Zusammenfassung
- Der gut unterstützte Übergang von Rob Blokzijl zu Hans Petter Holen im Jahr 2014 machte sichtbar, dass RIPE neben persönlichem Vertrauen ein formales Auswahlverfahren benötigte.
- Aus öffentlicher Diskussion, RIPE-727 und RIPE-728 entstand ein System mit Vice Chair, gekoppelten Amtszeiten, einer Begrenzung auf zwei fünfjährige Amtszeiten und einem gemeinschaftlichen NomCom.
Der Vorsitz von RIPE wechselte 2014 von Rob Blokzijl zu Hans Petter Holen. Der Vorgang war nicht als problematischer oder illegitimer Handwechsel beschrieben; im Gegenteil, die Übergabe war gut unterstützt. Ihre Bedeutung lag dennoch über der Besetzung einer einzelnen Rolle. Blokzijl bat zugleich darum, einen formalen Auswahlprozess zu schaffen. Damit war eine institutionelle Spannung benannt: Eine Gemeinschaft kann einer Person vertrauen und trotzdem ein Verfahren brauchen, das nicht von derselben persönlichen Beziehung abhängt.
Holen übernahm den Vorsitz zunächst in diesem Umfeld des bestehenden Vertrauens. Die öffentliche Diskussion über eine neue Grundlage begann nach der Quellenlage 2016. Danach folgten weitere Beratungen auf Treffen und Mailinglisten. Das Ergebnis war nicht der Entwurf einer einzelnen Person, sondern gemeinschaftliche Arbeit, die 2019 in RIPE-727 dokumentiert wurde. Bei der Zuschreibung ist diese Herkunft wichtig. RIPE-727 hatte mehrere Autoren; Daniel Karrenberg redigierte das Dokument und verfasste den größten Teil seines Textes. Auch Anna Wilson ist im Zusammenhang mit der dokumentierten Mitwirkung zu berücksichtigen.
Holen war ein wichtiger Impulsgeber der Diskussion, aber nicht der alleinige Urheber der Regeln.
RIPE-727 beschrieb mehrere Bausteine für die Zukunft. Der Vice Chair wurde wieder als Bestandteil der Führungsstruktur etabliert. Die Amtszeiten von Chair und Vice Chair wurden miteinander verknüpft. Für beide Rollen wurden fünfjährige Amtszeiten mit einer Begrenzung auf zwei Amtszeiten festgelegt. Die Auswahl sollte durch ein gemeinschaftliches NomCom erfolgen und anschließend den vorgesehenen Bestätigungsverfahren unterliegen. Dadurch verschob sich die Frage von „Wem vertraut die aktuelle Führung?“ zu „Welche Schritte soll die Gemeinschaft für eine Auswahl anerkennen?“
Die Mechanik wurde in RIPE-728 näher ausgearbeitet. Das Dokument sah eine Gruppe zufällig ausgewählter freiwilliger Mitglieder der Gemeinschaft vor, ergänzt um einen ernannten, nicht stimmberechtigten Vorsitz. Das Verfahren griff stark auf etablierte Praxis des IETF zurück, statt jedes Detail neu zu erfinden. Diese Anlehnung war kein Beweis dafür, dass das Verfahren automatisch fair, unabhängig oder erfolgreich sein würde. Sie stellte vielmehr einen dokumentierten Versuch dar, Rollen, Beratung, Bestätigung und Rückruf in eine nachvollziehbare Ordnung zu bringen.
Ein zeitgenössischer Bericht von Hans Petter Holen liefert dafür einen konkreten Zwischenstand. Bei RIPE 79 berichtete er, dass 36 Freiwillige in den Pool des NomCom gelangt waren und zehn stimmberechtigte Mitglieder zufällig ausgewählt worden waren. Diese Zahlen zeigen, dass aus einem abstrakten Prinzip ein praktischer Ablauf geworden war. Sie belegen jedoch nicht, dass jede spätere Entscheidung frei von Verzerrungen war oder dass die Zufallsauswahl ein bestimmtes Ergebnis garantierte. Die dokumentierte Auswahlmethode war ein Kontrollmechanismus, keine Zusicherung eines guten Ausgangs.
Die Notwendigkeit des Systems wurde 2020 unmittelbar sichtbar. Im März kündigte das Executive Board von RIPE NCC an, dass Holen nach einer externen Suche zum Managing Director ernannt worden war. Im Mai wurde er Managing Director und trat deshalb als RIPE Chair zurück. Für eine kurze Übergangszeit blieb er im Vorsitz, bis Mirjam Kühne als Chair und Niall O'Reilly als Vice Chair am 1. September 2020 übernahmen. Die offizielle Mitteilung bestätigt diesen Ablauf, sagt aber nichts über private Beratungen oder die vergleichenden Vorzüge einzelner Kandidatinnen und Kandidaten.
Ebenso wenig lässt sich daraus ableiten, dass Holen die Auswahl der beiden Nachfolger bestimmt hätte.
Gerade diese Trennung ist der Kern der Geschichte. Holen war der Ausgangspunkt eines persönlichen Übergangs und später ein sichtbarer Unterstützer der Diskussion über einen formalen Prozess. Die Auswahl des neuen Führungsduos lag jedoch in dem dokumentierten System der Gemeinschaft und ihres NomCom. Seine institutionelle Bedeutung zeigt sich daher nicht in einer persönlichen Nachfolgeregelung, sondern in der Verringerung der Abhängigkeit von einer solchen Regelung.
Das ist eine redaktionelle Schlussfolgerung aus der Abfolge der Quellen, keine wörtliche Selbstbeschreibung des Verfahrens: Institutionelle Reife kann bedeuten, dass ein Amtsinhaber die persönliche Autorität, die seinen eigenen Eintritt ermöglicht hat, teilweise aus dem System herausnimmt. Das Vertrauen verschwindet dadurch nicht. Es wird in veröffentlichte Zuständigkeiten, begrenzte Amtszeiten, eine zweite Führungsrolle, eine Auswahlkommission und einen klaren Übergang übersetzt.
Der Fall ist deshalb weder als allgemeines Gesetz für Organisationen noch als Unternehmenswahl oder Rechtsmodell zu lesen. RIPE entwickelte eine gemeinschaftliche Regelung für seinen eigenen Kontext. Ihr Wert lag zunächst in der Sichtbarkeit der Entscheidungsschritte und in der Möglichkeit, einen Übergang zu organisieren, ohne die gesamte Legitimität an eine einzelne Person zu binden. Ihre Grenzen bleiben ebenso wichtig: Zufall ersetzt keine Verantwortung, Dokumentation ersetzt keine Debatte, und ein Verfahren garantiert weder Unabhängigkeit noch ein richtiges Ergebnis.
Quellen
- H1: https://www.ripe.net/about-us/staff/structure/hans-petter-holen/
- H2: https://www.ripe.net/publications/docs/ripe-727/
- H3: https://www.ripe.net/publications/docs/ripe-728
- H4: https://labs.ripe.net/author/hans_petter_holen/reporting-back-from-ripe-79/
- H5: https://www.ripe.net/about-us/news/ripe-community-selects-new-chair-vice-chair/
- H6: https://www.ripe.net/about-us/news/hans-petter-holen-appointed-as-the-ripe-nccs-managing-director/
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