts, das in einem Quartal mehr Kapital vermittelt, als viele Rechenzentrumsprogramme zusammen kosten – und genau deshalb ist die Frage nach der Konzentration eine Frage nach dem Anteil, nicht nach der Fähigkeit.

Syndizierung ist der eigentliche Test

Ob eine Projektfinanzierung ein Bankrisiko bleibt oder verschwindet, entscheidet sich bei der Weitergabe. Bloomberg berichtete, dass J.P. Morgan und die Mitsubishi UFJ Financial Group im August 2025 ein Kreditpaket von 38 Mrd. USD für Oracle-Rechenzentrumsprojekte in Texas und Wisconsin übernahmen und dass Monate später, nachdem mehr als zwei Dutzend Banken und andere Investoren eingestiegen waren, die Syndizierung fast abgeschlossen war, während einzelne Kreditgeber noch weniger als 1 Mrd. USD loswerden wollten (Bloomberg).

Ein zweiter Bericht beschreibt dieselbe Phase nüchterner: J.P. Morgan habe beim Verkauf von Teilen des rund 38 Mrd. USD schweren Stargate-Pakets nachlassendes Interesse erlebt, so eine mit der Sache vertraute Person; dieselbe Person sagte, beide Projekte seien vollständig finanziert und die Syndizierung insgesamt erfolgreich gewesen, während Banken und institutionelle Investoren gegenüber konzentrierter Oracle-Exponierung vorsichtig geworden seien (Business Insider). Beide Aussagen schließen einander nicht aus: eine erfolgreiche Platzierung kann mit Preis- und Zeitzugeständnissen einhergehen. Wer nur eine der beiden liest, bekommt ein falsches Bild.

Weitere Berichterstattung ordnet die Größen ein und nennt die Hindernisse beim Namen: Konzentrationsgrenzen hätten die Syndizierung im späten 2025 und frühen 2026 verzögert; genannt werden rund 10 Mrd. USD für Crusoes ursprünglichen Standort Abilene, 38 Mrd. USD geliehenen Geldes über die Campus von Vantage Data Centers in Texas und Wisconsin und etwa 18 Mrd. USD für ein Projekt von Stack Infrastructure, das eine vierte OpenAI-Einrichtung in New Mexico bedienen soll. Kreditgeber hätten sich geweigert, eine Erweiterung in Abilene auf Basis eines Oracle-Mietvertrags zu finanzieren, worauf der Entwickler an Microsoft vermietete; Vantage erklärte, seine Kredite in Texas und Wisconsin seien im vierten Quartal 2025 weitgehend mit mehr als 50 Kreditgebern syndiziert worden (Hindustan Times).

Die Finanzpresse ergänzt die Strukturen, mit denen Risiko aus Bilanzen bewegt wird. Demnach versuchten J.P. Morgan und MUFG im Mai 2026, die rund 38 Mrd. USD an Oracle-gebundener Schuld zu verteilen, teilweise mit Abschlag, und Banken entwickelten Strukturen eines wesentlichen Risikotransfers („significant risk transfer“), um die riskantesten Tranchen konzentrierter Kredite abzugeben und einen Teil der Exponierung zu behalten (MarketScreener unter Berufung auf die Financial Times). Ein solcher Transfer verändert nicht nur, wer das Verlustrisiko trägt, sondern auch, welche Eigenkapitalerleichterung anerkannt wird. Beides gehört in dieselbe Analyse.

Der Mieterwechsel in Abilene ist dabei der aussagekräftigste einzelne Datenpunkt dieser Recherche. Er zeigt, dass die Kreditentscheidung nicht an einem Gebäude hängt, sondern an einer Bilanz – an der Bonität eines Mieters, der die langfristige Zahlungsverpflichtung trägt. Als die Mieterseite schwächer bewertet wurde, fand das Projekt einen anderen Mieter. Genau das ist die Mechanik, die Barnum mit Stromversorgung und Mietern beschrieben hat.

Die Dritt-Schätzung und ihre Grenzen

Ein Datensatz, der Rechenzentrumskreditgeber zusammenstellt, schätzt, dass J.P. Morgan mit rund 13,3 Mrd. USD an Rechenzentrums-Exponierung auf Rang fünf liegt, davon etwa 11 Mrd. USD syndizierte Schuld und rund 2,3 Mrd. USD Immobilienhypotheken. Derselbe Datensatz schreibt der Bank eine Finanzierung von 7,1 Mrd. USD für den 1,2-Gigawatt-Campus von Crusoe und Blue Owl in Abilene zu sowie die Rolle des Lead Bookrunners für 3,3 Mrd. USD besicherter Anleihen von Hut 8 (Bisnow). Die Methode ist nicht offengelegt, die Zahlen sind nicht von der Bank bestätigt, und sie sind keine Bilanzposition. Sie sind trotzdem nützlich – als Größenordnung, nicht als Beleg.

Was daraus folgt, ist eine offene Frage statt einer These. Ob die 863 Mio. USD Zuführung zur Rückstellung für kreditbezogene Verpflichtungen materiell durch Rechenzentren getrieben sind, ist nicht offengelegt und bleibt offen. Ob das 38-Mrd.-USD-Paket vollständig zum Nennwert verteilt, teilweise mit Abschlag platziert oder teilweise behalten wurde, wird zwischen den Berichten unterschiedlich dargestellt und ist in keinem öffentlichen Filing entschieden.

Und ob Rechenzentrumsfinanzierung eine eigene Underwriting-Anlageklasse mit eigenen Standards ist oder konventionelles Unternehmenskreditrisiko mit ungewöhnlich langlaufenden, einzelmietergebundenen Sicherheiten, lässt sich mit den geprüften Quellen nicht abschließend klären. Falsifizierbar wird die Frage an drei Stellen: an einer Offenlegung, die Rechenzentrums-Exponierung disaggregiert; an einer Primärsyndizierung, die innerhalb eines normalen Zeitfensters zum Nennwert geräumt wird; und an der Verlust- und Restrukturierungserfahrung, wenn ein einzelner Mieter ausfällt.

Für Leser, die die Bank im Verzeichnis verfolgen, ist der Eintrag hier gebündelt: JPMorgan Chase im BTW-Verzeichnis.