Zusammenfassung
- Die Muttergesellschaft MKAO "ER-Telecom Holding" ist seit der Ummeldung von Zypern nach Kaliningrad (Eintragung 29. Dezember 2022, Vollzug Januar 2023) alleinige Aktionärin der JSC "ER-Telecom Holding"; laut IFRS-Abschlüssen zum 31. Dezember 2023 und 31. Dezember 2024 ist Andrej Kusjajew die letztlich beherrschende Partei des Konzerns.
- Zum 1. März 2025 wurde die operative Struktur konsolidiert: "Akado Holding" (mit der Kontrolle über "Komkor", die Marke Akado) und "M-Kom" gingen in einer einheitlichen JSC "Komkor" auf.
- Die 2021 vollständig erworbene Avantel-Gruppe soll vollständig integriert werden: Sole-shareholder-Beschlüsse vom 19. Mai 2026 sehen die Löschung der JSC AVANTEL durch Verschmelzung mit der Muttergesellschaft vor, das Filing war für den 25. August 2026 geplant.
- Die Finanzierung wurde um eine gleitend verzinste Anleihe (BO-02-10) über 11 Mrd. RUB ergänzt, registriert am 30. Juni 2025 und platziert am 8. Juli 2025.
- Im Mai 2025 senkte die JSC "ER-Telecom Holding" ihre Beteiligung am IT-Unternehmen OOO "IRIS" von kontrollierenden 55,9 % auf eine Sperrminorität von 25,1 %.
- Großbritannien verhängte am 24. Februar 2025 ein Asset-Freeze und Trust-Services-Sanktionen gegen Andrei Ravelevich Kusjajew; die genannten Gründe sind Behauptungen der sanktionierenden Behörde, keine festgestellten Tatsachen.
- Für eine MTS-Übernahme oder -Beteiligung an ER-Telecom Holding existiert in keiner geprüften Quelle ein Beleg; das Fehlen eines Belegs ist nicht das verifizierte Fehlen eines Geschäfts.
Die wirksame Zustandsveränderung: eine Muttergesellschaft aus Kaliningrad
Der rechtlich entscheidende Schritt lag nicht in einem Geschäft des Jahres 2025, sondern in der Umstrukturierung der Eigentümerkette 2022/2023. Die internationale Aktiengesellschaft MKAO "ER-Telecom Holding" wurde am 29. Dezember 2022 in Kaliningrad eingetragen, nachdem der Sitz von Zypern nach Russland verlegt worden war; die Ummeldung wurde im Januar 2023 vollzogen. Diese Gesellschaft ist nach den IFRS-Konzernabschlüssen des Konzerns selbst zum 31. Dezember 2023 und zum 31. Dezember 2024 die Muttergesellschaft der operativen JSC "ER-Telecom Holding". Die Geschäftsanteile der MKAO werden mit rund 949 Mio.
RUB beziffert, das Grundkapital der MKAO mit 3.469.342,03 RUB. Und dieselben IFRS-Angaben benennen Andrej Kusjajew, den Präsidenten des Konzerns, als die letztlich beherrschende Partei der Gruppe.
Diese Konstruktion hat unmittelbare betriebswirtschaftliche Konsequenzen. Erstens verläuft der Cashflow zum Eigentümer nun über eine russische, nicht mehr über eine zypriotische Kette, was Dividendenzahlungen, Finanzierungssicherheiten und kontrollbezogene Offenlegungspflichten unter russisches Recht stellt. Zweitens gibt der Konzern bei den geprüften Berichtsdaten selbst an, wer letztlich kontrolliert – ein Punkt, der im Sanktionskontext relevant wird.
Drittens bleibt die Eigentumsstruktur der MKAO selbst nicht offengelegt; Registry-Aggregatoren liefern dazu widersprüchliche oder unbelegte Angaben, die im Folgenden als solche gekennzeichnet werden.
Konsolidierung der operativen Gesellschaften: Komkor ab März 2025
Zum 1. März 2025 wurden "Akado Holding" – die kontrollierende Gesellschaft hinter "Komkor" und der Marke Akado – und "M-Kom" zu einer einheitlichen JSC "Komkor" verschmolzen; der Eintrag wurde am 28. Februar 2025 in SPARK-Interfax verzeichnet. Das Unternehmen selbst beschrieb das Ziel als Vereinfachung der Rechtsstruktur. Für die Kontrolle relevant ist eine Randnotiz: Rostec hielt 25,1 % an M-Kom und schied 2023 aus; seitdem gehört M-Kom zu 100 % der JSC "ER-Telecom Holding".
Die Verschmelzung beseitigt damit eine Zwischenebene im Eigentumsverbund, nicht einen externen Minderheitseinfluss – der war 2023 bereits entfallen.
Wirtschaftlich ist das ein Schritt der Verwaltungskosten- und Kontrollreduktion: weniger Rechtsträger bedeuten weniger separate Abschlüsse, weniger gesonderte Haftungsketten und einen direkteren Zugriff auf die Cashflows der Kabel- und Medienaktivitäten. Er verändert keine Marktposition, wohl aber die Transparenz darüber, welche Vermögenswerte hinter welchem Rechtsträger liegen.
Avantel: die vollständige Absorption als letzter Schritt der Integration
ER-Telecom hatte 2021 100 % der zusammengeführten Avantel-Gruppe erworben. Die vollständige rechtliche Integration folgte erst fünf Jahre später: Nach Sole-shareholder-Beschlüssen vom 19. Mai 2026 plante die Muttergesellschaft, am 25. August 2026 die Löschung der JSC AVANTEL durch Verschmelzung mit der Kopfgesellschaft zu beantragen; der Reorganisationsprozess lief seit dem 22. Mai 2026. Derselbe Bericht nennt Konzernzahlen für 2025: Umsatz über 61 Mrd. RUB (+9 %) und Gewinn von 3,7 Mrd. RUB.
Der Mechanismus ist derselbe wie bei Komkor, nur am Ende der Integrationskette: Der Kauf von 2021 veränderte die Kontrolle sofort, die Absorption des Rechtsträgers beseitigt erst Jahre später die letzten getrennten Buchführungspflichten. Für Gläubiger und Geschäftspartner verschwindet damit ein eigenständiger Kontrahent; Verträge, Lizenzen und Verbindlichkeiten der AVANTEL gehen in der Kopfgesellschaft auf.
Finanzierung: 11 Mrd. RUB gleitend verzinst
Am 30. Juni 2025 wurde eine Anleihe BO-02-10 über 11 Mrd. RUB mit gleitendem Zinssatz registriert, am 8. Juli 2025 platziert. Gleitende Verzinsung bedeutet, dass das Zinsänderungsrisiko beim Emittenten liegt: Steigen die Referenzzinsen, steigen die Zinszahlungen des Konzerns unmittelbar. In einem Umfeld hoher russischer Schlüsselzinsen ist das ein bewusster Tausch – Zugang zu Kapitalmarktvolumen gegen Refinanzierungsunsicherheit. Für die Bonitätsbeurteilung zählt die Fälligkeitsstruktur des Instruments, die in den geprüften Quellen nicht im Detail berichtet wird.
Beteiligungsabbau bei IRIS und dieoperative Jahreszahlen
Im Mai 2025 senkte die JSC "ER-Telecom Holding" ihre Beteiligung am IT-Unternehmen OOO "IRIS" von kontrollierenden 55,9 % auf 25,1 % (Sperrminorität), während OOO "Siri Konsalting" 30,8 % erhielt; der Anteil blieb bis zum Abschluss bei ER-Telecom verpfändet. Das ist ein Teilportfolio-Umschichtungsschritt: Kontrolle abgeben, wirtschaftliches Interesse teilweise behalten, Risiko über das Pfand absichern.
Die Jahreszahlen zeigen den Hintergrund der Kapitaldisziplin: Nach IFRS fiel der Nettogewinn 2024 um rund das 3,7-fache auf 1,59 Mrd. RUB (von 5,86 Mrd.), während der Umsatz um 19 % auf 104,58 Mrd. RUB stieg; nach RUS wies die Gesellschaft 2024 einen Nettoverlust von 1,9 Mrd. RUB aus (Vorjahr: Gewinn von 4,5 Mrd.) bei Umsatz von 56,23 Mrd. RUB; Sole-shareholder-Dividenden von 500 Tsd. RUB wurden vollständig gezahlt. Zum Zeitpunkt der Komkor-Restrukturierung waren für die neun Monate 2024 berichtet worden: JSC-Umsatz 40,73 Mrd. RUB, Nettoverlust 1,27 Mrd. RUB; die konsolidierte IFRS-Bilanz der MKAO wies 71,8 Mrd. RUB Umsatz und 743 Mio.
RUB Nettogewinn aus.
Die Spanne zwischen IFRS-Gewinn und RUS-Verlust illustriert, wie stark Rechnungslegungsmaßstab und Konsolidierungskreis die Berichterstattung prägen – ein Leser, der nur eine der beiden Ebenen verfolgt, zieht gegensätzliche Schlüsse.
Die Sanktionsbehauptung vom 24. Februar 2025 – attribuiert, nicht festgestellt
Großbritannien verzeichnete Andrei Ravelevich Kusjajew am 24. Februar 2025 auf seiner Sanktionsliste (UK Sanctions List Ref RUS2438, UK Consolidated Group ID 16802) und verhängte ein Asset-Freeze sowie Trust-Services-Sanktionen. Die englische Begründung nennt Eigentum an oder Kontrolle über ER-TELECOM HOLDING (russischer Informations-, Kommunikations- und digitaler Technologiesektor), JSC MORION und NEFTSERVICEHOLDING; verzeichnete Identifikatoren sind Geburtsdatum 10.06.1965, Geburtsort Perm, Adresse Wien, Österreich. Die Regierung stellte das Paket vom 24.
Februar 2025 als das größte gegen Russland seit 2022 dar, mit der Zielliste als separatem Anhang. Zeitgenössische russische Berichterstattung (Kommersant, 24. Februar 2025) schrieb dem UK Foreign Office die Aussage zu, Kusjajew sei gelistet, weil er die JSC "Er-Telecom Holding" und "Neftserviceholding" kontrolliere.
Es ist redaktionell entscheidend, diese Gründe als Behauptungen der sanktionierenden Behörde zu führen. Der Konzern teilte am 26. Februar 2025 mit, weder Kusjajew noch die JSC "ER-Telecom Holding" hätten Vermögenswerte im Vereinigten Königreich und der Betrieb laufe wie gewohnt weiter. Das ist die ökonomisch relevante Kante: Ein Asset-Freeze wirkt dort, wo Vermögen oder Zahlungsströme der Jurisdiktion unterliegen; ein britischer Sanktionsträger ohne erfasste britische Vermögenswerte des Gelisteten hat zunächst begrenzten direkten Cashflow-Effekt auf den Konzern.
Die Wirkung läuft indirekt: über Zahlungsabwickler, Korrespondenzbankbeziehungen, Kontrahenten mit UK-Niederlassungen und reputationsgetriebene De-Risking-Entscheidungen westlicher Lieferanten.
Was nicht belegt ist: MTS und die EU-Listung
Zwei verbreitete Behauptungen halten einer Quellenprüfung nicht stand. Erstens: In keiner geprüften Quelle aus 2024 bis 2026 wird eine Übernahme oder Beteiligung von MTS an ER-Telecom Holding bzw. Dom.ru berichtet; die zugänglichen Quellen zeichnen durchgängig MKAO als Muttergesellschaft und Kusjajew als letztlich kontrollierende Partei. Das Fehlen eines Belegs ist nicht das verifizierte Fehlen eines Geschäfts – aber es verschiebt die Beweislast an diejenigen, die die Behauptung aufstellen.
Zweitens: Eine EU-Listung Kusjajews ist unbestätigt; verfügbare Sanktionsdatenbanken verzeichnen für ihn UK- (FCDO, 24.02.2025) und ukrainische NSDC-Listungen (19.10.2022), aber kein EU-Programm. Jede Aussage über eine EU-Sanktion wäre damit unbelegt.
Ein weiterer Punkt bleibt offen: Eine frühe Dezember-2025-Übernahme einer von TAdviser als "Коммуникации и связь" wiedergegebenen Gesellschaft konnte vor Erschöpfung des Recherchebudgets nicht gegen eine Primäroffenlegung aufgelöst werden. Eine AK&M-Meldung besagt, die JSC "ER-Telecom Holding" sei Alleineigentümerin dieser Gesellschaft geworden; ihr genauer russischer Firmenname sollte nur so zitiert werden, wie berichtet, und ihre exakte Identität ausdrücklich als attribuiert gekennzeichnet bleiben.
Auch Registry-Aggregatoren liefern widersprüchliche Angaben, die nicht zu Fakten erhärtet werden dürfen: Die russischsprachige Wikipedia führt in ihrem Anteilseignerverzeichnis PFPG 67,9 %, Management 15,8 %, Investoren 16,3 % – ohne Beleg und im Widerspruch zum Kommersant-Bericht vom Dezember 2020, wonach PFPG nach dem Ausstieg von Baring Vostok 87,29 % hielt. Ein Aggregator listet die Rechtsform der MKAO als LLC, während Rusprofile und der Gesellschaftsname auf eine nicht börsennotierte AG hindeuten. Die Eigentumsstruktur und die Gründer der MKAO sind nicht offengelegt.
Die operativ relevante Kette: wo der Mechanismus brechen kann
Der wirtschaftliche Mechanismus der Restrukturierung lässt sich in drei Kettengliedern fassen. Erstens Kontrolle: Die Kaliningrader Muttergesellschaft bündelt die Stimmrechte in russischem Recht; solange Kusjajew als letztlich Beherrschender ausgewiesen ist, liegt die Entscheidungsgewalt bei einer Person, deren Handlungsspielraum durch das UK-Asset-Freeze dort eingeschränkt ist, wo britische Jurisdiktion greift. Zweitens Cashflow: Die Dividendenzahlungen von der operativen JSC zur MKAO (2024: symbolische 500 Tsd. RUB) und die Anleihemärkte sind die sichtbaren Geldströme; ein steigender Referenzzins erhöht die Belastung der BO-02-10 sofort.
Drittens Zugang: In einem sanktionsbeeinflussten Umfeld hängen Gerätelieferungen, Software-Lizenzen und Peering-/Transitverträge von der Risikoeinschätzung der Gegenparteien ab – hier kann ein Freeze auch ohne erfasste Vermögenswerte wirken.
Die Kette kann an drei Stellen brechen: wenn der Referenzzins die Zinslast der Anleihe über das operative Cashflow-Wachstum hinaus treibt; wenn ein Sanktionsträger außerhalb des UK Vermögenswerte oder Zahlungsströme der Gruppe erfasst; oder wenn die nicht offengelegte Eigentumsstruktur der MKAO in einer Weise aufgedeckt wird, die die IFRS-Kontrollaussage ändert.
Der nächste beobachtbare Zustand
Drei Bedingungen entscheiden über den nächsten Zustandswechsel: der Vollzug der AVANTEL-Löschung nach dem geplanten Filing vom 25. August 2026 und etwaige weitere Verschmelzungsanzeigen etwa für OOO "ER-Telecom Moscow"; jede Änderung der nicht offengelegten MKAO-Eigentumsstruktur oder im UK-Status Kusjajews; und die Rückzahlungs- oder Refinanzierungsbedingungen der BO-02-10.
Solange diese ausbleiben, bleibt der Zustand der vom Jahresende 2025: ein rechtlich konsolidierter, russisch registrierter Konzern unter ausgewiesener Kontrolle Kusjajews, mit wachsendem Umsatz, gedrückter Profitabilität nach RUS, gleitend verzinster Kapitalmarktfinanzierung und einer britischen Sanktionsbehauptung, deren direkter wirtschaftlicher Effekt bislang über indirekte Kanäle läuft.
Quellen für die in diesem Bericht verwendeten Fakten: https://www.kommersant.ru/doc/7563295, https://myseldon.com/ru/news/index/325737493, https://www.kommersant.ru/doc/7533494, https://www.gov.je/SiteCollectionDocuments/Industry%20and%20finance/Annex%20-%20Russia%20-%2020250224.pdf, https://www.gov.im/media/1387620/designations-annex-to-russia-news-release-24-feb-2025.pdf, https://www.gov.uk/government/news/uk-announces-largest-sanctions-package-against-russia-since-2022, https://www.akm.ru/eng/news/er-telecom-s-profit-under-ifrs-for-2024-fell-3-7-times/, https://www.rusprofile.ru/id/1223900013930, https://www.audit-it.ru/contragent/1223900013930_mkao-er-telekom-kholding, https://www.testfirm.ru/result/3900005649_mkao-er-telekom-kholding, https://www.cnews.ru/news/top/2025-02-26_pod_novye_sanktsii_popali, https://abn.agency/2026/08/19/er-telekom-holding-zavershaet-integracziyu-avantela/, https://vc.ru/money/1837932-28-na-telekome-novyi-vypusk-obligacii-er-telekom-holding-b2-9-na-razmeshenii, https://www.akm.ru/news/er_telekom_umenshil_dolyu_uchastiya_v_it_kompanii_iris/. Verzeichniseintrag: https://btw.media/de/directory/network-operation-center-jsc-er-telecom-holding-ufa-branch.
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